SOZIOTOP DER EITELKEITEN: Viktorianischer Schickimicki

Ein Snob ist ein Frosch, der versucht, sich zur Größe eines Ochsen aufzublähen. – Diese giftige Charakterisierung hat im 19. Jahrhundert der Autor William Thackeray formuliert. Vor dem Hintergrund der beginnenden Industriegesellschaft beschreiben seine satirischen Charakterporträts den Egoismus der englischen Oberschicht.

Kein woxx-Leser, sondern ein Snob, karikiert im „Book of Snobs“ von William Makepeace Thackeray.

William M. Thackeray wurde 1811 in die englische Oberschicht geboren und hatte schon mit 18 Jahren sein gesamtes Erbe als Spieler und Müßiggänger durchgebracht. Aus Geldnot versuchte er sich als Schriftsteller, was nicht erfolglos bleiben sollte. Sein wohl bekanntestes Buch „Vanity Fair, or, A Novel Without Hero“ (1849) widmete sich der Eitelkeit und Geldgier der britischen Mittelklasse des 19. Jahrhunderts, deren Streben nach Sozialprestige unübertrefflich schien. Als Kolumnist der englischen Satirezeitschrift „The Punch“ machte er in den Jahren 1847/48 die soziologische Spezies der Snobs, der er eine 53-teilige Serie widmete, zum Mittelpunkt seiner Betrachtungen. 1848 wurde die Serie im „Book of Snobs“ zusammengefasst. Der Manesse Verlag hat das Buch anlässlich von Thackerays 200. Geburtstag nun neu ins Deutsche übersetzt.

Anekdotenhaft und in satirischer Manier beschrieb Thackeray den Snob als Vornehmtuer und Blender, der nach gesellschaftlicher Exklusivität strebte und vorwiegend aus der unteren und oberen Mittelschicht stammte. Historische Bedingung für die Blüte des Snobs war die Entwicklung Englands zur führenden Wirtschafts- und Weltmacht im 19. Jahrhundert, durch die das zu Reichtum gekommene Bürgertum die politische und ökonomische Macht des Adels für sich erobert hatte und nun noch dessen kulturelle Symbole zu okkupieren trachtete. Für Thackeray fing das bei üppiger Kleidung, kostspieligem Mobiliar und großer Dienerschaft an und setzte sich bis zur sprachlichen und gestischen Etikette fort. Die Vornehmheit des Adels erreichten die Neureichen für ihn nicht. Er skizzierte sie als Heuchler, eitle Narren und Neider, die nach oben buckelten und nach unten traten. Am „Unseligsten“ fand Thackeray die Snobs, die den Lebensstil der Bessergestellten billig imitierten, einen Reichtum vortäuschten, den sie nicht besaßen und sich damit finanziell ruinierten, was vor allem für die untere Mittelschicht zutraf.

Historische Bedingung für die Blüte des Snobs war die Entwicklung Englands zur führenden Wirtschaft- und Weltmacht im 19. Jahrhundert.

Stutzig wird man angesichts von Thackerays Behauptung, dass auch der Adel seiner Zeit versnobt war, sofern er ein Leben in Pomp führte, „protzte“ und sich in arrogantem Standesdünkel gebärdete. Hatte er sich doch bisher an die ursprüngliche Bedeutung des Phänomens Snob gehalten, als eines Proleten, der die Vornehmen nachäffe. Womöglich hatte er im Sinn, dass sich Mittelklasse und Adel im „Trietzen und Schmähen“ Subordinierter in nichts nachstanden. Zumindest jedoch wird dem Leser klar, dass Thackeray auf die feinsäuberliche und systematische Klassifizierung, die er mit seiner Aufteilung der Snobs in viele verschiedene Typen suggerierte, im Zweifel selbst nicht allzu viel gab.

Mit seinen Snob-Kolumnen hatte der scharfzüngige Satiriker die Ökonomisierung privater Beziehungen im Blick, die auch in der Gegenwart noch gültig ist. So stand für den Autor die „wahre“ Liebe auf Kriegspfad mit dem Snobismus, dessen Maxime lautete: „Du sollst nicht lieben, ohne eine Zofe; du sollst nicht heiraten außer mit Kutsche und Pferden; du sollst keine Gattin im Herzen und keine Kinder auf dem Knie haben ohne einen Pagen mit Knöpfen und eine französische bonne ?“. Auch „natürliche Menschenliebe“ und „ehrliche Freundschaft“ sah Thackeray bei den Snobs auf den Hund gekommen, nämlich dann, wenn der Snob seine eigenen Freunde vergaß, um Höhergestellten nachzulaufen, oder finanzielle Motive die Einladung eines Gastes bestimmten. Damit stehe er seinem eigenen Glück stets im Wege, resümierte der Snobexperte. Genussfähig war der sich selbst ausweisende Feinschmecker und Weinliebhaber schon gar nicht, denn Gastlichkeit und fröhliches Beisammensein sah Thackeray bei den Gesellschaften auf der Strecke geblieben. Stattdessen langweilige Partys und Steifheit, die Gespräche unauthentisch und falsch.

Doch spätestens wenn Thackeray über den Alkoholgenuss, das Rauchen und das Glücksspiel der Clubsnobs die Nase rümpft und sie bezichtigt, darüber ihre Familie zu vernachlässigen, wird dem Leser bewusst, daß er nicht nur wegen seiner humanitären Gesinnung, sondern auch als puritanischer Moralist den Snob verlachte. Wertvorstellungen des viktorianischen Bürgertums wie Bescheidenheit, Sparsamkeit oder Güte scheinen als konträr zum Charakter der Snobs immer wieder durch. Auf moralische Autorität spekulierte Thackeray jedoch kaum: Er moralisierte nicht bloß, sondern ließ immer wieder auch Sympathie für die Spezies Snob erkennen. Hinsichtlich einer möglichen Veränderbarkeit der Snobs war er ohnehin pessimistisch. Thackeray wurde damit zum bloßen Betrachter einer Welt, an deren Besserung er nicht mehr glaubte.

Für den Leser von heute ist das Buch vornehmlich eine lesenswerte Reise in die Geschichte, denn den Snob von damals gibt es heute so nicht mehr; gleichzeitig aber schärft das vor 160 Jahren verfasste Snobbuch unseren Blick auf die gegenwärtige Gesellschaft. In der globalisierten Welt lässt sich nur mehr wenig kulturell so imitieren wie die viktorianischen Snobs dies angesichts von Lebensstil und Geist des Adels versuchten. Die Restbestände und Zerfallsprodukte des Adels finden sich in den Klatschspalten der Yellow-Press wieder.

Das Phänomen, sich nach unten Abgrenzen zu wollen, ist dagegen so aktuell wie zu Thackerays Zeit und äußert sich in sprachlichen Wortschöpfungen wie „Bildungsferne“, im Leistungsdrill der Kinder oder im Konsum teurer Biolebensmittel. Der Wortreichtum und die satirischen Spitzen des Autors machen das Buch zur vergnüglichen Lektüre, auch wenn man öfters in den Anmerkungen des Buches nachschlagen muss, um kulturgeschichtliche Details zu verstehen.

William Makepeace Thackeray – Das Buch der Snobs. Mit Nachwort von Asfa-Wossen Asserate. Aus dem Englischen von Gisbert Haefs. Manesse Verlag, 464 Seiten.


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