FOTOGRAFIE: Intimer Weitwinkel

Der Schweizer Fotograf Beat Streuli ist wahrscheinlich der einzige Künstler unter den Paparazzis – dies zeigt seine Ausstellung in der Galerie Nosbaum&Reding.

Macht Alltägliches zur Kunst: Beat Streuli.

Fotografen, die sich dem Menschen in dessen „natürlichem Lebensumfeld“ nähern sind zwangsläufig Voyeure. Sie unterscheiden sich im Prinzip kaum vom gemeinen Paparazzo, der sich auf die Jagd nach den besten, will sagen intimsten Bildern von Prominenten spezialisiert hat. Dabei sollte man sich vor Augen halten, dass Intimität – auch die des sogenannten einfachen Menschen – nicht an der Wohnungstür aufgegeben wird. Der seriöse Fotograf mit künstlerischen Ambitionen mag dabei ideelle Werte auf seiner Seite wissen und mit der Anonymität des Einzelnen in der Masse argumentieren, die ja auch dann noch gewährleistet sei, wenn er diesen Einzelnen aus dieser Masse herauspickt. Doch gerade diese Anonymität ist es, die das Individuum befähigt, sich natürlich in der Menge zu bewegen – abgesehen selbstverständlich von den verschiedenen Komplexen, die einen daran hindern, genau dies zu tun. Eine trügerische Sicherheit, die leicht gestört werden kann – auch ohne dass man es bemerkt.

Wie intim solche Einblicke werden können, zeigen die Aufnahmen des Fotografen Beat Streuli. Mit einem Teleobjektiv hat er für seine Fotoserie „New Street“ Menschen im spanischen Castellón und in der zweitgrößten britischen Stadt Birmingham aufgenommen, unbemerkt, aus sicherer Distanz. In diesen beiden Städten wurden die Bilder auch bis vor kurzem ausgestellt. Einen Eindruck vom Umfang der Serie bekommt man, wenn man sich den fast 700 Seiten starken Katalog zu diesen Ausstellungen vor Augen hält.

Daneben wirkt die Zahl der Aufnahmen, die zur Zeit in Luxemburg ausgestellt werden, eher bescheiden. Im Rahmen des European Month of Photography zeigt die Galerie Nosbaum & Reding ein Dutzend Arbeiten des Schweizers, die zum größten Teil aus dieser Serie stammen. Die ausgestellten Abzüge zeigen neben einfachen aber gelungenen Montagen und städtischen Detailansichten in erster Linie Porträts junger Menschen, die sich in diesen Städten bewegen und die nach den allgemein gültigen Maßstäben als gut aussehend gelten dürften. Das hilft, um sich den Vorwurf zu ersparen man entwürdige die abgelichteten Personen oder gebe sie gar der Lächerlichkeit preis.

Doch hängt das auch immer von der Situation ab, in der die Personen gezeigt werden. Einige scheinen auf dem Weg ins Büro oder den Supermarkt sich fast verzweifelt aber hochkonzentriert an irgendetwas erinnern zu wollen, während andere nur träumend und gedankenverloren an einer Ampel oder Straßenecke zu stehen scheinen. Allesamt keine peinlichen, aber doch sehr private Situationen in die Streuli eingebrochen ist. Allerdings war es ihm auch nur so möglich, diese natürliche und weitgehende Ungezwungenheit festzuhalten, in der er seine „Objekte“ zeigt. Darüber hinaus ist es ihm gelungen – obwohl nur selten mehr als eine Person auf seinen Fotografien zu sehen ist – die Porträtierten in ihrem Umfeld zu belassen. Das geht soweit, dass man als Betrachter den Eindruck bekommt, auch das pulsierende Leben um diese herum zu spüren, und zwar nicht nur das Gerenne, Geschubse und Gestoße sondern vor allem den immer währenden Lärm.

Am deutlichsten wird dieses Gefühl am vermeintlich schlechtesten Platz der Galerie, solche großformatigen Fotografien aufzuhängen. Drei der Bilder hängen hinter dem Büro in einem engen Gang, der normalerweise für die Besucher nicht zugänglich ist, der aber eben in seiner Beengtheit die Wirkung der Aufnahmen erstaunlich verstärkt und den Betrachter direkt in die Großstadt versetzt. Die intimen Momente die hier dargestellt werden, verdeutlichen ganz allgemein nicht nur die Verantwortung, die ein Fotograf für sein Motiv tragen sollte, sondern speziell Beat Streulis Fähigkeit aus einem einfachen Porträt eine Stadtansicht zu machen.

Noch bis zum 15. Juni in der Galerie Nosbaum&Reding


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