ANDERS LIEBEN: Ein schönes Missverständnis

Ronald M. Schernikaus szenische Erzählung „so schön“ ist der Utopie einer anderen Form von Subjektivität gewidmet – ohne Angst, Eifersucht und Neid. Ein Frühlingsreigen in 48 Episoden.

So schön: Der 1991 verstorbene Schriftsteller Ronald M. Schernikau.

Tonio und Franz treffen sich auf der Klappe, einem Treffpunkt für schnellen Sex. Zuhause treffen sie Paul, der sich mit Bruno aufs Sofa fallen lässt. Franz und Paul wohnen zusammen, Paul und Bruno sind in derselben kommunistischen Bezirksgruppe. Liebevolle Albernheit und politische Agitation bestimmen den Alltag der Berliner Wohngemeinschaft. Schlagermusik hallt über den Flur, alle Türen stehen offen. Der Sommer ist ungewöhnlich schön. „so schön“ ist auch der Kurztitel und wiederkehrende Refrain von Ronald M. Schernikaus Erzählung „und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel“.

Leichtfüßig bewegen sich die vier jungen Männer durch die frühen Achtzigerjahre. Auf Demos steckt Paul sein Parteiabzeichen an die Jacke, läuft aber lieber mit Franz im Schwulenblock. Bruno bleibt gerne bei den Genossen, Tonio ist meist schon früher gegangen. Es ist unverkennbar der Sommer 1982: Die Schwulenbewegung trauert um Rainer Werner Fassbinder und Romy Schneider. Die Friedensbewegung sammelt Unterschriften für den Krefelder Appell gegen den NATO-Doppelbeschluss. „weg mit den atomraketen! heteros raus aus westberlin!“ Die Berliner Subkultur gibt sich radikal.

Bruno und Paul verhalten sich im Kreisbüro zwar ganz „ehepärlich“, aber die Forderung nach einer rechtlichen Gleichstellung mit der „kommunistenehe“, wie sie der Kreisleiter führt, kommt beiden nicht in den Sinn. Tonio erschrickt über seinen eigenen Witz, Franz ein Kind zu machen. Die spießige Kleinfamilie ist eher Alptraum, als Wunschvorstellung. Tonio und Franz, Bruno und Paul versuchen es anders, „einer die beine um den andern, einer am mund des andern, einer so schön wie der andere kann“. Die Kunst besteht darin, keinen zu haben und keinen zu verlieren. Zu mehreren soll alles ganz anders werden. In der Bewegung kann sich jeder vervollkommnen, Eifersucht und Angst überwinden. Das Versprechen ist so schön: „du wirst wer sein, den du nicht kennst“. Auch Franz sieht man noch nicht an, dass er eine verzauberte Schlagersängerin ist.

Die Liebe scheint nur möglich „in ausschließlichkeit, in notwehr und zweisamkeit“.

Doch der schwule Kiez ist keine Märchenwelt. Auf Parteitreffen werden homophobe Sprüche geklopft, Polizisten prügeln auf Hausbesetzer ein, dabei wird Franz verletzt. Die Liebe scheint nur möglich „in ausschließlichkeit, in notwehr und zweisamkeit“. Auf der Bank wissen alle, dass der Angestellte Tonio „so ist“, trotzdem muss er sich verstecken. Bruno arbeitet als Dekorateur in einem Kaufhaus, ihn nerven die Schikanen seines Chefs. Nach Feierabend suchen die beiden Schutz in der Zweierbeziehung, die anderen beiden wehren sich gegen den Rückzug. Franz und Paul genügt das Paar sein nicht: Die Liebe geht nur, wenn es auch mit den anderen geht.

Schernikaus Reigen ist als „utopischer Film“ in 48 kurzen Episoden konzipiert. In der Darstellung greift der Autor auf verschiedene Filmtechniken zurück, gibt Regieanweisungen. In Vor- und Rückblenden begleitet er seine Figuren in den Alltag jenseits der Subkultur, in der Parallelmontage von Gesprächen werden Verständnislosigkeiten schmerzlich offenbar. Manchmal mischt sich eine Stimme aus dem Off erklärend ein. Dann wieder zoomt die Kamera ganz nah ran. Paul sitzt im Fokus, auf der Couch. Er sieht uns an, beschwörend: „wenn wir zu zweit sind, sind wir zu mehreren“. Die Utopie wäre eine Konstellation von vielen, die Wirklichkeit einer Traumsequenz. Auf einem gemeinsamen Rummelbesuch beginnt das Karussell sich noch einmal zu drehen, hebt alle zusammen in den Himmel. Irgendjemand sagt: „ich weiß, das ist sentimental. aber so schön“.

