INDIGENE BEVÖLKERUNGEN: „Wenn du mir dieses Land nimmst, nimmst du mir mein Leben.“

Die Vereinten Nationen haben 1994 den „Internationalen Tag der indigenen Bevölkerungen“, der jedes Jahr am 9. August begangen wird, ausgerufen. Eine Mitarbeiterin von „Survival International“ berichtet für die woxx über das Schicksal der Awá.

Karapiru sah, wie seine gesamte Familie von Karai (Weißen) massakriert wurde. Er floh und lebte zehn Jahre lang alleine, bevor die FUNAI mit ihm Kontakt aufnahm. Kurz danach fand er seinen Sohn wieder, der den Übergriff überlebt hatte.

In den späten 1980er Jahren berichteten die Bewohner eines Dorfes im brasilianischen Bundesstaat Bahia, dass ihr Vieh mit Pfeilen beschossen worden sei. Bei der Suche nach dem Angreifer entdeckte einer der Bauern einen Indianer, der mit Pfeil und Bogen im nahen Wald umherzog. Obwohl der Indianer kein Portugiesisch verstand, folgte er dem Bauern und blieb bei einer der Familien im Dorf.

Als die Neuigkeit von dem „unbekannten“ Indianer, dessen Sprache niemand verstand, die Runde machte, kamen Mitarbeiter von FUNAI, der brasilianischen Behörde für indigene Angelegenheiten, in das Dorf im Osten Brasiliens. Gemeinsam mit interessierten Anthropologen machten sie jemanden ausfindig, der sich mit dem Mann verständigen und dessen tragische Geschichte aufzeichnen konnte.

Karapiru, so der Name des Indianers, gehört zu den Awá, einem indigenen Volk von Jägern und Sammlern aus dem nordöstlichen Amazonasgebiet. Die Lebensweise seines Volkes ist geprägt von einer engen Verbindung mit dem Wald, der alles liefert, was sie zum Leben brauchen: Jagdwild, Früchte, Honig, Nüsse sowie Baumaterial für ihre Häuser, ihre Pfeile und Bögen. Seit den 1960er Jahren dringen jedoch vermehrt illegale Siedler, Holzfäller und Viehzüchter in das Land der Awá ein. Ihr Gebiet hält heute einen traurigen Rekord: Es ist das Indigenengebiet in Amazonien, das am schnellsten abgeholzt wird.

Die Eindringlinge zerstören nicht nur den Wald, sie gehen auch mit extremer Gewalt gegen die Waldbewohner vor. Karapiru musste mit ansehen, wie Viehzüchter seine Familie überfielen und seine Ehefrau, seine Kinder, Mutter und Geschwister töteten. Verletzt und traumatisiert floh er in den Wald und lebte dort zwölf Jahre lang ohne menschlichen Kontakt. Aus Angst vor erneuten Angriffen blieb er nie lange an einem Ort und legte auf seiner Flucht mehr als 600 Kilometer zurück. Hunger und Einsamkeit trieben ihn schließlich nach mehr als zehn Jahren Isolation in die Nähe des Dorfes.

Karapirus Geschichte ist kein Einzelfall, die auslösenden Umstände sind für viele indigene Bevölkerungen weltweit tägliche Realität. Um auf die zahlreichen Bedrohungen aufmerksam zu machen, riefen die Vereinten Nationen 1994 den „Internationalen Tag der indigenen Bevölkerungen? aus, der seither jedes Jahr am 9. August begangen wird.

Unter indigenen Bevölkerungen versteht man die Nachkommen der Menschen, die bereits vor der Eroberung, Kolonisation und Staatengründung in dem betreffenden Gebiet lebten. Bekannte Beispiele sind die Indianer Nordamerikas oder die Aborigines Australiens. Indigene Gemeinschaften verfügen oftmals über eine enge Beziehung zu ihrem angestammten Land und haben eigene soziale, wirtschaftliche und kulturelle Institutionen. Aufgrund ihrer Lebensweise, die sich von der der Mehrheitsgesellschaft unterscheidet, werden sie oft von dieser unterdrückt und sind Gewalt und Rassismus ausgesetzt. Die Gesamtzahl der Angehörigen indigener Bevölkerungen wird heute auf etwa 350 Millionen geschätzt.

Das größte Problem, dem sie im 21. Jahrhundert gegenüberstehen, ist die Vertreibung von ihrem Land. Die Gier der Industrienationen nach Holz, Erdöl und Metallen und der stetig zunehmende Bedarf an Flächen für Viehzucht und den Anbau von Soja, Zuckerrohr etc. bergen enorme Gefahren für die indigenen Bevölkerungen. Siedler, Holzfäller, Viehzüchter sowie Öl- und Gasfirmen dringen immer tiefer in ihren Lebensraum ein und hinterlassen eine Spur der Zerstörung.

Landraub und Vertreibung

Weltweit sind die Indigenen den gleichen Bedrohungen ausgesetzt. Im indischen Bundesstaat Orissa kämpft die Bevölkerung der Dongria Kondh gegen den Bergbaugiganten Vedanta, der auf dem von ihnen bewohnten Berg eine riesige Aluminumerz-Mine errichten will. Die Guarani aus Brasilien haben fast ihr gesamtes Land an Viehweiden, Soja- und Zuckerrohrplantagen verloren und fristen nun ein Leben unter Plastikplanen am Straßenrand. Im Omo-Tal in Äthiopien bedroht der Bau eines gigantischen Staudamms die Existenzgrundlage von 200.000 Indigene. Die Liste könnte unendlich weitergeführt werden.

