MEXIKO: Der lautlose Klang einer Utopie

Kurz vor Weihnachten haben die Zapatisten in Chiapas mit einem spektakulären Auftritt von sich Reden gemacht. Wieder wird deutlich: die zapatistische Variante der sozialen Revolution strebt nicht nach Macht, sondern nach tiefgreifender Demokratisierung – auch daher hat ihr die politische Klasse Mexikos nichts zu bieten.

Wer nie weg war, kann nicht zurückkehren:
Schweigeprozession der Zapatisten
am 21. Dezember in Chiapas.

Mit dem Stinkefinger war alles gesagt. Viel mehr hatten die Zapatisten nicht zu kommentieren, als Mexikos Präsident Enrique Peña Nieto Ende Januar seinen „Nationalen Kreuzzug gegen den Hunger“ ankündigte. Dabei waren der Staatschef und seine hochkarätige Begleiter-Crew aus Ministern und anderen Politikern extra in den Bundesstaat Chiapas gereist, um das neue Sozialprogramm vorzustellen. In der Provinzhauptstadt Las Margaritas erklärte der Staatsmann, wie er künftig die Armut im Land bekämpfen wolle. „Es ist ungerecht und widersprüchlich, dass hier 50 Prozent der durch Wasserkraft erzeugten Energie des Landes hergestellt werden und zugleich 78 Prozent, also drei Viertel der Bevölkerung in Armut leben“, beschwor Peña Nieto mit Blick auf Chiapas. Die indigenen Rebellen hatten in ihrem Kommuniqué zum Auftritt von „Ali Baba und seinen 40 Räubern (Gouverneure, Regierungschef und Stiefellecker)“ neben dem ausgestreckten Mittelfinger nur wenige Sätze übrig: „Wir finden keine Worte, um unser Gefühl über Ihren Nationalen Kreuzzug gegen den Hunger zum Ausdruck zu bringen.“

Es war kein Zufall, dass Peña Nieto ausgerechnet in der verarmten Region im Südosten sein neues Projekt verkündete. Seit Langem ist hier das Zapatistische Befreiungsheer (EZLN) aktiv. Das alleine hätte den smarten Politiker der Partei der Institutionellen Revolution (PRI) sicher nicht dazu bewegt, ausgerechnet in diese Provinz zu reisen. Doch nachdem es in den letzten Jahren um die Aufständischen etwas ruhiger geworden war, ließen sie kurz vor Weihnachten mit einem spektakulären Auftritt von sich hören. Just am 21. Dezember, dem Tag des angekündigten Weltuntergangs, tauchten sie wie aus dem Nichts in fünf Städten von Chiapas auf. Während rund um den Globus Esoteriker dem endgültigen Ende entgegen fieberten und Touristen an Mexikos Maya-Pyramide Chichén Itzá Kerzen in den karibischen Himmel streckten, gingen einige Hundert Kilometer weiter südlich über 40.000 Zapatistinnen und Zapatisten auf die Straße. Vermummt in ihren schwarzen Masken, zogen sie schweigend durch die Städte. Keine Redebeiträge, keine Parolen, keine Transparente. Nur eine kurze Botschaft: „Habt ihr das gehört? Es ist der Klang eurer Welt, die zusammenbricht. Es ist der Klang unserer Welt, der wiederkehrt“, schrieb EZLN-Sprecher Subkommandant Marcos.

Da war sie wieder, die alt bewährte Kommunikationsstrategie. „So wie sie ihr Gesicht verhüllen mussten, um gesehen zu werden, haben sie jetzt das Sprechen unterbrochen, um gehört zu werden“, schrieb Luis Hernández Navarro, Chefkommentator der linken mexikanischen Tageszeitung „La Jornada“. Das Schweigen der Maskierten kam an. Nur wenige Tage nach den Märschen bat Innenminister Miguel Osorio Chong die Zapatisten um Geduld, kurz darauf schlug die Regierung von Peña Nieto vor, mit der EZLN über die Rechte der indigenen Bevölkerung zu verhandeln. Und nun der Auftritt in Las Margaritas.

Die Zapatisten interessieren sich nicht für solche Angebote, staatliche Hilfsprogramme halten sie für Versuche, Menschen zu korrumpieren. Ihre Adressaten suchen sie in den indigenen Gemeinden, in den sozialen Bewegungen, unter rebellischen Studierenden – sprich bei jenen, die sich „von unten“ gegen den so genannten Drogenkrieg, den Ausschluss von Indigenen sowie andere Minderheiten und für eine Welt stark machen, „in die viele Welten passen“. Dort wurde das Schweigen richtig verstanden. Die Sprache könne sich des Grauens der barbarischen Verhältnisse nicht mehr annehmen, reagierte der Dichter Javier Sicilia, Initiator der mexikanischen Friedensbewegung, und schrieb in Anlehnung an Adorno: „Es bleibt nur die Stille.“ Die Zigtausende von Toten und Verschwundenen, die Zerstörung bäuerlicher Lebensgrundlagen und die zunehmende Verarmung lassen viele Menschen hoffnungslos in die Zukunft blicken. In dieser Zeit, so meint Sicilia, müsse Mexiko mit Leuten wie den Zapatisten rechnen: „Es sind diese Anonymen, diese Ausgeschlossenen, die leise und überraschend wieder die Straßen der Städte besetzen, die gemeinsam mit den Anderen die Nacht zum Tag werden lassen.“

