KLIMAWANDEL ALS CHANCE: Bericht aus Doha

Ob sich die Menschheit auf einen unvermeidlichen Klimawandel vorbereiten oder das Zwei-Grad-Ziel wie eine Beschwörungsformel weiterbeten soll – darüber wird derzeit gestritten. Die Zukunft gehört uns.

Mit dem Ausgang der Klimakonferenz in Doha können wir, allen Unkenrufen zum Trotz, zufrieden sein. Statt die Menschheit mit einer Erklärung wie „Die Erderwärmung ist nicht mehr aufzuhalten“ zu schocken, einigten sich die Regierungsvertreter darauf, offiziell am Zwei-Grad-Ziel festzuhalten, weiterzuverhandeln und die internationale Zusammenarbeit wie bisher fortzusetzen.

Wir können also zuversichtlich in die Zukunft blicken, denn, wie ein unabhängiger Beobachter nach der Verabschiedung des Schlusstextes feststellte: „Unsere Spezies wird gestärkt aus der Klimakrise hervorgehen.“ Hoffnung machen auch die Ergebnisse der parallel stattfindenden Expertenkonferenz „Überleben bei steigenden Temperaturen“. Besonders ermutigend waren die allgemeine Ausführungen dazu, wie wir uns in den vergangenen Jahrtausenden immer wieder erfolgreich an wechselnde Lebensbedingungen anpassen konnten. Zusätzlich wurden vor Ort die Möglichkeiten einer Anpassung an das Wüstenklima illustriert, unter anderem durch die Verlegung eines Teils der wirtschaftlichen und sozialen Aktivitäten unter den Erdboden.

Zwar versuchen die Politiker, ihren Völkern etwas anderes weiszumachen, doch wir sind überzeugt: Das Zwei-Grad-Ziel wird nicht erreicht werden. Die derzeit praktizierte Politik der kleinen Schritte trägt dazu bei, unsere Ausgangsposition für die kommenden Jahrzehnte zu verbessern. Die Voraussage, die Menschheit werde sich zusammenraufen, wenn ihr erst einmal das Ausmaß der drohenden Katastrophe bewusst wird, erweist sich als unbegründet. Weder Staatsvertreter noch Individuen scheinen fähig zu sein, kurzfristige, persönliche Nachteile in Kauf zu nehmen im Interesse des langfristigen Wohlergehens aller.

Das unterscheidet den so genannten Homo sapiens von uns. Unklar bleibt jedoch, wie wir Ratten es anstellen sollen, die Macht auf dem Planeten zu übernehmen. Die Pessimisten unter uns haben recht, wenn sie darauf hinweisen, das sei nicht auf dem Verhandlungsweg zu erreichen – schließlich sind die Menschen ja nicht einmal imstande, untereinander konstruktive Verhandlungen zu führen. Sollte es zu einem „Krieg der Arten“ kommen, so würden sie gewiss ihre hochentwickelten, lebensverachtenden Kampfmittel einsetzen und uns schwerste Verluste zufügen.

Optimistischere Szenarien gehen davon aus, dass sich das Problem von selber löst. Zwar hat die Menschheit große Theoretiker hervorgebracht, deren Erkenntnisse an die Lebensweisheit der großen Tiergesellschaften, von den Ameisen bis zu uns Ratten, erinnern. Doch in den vergangenen Jahrzehnten wurden solche Ideen als Kommunismus diskreditiert, und das Modell der kapitalistischen Ausbeutung von Artgenossen und Natur triumphierte. Die Krisen der vergangenen Jahre zeigen: Auch ohne das Klimaproblem stünde die Menschheit vor einem sozialen und ökologischen Scherbenhaufen.

Steigen erst einmal die Temperaturen, so verschärfen sich die Probleme. Wandern ist Teil unserer Natur, doch die Menschen tun sich schwer damit. Seit Jahrzehnten errichten sie weltweit Mauern, um unerwünschte Artgenossen draußen zu halten – und die Vorgehensweise gegenüber den zu erwartenden Klimaflüchtlingen dürfte noch brutaler ausfallen. Die sich verschärfenden ökologischen und sozialen Konflikte werden früher oder später, wie für diese Spezies typisch, in Form von Kriegen ausgetragen, bei denen die Beteiligten von vorneherein Kompromisse ausschließen. Damit ist eine rücksichtslose gegenseitige Vernichtung und die weitgehende Selbstausrottung vorprogrammiert. Angesichts des Schadens, den die menschlichen Aktivitäten der letzten Jahrhunderte der Biosphäre zugefügt haben, kann man nur sagen: Je schneller, desto besser.


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