GEWALTFORSCHUNG: Arithmetik der Barbarei

Der Evolutionspsychologe Steven Pinker versucht mit fragwürdigen Quellen und Zahlenspielen zu belegen, wie die Gewalt im Verlauf der Menschheitsgeschichte abgenommen habe. Dass mit dem Wandel der Gesellschaftsformen auch die Gewalt in anderen Formen auftritt, kommt ihm indes nicht in den Sinn.

„…warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt“: SS-Offiziere im Vernichtungslager Auschwitz beim gemeinsamen Umtrunk. (Zitat: Theodor W. Adorno und Max Horkheimer)

Zu den gängigen Statistiken steht die These, die Steven Pinker in seinem neuen Buch „Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit“ gezogen hat, merkwürdig quer: Dass die Welt friedlicher und die Menschen weniger gewalttätig geworden sind. Dabei ist nach Angaben der AG Friedensforschung der Uni Kassel die Zahl der Kriege und bewaffneten Konflikte 2011 zum ersten Mal seit sechs Jahren wieder gestiegen. In Afrika waren es 13, in Asien sowie im Mittleren und Nahen Osten jeweils elf. Zwar wurde in Lateinamerika nur eine kriegerische Auseinandersetzung verzeichnet, dafür wetteifern Länder wie Mexiko, El Salvador, Honduras, Venezuela und Brasilien um die höchsten Mordraten weltweit. Allein dem mexikanischen Drogenkrieg sind in fünf Jahren 35.000 Menschen zum Opfer gefallen.

Derweil geht es in Europa vergleichsweise sicher zu, obwohl auch hier die Polizei von einer steigenden Gewaltkriminalität berichtet. Wieder handelt es sich um unterschiedliche Gewaltformen – von den Riots in den englischen Städten bis zur Mafia-Kriminalität in Süditalien. Selbst die Luxemburger Polizei glaubt, eine gestiegene Gewaltbereitschaft unter hiesigen Jugendlichen festzustellen.

Umso mehr also überrascht Pinkers These. Der kanadische Evolutionspsychologe will beweisen, dass wir in einer besseren Welt leben als je zuvor. Dafür holt der Harvard-Professor weit aus: Auf mehr als tausend Seiten referiert er von der Frühgeschichte der Menschheit ebenso wie von der griechischen Antike, von biblischen Zeiten wie vom Mittelalter und der frühen Neuzeit.

In detaillierten Schilderungen von Gewaltexzessen und Folterszenen will Pinker zeigen, wie gefährlich das Leben in früheren Epochen war. Kriege, Genozide und Ehrenmorde, Duelle und Vergewaltigungen – der Autor nimmt seine Leser mit auf eine Bildungsreise des Schreckens und überfliegt dabei die Geschichte mit den Mitteln der Anthropologie, Neurologie, Evolutionsbiologie und Psychologie sowie unter Zuhilfenahme von Geschichtswissenschaft, Moralphilosophie, Soziologie und nicht zuletzt der Statistik.

„Von Darwin hat Steven Pinker viel gelernt, von Marx dagegen gar nichts.“

Auf diesem Weg konstruiert Pinker eine Theorie, die durch seinen unerschütterlichen Fortschrittsglauben zusammengehalten wird und letztendlich besagt: Seit dem Aufstieg des modernen Staates als Leviathan und mit dem Prozess der Zivilisation ist es um die menschliche Geschichte besser bestellt. Pinker behauptet zudem, dass die Aufklärung des 18. Jahrhunderts körperliches Leiden und Gewalt zu Zeichen der Barbarei gemacht hat. Auf den Spuren des Soziologen Norbert Elias erklärt Pinker dies mit einer zunehmenden Fähigkeit des Menschen zur Triebbeherrschung. Das Risiko, durch eine Gewalttat ums Leben zu kommen, sei aufgrund von Veränderungen unserer Denk- und Gefühlsmuster gesunken. Die Schattenseiten der Moderne lässt er außen vor.

Sogar das 20. Jahrhundert steht nach seiner Ansicht für die Abnahme der Gewalt. Er setzt die Zahl getöteter Menschen in Relation zur Weltbevölkerung und erstellt daraus eine Art Ranking. Demnach sind die rund 55 Millionen Toten des Zweiten Weltkriegs proportional weniger als die 40 Millionen, die den Mongolen im 13. Jahrhundert zum Opfer fielen, weil auf der Welt damals nur ein Siebtel der Menschen lebte. Der Mord an den europäischen Juden, für die Philosophen Theodor W. Adorno und Max Horkheimer noch so zentral und eine so grundlegend neue Qualität der Gewalt, dass sie die bis dahin weitgehend fraglos erscheinenden Errungenschaften der Zivilisation einer kritischen Revision unterzogen, taucht in Pinkers Top Ten gar nicht mehr auf. Und der Kalte Krieg, in dessen Schatten unzählige Konflikte außerhalb Europas stattfanden, ist bei Pinker ein „langer Frieden“. Was dazu wohl die Angehörigen der Opfer der südamerikanischen Militärdiktaturen sowie der Opfer des Vietnamkrieges und zahlreicher anderer Stellvertreterkriege sagen würden?

Nicht nur die – gelinde gesagt – eigenwillige Verrechnung von Kriegstoten ist fragwürdig; das gilt auch für die Quellen, die der Bestsellerautor für seine anekdotischen Exkurse heranzieht. So dienen ihm etwa Homers „Ilias“ und die Bibel als wissenschaftliche Grundlage. Pinker springt assoziativ hin und her, was zusätzlich verwirrt. Vieles bleibt ohne empirische Grundlage, so auch die Behauptung, dass klügere Menschen weniger zu Gewalt neigen als jene mit einem geringeren IQ.

Will man Gewalt nicht einfach unterschiedslos als anthropologische Konstante begreifen, müssen ihre unterschiedlichen Formen zur Kenntnis genommen werden, um sie überhaupt wissenschaftlich untersuchen zu können. Der Sozialwissenschaftler Wilhelm Heitmeyer hat dies vor zehn Jahren in Zusammenarbeit mit seinem US-Kollegen John Hagan versucht, indem er das „Internationale Handbuch der Gewaltforschung“ herausgab.

Von dem – wohl gemerkt – Friedensforscher Johan Galtung stammt übrigens der Begriff der strukturellen Gewalt, die „vermeidbare Beeinträchtigung grundlegender menschlicher Bedürfnisse“. Gewalt ist also in den gesellschaftlichen Verhältnissen begründet – und tritt, den unterschiedlichen Verhältnissen entsprechend, in voneinander unterschiedenen Formen auf; ein Gedanke, der auf Karl Marx zurückgeführt werden kann. Steven Pinker klammert zwar andere Interpretationen der Gewalt nicht aus, geht jedoch seinen anthropologischen Argumentationsweg unbekümmert weiter. Von Darwin hat er viel gelernt, von Marx dagegen nichts. Entsprechend steht der Erkenntnisgewinn – um abschließend selbst eine Relation zu bemühen – zu der mehr als 1.100 Seiten umfassenden Lektüre in einem recht dürftigen Verhältnis.

Steven Pinker: Gewalt. Eine neue Geschichte der Menschheit.
Aus dem Englischen von Sebastian Vogel.
S. Fischer Verlag, 1.178 Seiten.


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