Tatsächlich erschienen die Rebellinnen und Rebellen an jenem 21. Dezember überraschend – es war ihr größter Aufmarsch, seit die EZLN im Januar 1994 mit einem bewaffneten Aufstand erstmals öffentlich in Erscheinung trat. Niemand hatte damit gerechnet. Doch die Rezeption zahlreicher Kommentatoren, die nun von einer „Rückkehr der Zapatisten“ sprechen, führt in die Irre. Denn „wer nicht verschwunden ist, kann nicht wieder erscheinen“, schreibt Luis Hernández Navarro zu Recht. Seit Langem konzentrieren sich die Aufständischen darauf, in den von ihnen beeinflussten Dörfern autonome Strukturen zu entwickeln. Sie bauen eigene Krankenhäuser und Schulen, regieren ihre Gemeinden in selbst organisierten „Räten der Guten Regierung“ und verteidigen sich gegen Angriffe von außen. Doch das ist nicht der Stoff, aus dem Schlagzeilen gemacht werden. Nur noch einige Menschenrechtler und enge Verbündete interessierten sich in den letzten Jahren dafür, dass die Zapatisten permanent von paramilitärischen Gruppen terrorisiert werden.

Nur noch wenige interessierten sich in den letzten Jahren dafür, dass die Zapatisten permanent von paramilitärischen Gruppen terrorisiert werden.

Wie für viele indigene Gruppen symbolisierte für die Aufständischen aus dem mexikanischen Südosten jener 21. Dezember nicht den Untergang der Welt, sondern den Beginn eines neuen Zyklus im Maya-Kalender. Dass sie just an diesem Tag so massiv aufgetreten sind, bestätigt die Entschlossenheit der Rebellen, an ihrem seit Langem eingeschlagenen Weg festzuhalten. Sie orientieren sich an ihrer Agenda und ihrer Geschichte. Die politische Klasse – von links bis rechts – hat ihnen nichts zu bieten. Zahlreiche Kommuniqués, mit denen sie in den letzten Wochen ihr Schweigen gebrochen haben, bekräftigen diese Haltung. Die Erklärungen beschäftigten sich auch mit einem recht weltlichen Zyklus: mit der Amtsübernahme Peña Nietos. Am 1. Dezember wurde der PRI-Politiker als Präsident gekürt. Damit regiert wieder jene Partei das Land, die bis 2000 über 70 Jahre die Staatsgeschäfte lenkte. Der Aufstand der EZLN 1994 richtete sich gegen diese Herrschaft, die von Korruption geprägt war. Auch hinter den paramilitärischen Angriffen, denen zapatistische Gemeinden ständig ausgesetzt sind, stecken häufig der PRI nahestehende Gruppen. Selbstbewusst erklären die Indigenen nun: „Sie haben nie abgedankt, wir aber auch nicht!“

Ebenso entschlossen kritisieren sie die Linke. „Die schlechten Regierungen des gesamten politischen Spektrums haben ohne Ausnahme alles dafür getan, uns zu zerstören, uns zu kaufen und uns zum Aufgeben zu zwingen“, schreibt „SupMarcos“. Diese Haltung hat große Teile der Linken verärgert und ist mitverantwortlich für die Distanz, die viele Oppositionelle zur EZLN halten. Bei den Präsidentschaftswahlen im Jahr 2006 hatten sich die Rebellinnen und Rebellen gegen den Kandidaten Andrés Manuel López Obrador gestellt. Viele Gewerkschafter, Intellektuelle und städtische Aktivisten hatten dagegen auf den Politiker der sozialdemokratischen PRD gesetzt. Den Zapatisten warfen sie Sektierertum vor, die hatten jedoch allen Grund zur Vorsicht. Schließlich hatten auch PRD-Abgeordnete für ein Indigenen-Gesetz gestimmt, das die meisten indigenen Gruppen ablehnen. In Chiapas mussten die Aufständischen erleben, wie PRD-Parteigänger aggressiv gegen sie vorgingen. Von dieser Welt der korrupten Parteien und käuflichen Politiker haben sich die Zapatisten schlicht verabschiedet. „Wir brauchen sie nicht, um zu überleben“, schreiben sie jetzt mit Blick auf die parteipolitische Linke.