Vielleicht spricht hier Schernikau selbst. Als „so schön“ 1987 mit Comic-Zeichnungen von Thomas Schulz im Rowohlt Verlag erscheinen sollte, führte er im Hinblick auf die geplante Veröffentlichung mit Stefan Ripplinger ein Gespräch. Darin beschrieb Schernikau die kleine filmische Erzählung als „versuch einer großen harmonisierung“. Nachdem aus der illustrierten Ausgabe nichts wurde, blieb auch die Unterhaltung der beiden Freunde weitgehend unveröffentlicht. Die vollständige Transkription erschien erst im vergangenen Herbst unter dem Titel „rms revisited“ auf schernikau.net.

Den Anlass bot die von Thomas Keck herausgegebene, mit einer Zeichnung von Schulz und einem Nachwort von Ripplinger reizend editierte erste Einzelausgabe von „so schön“ im Berliner Verbrecher Verlag. War Schernikau „einer zu wenig“ und sein Anliegen, in der szenischen Erzählung das relationale Subjekt darzustellen, zum Ausdruck zu bringen, wie der Einzelne immer mit mehreren zusammenhängt, so gelingt es denjenigen, die ihm nahestanden, durch ihre postume Zusammenarbeit den Freund in seinen lebendigen Lebens- und Arbeitszusammenhängen erfahrbar zu machen, in neuer Konstellation in sein Werk einzuführen.

Schon nach dem Erfolg seines 1980 veröffentlichten Erstlingswerks „kleinstadtnovelle“, begann der damalige Abiturient Schernikau nach einer Form zu suchen, in dem das Subjekt „in einem emanzipierten Verhältnis zu seinen vielen Teilen“, in einem Verhältnis zu den anderen, zur Gesellschaft erscheinen könnte. So entstand „die heftige variante des lockerseins“, für die Schernikau, der inzwischen nach Westberlin umgezogen war, jedoch keinen Verlag fand.

Weil dem Autor die „variante“ selbst zu düster geraten schien, schrieb er ein paar Jahre später „so schön“ als leichte, naiv anmutende Variation auf das alte Thema vom Schwul- und Kommunistsein. Die Lockerheit bewahrt Schernikau in der Sprache, einer von Ripplinger konstatierten Schnoddrigkeit, die sich in der für den Autor typischen Slangbildung, in kalauernden Sprachspielen und lyrischen Wortumstellungen äußert.

Nachdem die Einzelpublikation von so schön nicht zustande gekommen war, entschied sich Schernikau, den Text zusammen mit weiteren ungedruckten Arbeiten als Zwischenkapitel in das geplante Mammutwerk „legende“ aufzunehmen. 1991 gelang es ihm, wenige Tage bevor er an den Folgen einer AIDS-Erkrankung starb, sein tausendseitiges opus magnum fertigzustellen. Zwar war die Aufnahme der unveröffentlichten Texte der Not geschuldet, die früheren Arbeiten überhaupt endlich einem Publikum zugänglich zu machen, doch war Schernikau auch davon überzeugt, dass die Texte in enger Konstellation zueinander stünden, erst in der Zusammenstellung untereinander verständlich würden. Gegenüber Ripplinger ging Schernikau im Gespräch 1987 sogar soweit, zu behaupten, dass „so schön“ besser nicht einzeln publiziert werden sollte, es sei „eigentlich an sich ein missverständnis und man dürfte es eigentlich nicht machen“.

Dieser Einschätzung des Autors soll hier widersprochen werden. Zum einen ist die „legende“ 1999 in der von ihm vorbereiteten letzten Fassung erschienen. Die Einlage „so schön“ kann dort als Teil V des Gesamtwerks rezipiert werden. Zum anderen kommt die nun erschienene Einzelausgabe Schernikaus Wunsch nach ständiger Selbstkommentierung der scheinbar immer gleichen und doch sich kontinuierlich verändernden Motive nach.

Der Band zitiert das frühere Publikationsvorhaben, legt die Spur zum Gespräch mit dem Autor, er liefert eine Perspektive auf das Werk und lässt doch mehrere andere Hinsichten offen. Wer Schernikau schon kennt, kann sich an der neuen Konstellation freuen, in die der Text hier gestellt wird. Wer ihn noch nicht kennt, sollte sich vom Tanz des Prinzen mit dem Kutscher verführen lassen. Der Reigen ist so schön, dass man bei der Lektüre leicht dem Gedanken verfällt, die Liebe und die Welt könnten in diesem Frühjahr endlich ganz anders werden.

Ronald M. Schernikau – und als der prinz mit dem kutscher tanzte, waren sie so schön, daß der ganze hof in ohnmacht fiel, Verbrecher Verlag, 120 Seiten.

rms revisited – ronald m. schernikau im gespräch mit stefan ripplinger.
www.schernikau.net


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