JUGEND: Von Ferkeln und Lämmern

„Sinn déi Jonk all verwinnte Schwéngercher, denen et ze gutt geet? Oder hu se sérieux Problemer a sin souguer eng verluere Generatioun?“ Dieser wohl gewollt provokativen Frage ging die Jugendsektion des OGBL am Montagabend im gut gefüllten Carré Rotondes auf den Grund.

Die Jugendbeauftragte des OGBL, Taina Bofferding, hat den Auftrag, der lange totgesagten Jugendsektion ihrer Organisation neues Leben einzuhauchen. Zu diesem Zweck hatte man den Jugendforscher Helmut Willems von der Uni Luxemburg eingeladen, der 2010 Verantwortlicher des 400-seitigen „Nationalen Berichts zur Situation der Jugend in Luxemburg“ war. In ihrem Vortrag gingen er und sein Mitarbeiter auf die Themen Jugendarbeitslosigkeit, Jugend und Demokratie, Bildung und Jobsuche sowie Jugendarmut ein.

Der Jugendarbeitslosigkeit, die bekanntlich auch von Premier Jean-Claude Juncker als Hauptsorge bezeichnet wurde, war ein Großteil des Abends gewidmet. Für sie sei festzustellen, dass sie mit 15 Prozent im europäischen Vergleich relativ hoch ist und deutlich etwa über der von Deutschland und Holland liegt: „Dieser Prozentsatz ist seit 2002 sehr stabil, sodass es sich nicht um eine Auswirkung der Krise, sondern um ein strukturelles Problem handelt“, so Willems. Des Weiteren finde sich in Luxemburg eine erschreckend hohe „relative Armut“ vor: 20 Prozent der unter 18-jährigen und 16 Prozent der 18-24-jährigen seien gefährdet. Diese Zahlen liegen also weit über dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung. Hierbei zeige sich klar, „dass Bildungserfolg hierzulande stark von sozialer Herkunft und Nationalität abhängt“.

Ein weiteres wichtiges Thema des Abends war das Verhältnis der Jugend zu Demokratie und Politik. Die Lage: Der größere Teil der Bevölkerung ist über 40 Jahre alt, und das Interesse der Jugend an der Politik befindet sich im freien Fall. Dabei dürfe man jedoch, so der Einwand der Forscher, die „unkonventionelle Partizipation“ via Internet nicht vergessen, außerdem sei fast jeder zweite Jugendliche in einem Verein oder Verband engagiert. Sie attestierten der Jugend daher eine „Zufriedenheit mit der Demokratie und ein vielfältiges und punktuelles Engagement“. Ist die Jugend also als eine Herde glücklicher Lämmer anzusehen?

„Die Wirtschaft scheißt auf die Politik“

Ganz im Gegenteil: in der anschließenden, durchaus animierten Diskussion zwischen den Forschern, dem Gewerkschaftspräsidenten Reding und dem Publikum zeigte sich eine gewisse Demokratieverdrossenheit und Desillusion bei den Jugendlichen. Wenn Rating-Agenturen über das Schicksal ganzer Nationen entscheiden, welches Gewicht hat da noch die Stimme des Einzelnen? Willems, den es wunderte, „dass nicht schon längst die Demokratiefrage gestellt wurde“, sprach in diesem Kontext von der Politik als „Erfüllungsgehilfe ökonomischer Interessen“. Ein jüngerer Zuschauer brachte es auf den Punkt: „Ich habe das Gefühl, dass die Wirtschaft auf die Politik scheißt“. Manche machten auch ihrem Unmut über das zunehmende Gewicht der Teilzeitjobs Luft, während Jean-Claude Reding einem Zuschauer widersprach, der forderte, neue Arbeitsplätze müssten primär an Luxemburger gehen. Jeder habe das gleiche Recht auf Arbeit, und ohne die vielen Grenzgänger könne die Luxemburger Wirtschaft nicht bestehen, so der Präsident.

Nach der Diskussion trat noch die Beatbox-Gruppe HumanMic’s auf, die den Saal mit ihren eigenwilligen Klängen in Staunen versetzte. Abschließend wurde in lockerer Atmosphäre an der Bar noch lange weiter diskutiert. Taina Bofferding zeigte sich zufrieden mit dem Verlauf des Abends, den sie als ersten Erfolg ihrer Bemühung verbuchte, der Jugend eine Stimme und eine Lobby zu verleihen. Aber: Der kleine Saal mag gut gefüllt gewesen sein, doch die, die sich eingefunden hatten, waren überwiegend Junggebliebene, und nur zum kleinen Teil echte Jugendliche. Demnach bleibt abzuwarten, ob die Jugendsektion sich dauerhaft etablieren kann. In Zukunft wolle man sich verstärkt dem „Dauerbrenner“ Jugendarbeitslosigkeit sowie den Berufsausbildungen widmen, versprach Bofferding.


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