Trotz dieser radikalen Positionierung haben die Märsche der Maskierten ein ungewöhnlich intensives Echo hervorgerufen. Dafür gibt es mindestens zwei Gründe: Mit der Rückkehr des Dinosauriers PRI ist zu befürchten, dass soziale Bewegungen noch stärker angegriffen werden. Schließlich ist die damalige Staatspartei in ihrer 70jährigen Amtszeit immer repressiv gegen Oppositionelle vorgegangen, die sich nicht integrieren ließen. Zugleich hat die parlamentarisch orientierte Linke wenig Erfolge aufzuzeigen, im besseren Fall ist sie wie die gesamte politische Klasse nur korrupt, im schlechteren arbeitet sie mit der Mafia zusammen. Folglich sind es in erster Linie emanzipatorische Bewegungen, die sich glaubwürdig für ein Ende des Krieges oder gegen die Korruption einsetzen. So zum Beispiel Sicilias Friedensbewegung und die Studentenbewegung „yo soy 132“. „Es gibt ein breit gefächertes politisches und soziales Territorium, das die parteipolitisch orientierte Linke nicht abdeckt“, schätzt Kommentator Hernández ein, und „die Zapatisten genießen eine nicht angezweifelte Autorität unter denen, die sich in diesem Bereich bewegen“.
Auch Pablo González Casanova ist zuversichtlich. Der ehemalige Rektor der Autonomen Nationalen Universität von Mexiko (UNAM) und renommierte Intellektuelle lobt das Prinzip des „gehorchenden Regierens“, nach dem die Zapatisten ihre „Räte der guten Regierung“ ausrichten, als zukunftsweisend. In sozialen Revolutionen gehe es nicht mehr darum, die Macht zu erobern, sondern eine grundlegende demokratische Transformation der Gesellschaft von unten durchzusetzen. Weniger soziologisch beschreibt „SupMarcos“: „Trotz nicht gerade wenigen Fehlern und vielen Schwierigkeiten ist unsere andere Form, Politik zu machen, hier bereits Wirklichkeit.“ Selbst der PRI nahe stehende Indigene kämen in ihre Krankenhäuser und Kliniken, weil es in denen der Regierung keine Arznei, keine Ärzte und kein qualifiziertes Personal gebe. Und während viele Regionen Mexikos von Kartellen kontrolliert werden, können sich die Zapatisten der Kriminellen erwehren.

Abseits der tagespolitischen Agenda haben die indigenen Rebellinnen und Rebellen also erfolgreich eine gesellschaftliche Alternative entwickelt. Ihre stoische Kontinuität, ihr kohärentes Handeln und ihr unnachgiebiger Einsatz für die Würde und Rechte der indigenen Bevölkerung ließ sie auch in Zeiten durchhalten, in denen sich der linke Mainstream abgewandt hatte. Wohl deshalb klingt in den Worten der Zapatisten neben großem Selbstbewusstsein immer etwas Trotz durch. „Sie fühlen sich nicht besiegt, aber verraten“, erklärt sich Jenaro Villamil in der Wochenzeitung „proceso“ dieses Verhalten. In einer Gesellschaft, die das politische Spektakel suche, sei es schwierig, die Signale einer Bewegung wie der EZLN zu verstehen. „Gerade deshalb verweist ihre Fähigkeit, die Aufmerksamkeit wieder auf sich zu lenken, auf den Beginn eines neuen Zyklus.“

Inzwischen ist in den zapatistischen Gemeinden eine neue Generation herangewachsen. Viele, die sich an den Schweigemärschen beteiligt haben, waren zu Zeiten des Aufstands von 1994 noch Kinder. „Ohne Eile, aber auch ohne Pause, ist der Zapatismus von innen gewachsen, hat neue Generationen mit anderen Vorstellungen von Gerechtigkeit und Würde hervorgebracht“, skizzierte Gustavo Ogarrio diesen Prozess in der „Jornada“. Der ecuadorianische Indigenen-Vertreter Severino Sharupi sprach von einer „Schildkröte, die zwar langsam ist, aber fest auf ihren vier Füßen steht und deshalb nicht fallen kann“. Bisher hat sich das Reptil tatsächlich gut gehalten, ohne staatliche Almosen anzunehmen oder sich der politischen Klasse unterzuordnen. Einmal mehr haben die indigenen Aufständischen klar gemacht, dass sie es ernst meinen: „Nie mehr ein Mexiko ohne uns!“

Wolf-Dieter Vogel ist freier Publizist und Mitherausgeber des Buches „NarcoZones – Entgrenzte Märkte und Gewalt in Latein-amerika“, das im vergangenen Jahr erschienen ist (woxx 1187). Vogel hat lange Jahre in Mexiko-Stadt gelebt und hält sich weiterhin regelmäßig zu Recherchezwecken dort und in anderen lateinamerikanischen Ländern auf.


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