Baumgarten Bernard: Mut zu Neuem

Ab dem 2. Oktober wird im Escher Theater das Stück „Pseudo-Krupp“ aufgeführt. Wir sprachen mit dem Choreographen Bernard Baumgarten über seine Arbeit und sein neuestes Werk, das eigentlich eine Theaterinszenierung ist.

Foto: Christian Mosar

Sie leben und arbeiten nicht nur in Luxemburg sondern auch in Berlin. Warum?

Als ich vor 16 Jahren ins Ausland ging, war Luxemburg künstlerisch eine „Wüste“. Heute ist das anders: man ist kreativer geworden. Aber trotzdem: Ich will nicht ausschließlich in Luxemburg arbeiten. Ich habe mir Luxemburg etwas „abgewöhnt“. Ich bin eben experimentierfreudig und will soviel wie möglich sehen und erleben. Das verhindert, dass man sich im Kreis dreht und steigert die Kreativität. Und die Inspirationen und Erfahrungen aus dem Ausland kann ich mit hierher bringen. Das bin ich Luxemburg und den Leuten, die hier aktiv sind, schuldig.

In den letzten Jahren hat sich im Bereich des Tanzes viel verändert. Hat Luxemburg in dieser Sparte seinen Rückstand aufholen können?

Ja, vor allem das Escher Theater leistet eine sehr wertvolle Arbeit, um die Entwicklung des Tanzes voranzutreiben. Im Gegensatz zum Städtischen Theater, das die klassische Schiene fährt, ist man in Esch auch für Neues offen. Ich selbst habe als Mitorganisator des Festival Cour des Capucins die Möglichkeit, neue Produktionen, die ich im Ausland gesehen habe, nach Luxemburg zu holen. Und da bin ich risikofreudig. Ich bin der Meinung, dass auch das luxemburgische Publikum sich an etwas Anderes, das Experimentelle, gewöhnen kann.

In Ihrem neuen „Experiment“ geht es um Arndt von Bohlen und Halbach. Warum ist der letzte Mann der Krupp-Dynastie so interessant für Sie?

Arndt von Bohlen ist ein zeitgenössischer Charakter. Er ist ein Kind der Dritten Generation: Er hat sich weder für sein materielles noch für sein privates Glück groß einsetzen müssen. Er konnte aber nicht mit seinem Glück umgehen. Er brach mit der Familie, verzichtete auf seinen Erbanteil und ging verschwenderisch mit dem ihm zustehenden Geld um. Gleichzeitig zog er sich in eine gewisse Lethargie zurück. Und genau die ist auch interessant. Im Stück kommen wir Arndt ein wenig entgegen, weil wir ihn auch als Opfer seiner Familie oder der „Umstände“ zeigen.

Die Familie Krupp hat im zweiten Weltkrieg eine sehr fragwürdige Rolle gespielt. Wird dies in dem Stück sichtbar?

Nein, wir wollen ja auch keine Biografie zeigen. Das Stück befasst sich nur sehr wenig mit der Krupp-Dynastie. Alles was vor den 60ern passiert ist, interessiert hier nicht. Es geht ausschließlich um Arndt und seinen Bezug zur Familie. So sehen wir ihn in den Beziehungen zu Vater, Mutter, Freund und Frau. Es geht darum, zu verstehen, wer dieser Arndt ist und warum er so geworden ist.

Warum der Titel „Pseudo-Krupp“? Das ist doch eine Kinderkrankheit …

Arndt war weder für den Staat, noch für die Familie ein Krupp. Ihm war verboten worden, sich so zu nennen. Und dennoch benutzte er den Namen. Er war also ein Pseudo-Krupp. Die Parallele zur Krankheit ist in seiner Lebensgeschichte zu suchen. So wie der Krupphusten einen tragischen Verlauf nehmen kann, durchlebte Arndt ein tragisches Schicksal.

Ein Literatur-Kritiker fragte sich, nachdem die Biografie zu Arndt von Bohlen und Halbach erschienen war, „ob es der Mühe wert ist, das Leben und die Neurosen eines längst vergessenen Menschen zu diagnostizieren“.

Natürlich macht es Sinn, sich mit der Figur des Arndt von Bohlen und Halbach zu befassen. Er ist ein Spiegel der Gesellschaft, des Jet-set oder auch einer Gesellschaft, die im materiellen Überfluss lebt, so wie wir sie auch hier in Luxemburg kennen. In „Pseudo-Krupp“ geht es gar nicht um die Person Arndt von Bohlen und Halbach, sondern um seinen Charakter. Er steht stellvertretend für all jene jungen Menschen, die unter dem sogenannten Werteverlust leiden. Diese Misere und ihre Hintergründe sollen herausgeschält werden. „Pseudo-Krupp“ ist ein Blick hinter die Kulissen der „Partygeneration“.

Mit welchen Mitteln wird auf der Bühne gearbeitet?

Wir haben mehrere Stilmittel eingesetzt: Theater, Tanz und Live-Musik. Es werden zwei Welten gezeigt. Die Welt von heute und die vor 30 Jahren. Wir sehen zum einen Arndt in seiner Villa in Marrakesch. Zum anderen rezitieren die Schauspieler aus Interviews, die dem biografischen Film „Der letzte Krupp“, nach dem gleichnamigen Buch von Hanns-Bruno Kammertöns entnommen sind. Sie erzählen dem Publikum, wer Arndt war und warum er so geworden ist.

Ist das Multidisziplinäre zum Trend geworden?

Ja, und warum sollte man nicht verschiedene Mittel benutzen, warum sollte man nicht „quer denken“? Natürlich kann das mal schief gehen. Aber Erfolge gibt es ebenso. Ich denke, dass es einen gewissen Mut beweist, mit gewissen Regeln des Tanzes oder des Theaters zu brechen. Und letztlich ist es für alle Beteiligten und für das Publikum doch viel spannender als altbewährte Rezepte zu benutzen, von denen bekannt ist, dass sie funktionieren.

Was wünschen Sie sich für „Pseudo-Krupp?“

„Pseudo-Krupp“ ist für mich wie ein Meilenstein. Es birgt eine viel größere Herausforderung als die vorherigen Produktionen: Der Tanz steht nicht mehr im Vordergrund. Ich hoffe, dass sowohl das luxemburgische wie das ausländische Publikum die Gelegenheit wahrnimmt und das Risiko eingeht, sich auf etwas ganz Neues einzulassen.

Das Interview führte Bibine Schulze

Hanns-Bruno Kammertöns: „Der letzte Krupp“, Hoffmann und Campe Verlag, 1998, 285 Seiten. Das Buch wurde vom Autor selbst und dem Filmemacher Manfred Uhlig unter dem gleichen Namen verfilmt.

„Pseudo-Krupp“, ein Tanzstück von Bernard Baumgarten. Ein Ausschnitt aus dem Stück wird am 22. September während der Veranstaltung „Après Soleil“ im Sang & Klang zu sehen sein. Permiere ist am 2. Oktober im Escher Theater. Weitere Spieldaten: 3. und 5. Oktober, jeweils um 20 Uhr.

Karten unter 55 09 16.


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