DESIGN: Transversale Lebenskunst

Im Mad-Magazin gab es einmal eine Liste von Geschenken, die man einem Menschen machen kann, den man nicht mag. Darunter unter anderem der Band XY eines 24-bändigen Lexikons. Schon sprichwörtlich sollte man einem Freund kein Messer und einer Braut keine Schuhe schenken. Auch Seife macht einen schlechten Eindruck. Ähnliche Aussagekraft hat ein Kaktus. Auch wenn es Menschen gibt, die Kakteen lieben und sammeln, fasziniert von der Widerstandskraft der anspruchslosen Pflanzen, reagieren die wenigsten begeistert und erkennen selbstironisch die darin liegende Metapher der stachligen Kratzbürste. Die meisten sind verletzt, geben es aber selbstverständlich nicht zu, um sich nicht bloßzustellen.

Noch pikanter wird das Ganze, wenn man sich einen solchen Kaktus als Vorbild nimmt und aus ihm ein Sitzkissen für Schwiegermütter macht. Die Legende der bösen Schwiegermutter wird wohl als Klischee noch lange Zeit im kollektiven Gedächtnis verankert bleiben. Und so vorurteilsbelastet dieses Bild auch sein mag, man kann einfach nicht anders als über dieses „cactus mother-in-law cushion“ laut zu lachen.

Rot-in-rot auf Nussholz kann man den ersten Einduck der Ausstellung „Transversal Design“, die derzeit im Mudam im Rahmen von „Design City“ gezeigt wird beschreiben. Die Gestaltung der Räumlichkeiten ist derart konsequent, dass nicht nur die Fenster mit roter Folie beklebt, sondern auch die Stühle der Aufseher in rot gehalten sind. Doch bei einem flüchtigen Blick auf das Ensemble beherrscht im Grunde der „tigre nuage“ im separaten Nebenraum die gesamte Ausstellung. Und in diesem an André Heller erinnerndes Stück Arbeit liegt auch – wenn man so will – der einzige Makel dieser Ausstellung. Der Rest ist Gold.

Zum Beispiel der gerade wegen seines Marmorlooks unbequem wirkende Stuhl im Stile Louis XV., der Tisch in Fransenoptik oder die – allerdings nur fotografisch festgehaltenen – Buntstifte, die von der Decke hängen. Durch farblich abgestimmte, gepunktete Linien wird von den Ausstellungsstücken auf Erklärungen und meisterhaft simple Fineliner-Zeichnungen an den Wänden verwiesen, die nicht nur die Entstehung sondern damit auch den „Nachbau“ skizzieren. Daneben geben außer verschiedenen Kuratoren und Kritikern auch die Künstler selbst in Videosequenzen Kommentare zu den Arbeiten zum Besten.
So wie Hollywood auch Ratten zu Köchen machen kann, kann hier jeder Kunst. Es liegt allein in des Einzelnen Wollen und Ermessen. Mit der Idee des von ihnen sogenannten transversalen Designs haben der italienische Designer und Architekt Maurizio Galante und der Trendforscher Tal Lancman aus Tel Aviv einen Querschnitt durch Kunst und (Innen-)Architekur gemacht und letztlich die daraus erwachsenden Aspekte verwoben. Alltagstauglichkeit mag nur eine Nebenrolle spielen, aber die Ideen der beiden liefern mehr Material und vor allem Inspiration als ein Einzelner zur Einrichtung der eigenen vier Wände benötigt. Ihr Versuch aus dem Einfachen das Einzigartige und dem Besonderen das Alltägliche zu machen geht auf. Dass sie ihre Arbeiten nicht selbst schaffen, sondern als Aufträge an Könner des jeweiligen Handwerks weitergeben entspricht eben dem Vorgehen eines Designers. Hieraus erklären sich auch die skizzenhaften „Bauanleitungen“. Abgerundet wird die Ausstellung durch einen Film, der im Auditorium des Mudam vorgeführt wird und Mannequins im Maßstab 1:5 bei ihrem surrealen catwalken zeigt.

Dieser umfassende Blick auf die Arbeiten von Galante und Lancman ist perfekt konzipiert und umgesetzt und sollte sogar die Aufmerksamkeit desjenigen wecken, der kein Interesse an Mode oder Innenraumgestaltung hat.

Im Mudam, noch bis zum 13. Mai.


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