Das Schicksal der Aborigines in Australien zeigt exemplarisch die Konsequenzen von Landraub und Rassismus. Seit ihrer Ankunft in Australien raubten oder zerstörten die britischen Siedler das Land der Ureinwohner. Um ihnen „Fortschritt“ zu bringen und sie von ihrer als primitiv angesehenen Lebensweise zu befreien, wurden die Kinder ihren Familien entrissen und an weiße Siedler oder christliche Schulen gegeben. Noch heute leiden viele Aborigines unter Rassismus und Gewalt, und über die Hälfte lebt unter teils katastrophalen Bedingungen in Städten und Randgebieten. Sie sind von hohen Kindes-?sterblichkeits- und Selbstmordraten betroffen und haben eine niedrigere Lebenserwartung als der Rest der australischen Bevölkerung. Zudem sitzen unverhältnismäßig viele Aborigines im Gefängnis.

Obwohl immer wieder behauptet wird, indigene Bevölkerungen würden von der „Zivilisation“ profitieren, lehrt die Geschichte, dass die Gesellschaft den Indigenen meist nur eine „Mitgliedschaft“ auf der untersten Stufe – oft als Bettler oder Prostituierte – anbieten kann. Häufig entwickelt sich eine unauflösbare Abhängigkeit von staatlicher Sozialhilfe. Bevölkerungen, die zuvor selbstversorgt und autark gelebt hatten, sind bleibend auf die Hilfe von außen angewiesen. Statistiken belegen, dass die Gesundheit und das Wohlbefinden indigener Bevölkerungen rasant abnehmen, wenn sie von ihrem Land vertrieben werden, während die Raten von Depression, Sucht, Fettleibigkeit, Diabetes, HIV/Aids und Selbstmord rapide ansteigen.

Es ist erschreckend einfach: Wenn indigenen Bevölkerungen ihr Land genommen wird, überleben sie nicht. Wird es dagegen geschützt, lösen sich die meisten ihrer Probleme.

In den 1980er Jahren erlitten die Yanomami in Brasilien/Venezuela fürchterliches Leid, als Bergarbeiter in ihr Territorium eindrangen und Krankheiten und Gewalt einschleppten. Innerhalb von nur sieben Jahren starben zwanzig Prozent der Bevölkerung. Nach langer Kampagnenarbeit – angeführt von Survival International und der Pro-Yanomami Kommission (CCPY) – wurde 1992 der Yanomami-Park geschaffen. Die Indianer erlangten so die Kontrolle über annähernd 10 Millionen Hektar Regenwald, das größte indigene Einzelgebiet in Brasilien. Das Beispiel der Yanomami zeigt, dass indigene Volker, die auf ihr Land zurückkehren können, sich erholen und überleben. „Wenn du mir dieses Land nimmst, nimmst du mir mein Leben“, mit diesem Appell verdeutlichte auch Marcos Veron von der Bevölkerung der Guarani die Bedeutung des Landes für das Überleben indigener Bevölkerungen. Nur durch den Schutz ihres Landes haben sie die Möglichkeit, ihre Zukunft selbst zu bestimmen.

Ein Happy End?

Der Awá-Indianer Karapiru erlebte schlimme Grausamkeiten, aber seine Geschichte nahm zuletzt eine glückliche Wendung. Als er den jungen Mann sah, den FUNAI ihm als Übersetzer geschickt hatte, traute er seinen Augen kaum – es war sein totgeglaubter Sohn, der das Massaker ebenfalls überlebt hatte. Nach 12 Jahren konnten Vater und Sohn sich wieder in die Arme schließen. Heute lebt Karapiru mit seiner zweiten Frau und ihrer Tochter im Awá-Dorf Tiracambu? und genießt es, wieder Teil einer Gemeinschaft zu sein. Doch das Überleben der Awá ist bedroht wie nie zuvor. Nur noch rund 450 Angehörige zählt ihre Bevölkerung, und obwohl sie in rechtlich geschütztem Gebiet leben, dringen Holzfäller, Viehzüchter und Siedler ungehindert auf dieses vor. Die staatlichen Behörden und die Polizei sind an den Grenzen der Indigenengebiete kaum präsent, und Experten warnen vor einem „Genozid“, sollten die Eindringlinge nicht bald ausgewiesen werden.

Besonders gefährdet sind die rund 100 Awá, die isoliert und ohne Kontakt zur Außenwelt im Wald leben. Weltweit gibt es ungefähr 100 solcher unkontaktierter Bevölkerungen. Vergangene Gewalttaten, Massaker und Epidemien haben ihr kollektives Gedächtnis derart geprägt, dass sie den Kontakt mit der Außenwelt um jeden Preis zu vermeiden suchen. Sie zählen zu den gefährdetsten Menschen der Erde, denn in ihrer Abgeschiedenheit haben sie keine Möglichkeit, Immunität gegen Viren, wie Grippe und Windpocken, zu entwickeln. Von Eindringlingen eingeschleppte Krankheiten löschen immer wieder ganze Bevölkerungen aus.

Um die Awá, „die bedrohteste Bevölkerung der Welt“, vor der endgültigen Ausrottung zu bewahren, hat die Menschenrechtsorganisation Survival International eine Kampagne ins Leben gerufen. Sie fordert den brasilianischen Justizminister auf, die Holzfäller, Siedler und Landbesitzer umgehend aus dem Gebiet der Awá auszuweisen und dessen Grenzen zu sichern. Trotz aller Bedrohungen kann es auch am Ende dieses Jahrhunderts noch Awá-Indianer geben – vorausgesetzt, die brasilianische Regierung ist willens, das Land, und damit die Zukunft der Awá, wirksam zu schützen.

Unterstützen Sie die Kampagne für die Awá und schicken Sie eine E-Mail an den brasilianischen Justizminister: www.survivalinternational.de/awa


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