ONLINE SPIELE: Mit dem Raumschiff in die Kostenfalle?

Online-Spiele werden nur im Internet gespielt. Die Spieler brauchen nichts herunterzuladen, sie benötigen meist nur einen Benutzernamen und ein Passwort, um in spannende Parallelwelten einzutauchen. Sie kämpfen gegen fürchterliche Monster oder steuern Raumschiffe durchs Weltall. Weniger kriegerisch geht es bei der Aufzucht von Pferden zu.

Viele Online-Spiele sind kostenlos – aber nur in der Grundversion. Free2Play nennt sich das Format. Wollen die Spieler ihren Avatar stärker oder schneller machen, müssen sie Zusatzausrüstungen oder Zusatzfähigkeiten kaufen. Diese virtuellen Güter, „Items“ genannt, werden üblicherweise mit Fantasie-Währungen bezahlt.

Uridium ist so eine. Mit dem virtuellen Rohstoff aus „Dark Orbit“, einem Weltraumspektakel, können sich Spieler zum Beispiel die Vengeance holen, ein besonders schnelles Raumschiff, geeignet etwa, um Gegner abzuhängen. Mit Uridium lassen sich aber auch Generatoren, Waffen und Munition anschaffen oder Reparaturen am lädierten Schiff vornehmen. Es gibt zwei Wege, an Uridium zu kommen – einen mühsamen und einen bequemen. Entweder sammeln es die Spieler mühsam ein, indem sie eine Mission (Quest) erfüllen oder gegnerische Raumschiffe abschießen ? für das Kristallon, ein Alien, gibt es zum Beispiel 128 Uridium.

Oder sie ordern den Rohstoff im Online-Shop – für echtes Geld: 5.000 Einheiten des Rohstoffs kosten 2 Euro, 30.000 Einheiten 10 Euro. Ein erkaufter Vorteil, die Schiffe lassen sich sofort aufrüsten. Saust dann jemand in Begleitung von zehn Drohnen durchs Weltall, ist den anderen klar: Der hat sich im Shop bedient.

Es kommt also nicht nur aufs Geschick, sondern auch aufs Budget der Spieler an – die Betreiber wollen eben Geld verdienen. René Heuser von der Fachzeitschrift „GameStar“ bezeichnet das Modell als Experiment: „Die Einnahmen aus dem klassischen Verkauf gehen zurück oder sie spielen die hohen Entwicklungskosten nicht mehr ein. Free2Play soll neue Kunden ansprechen und die Verluste ausgleichen.“

Im Jahr 2010 wurden weltweit über fünf Milliarden Euro für virtuelle Güter gezahlt. Das errechneten die Marktforscher von In-Stat, die eine Verdoppelung der Summe bis 2014 voraussagen. Allerdings daddeln die meisten Spieler umsonst: Nur fünf bis zehn Prozent geben Geld aus, dann aber auch oft ziemlich viel, zum Beispiel Hunderte von Euro für ein Segelschiff. In Südkorea oder China werden sogar vierstellige Beträge überwiesen ? für ein einziges Item. „Aber das ist dann schon Liebhaberei“, meint Heuser.

Eine Sache ist es, wenn Erwachsene ihr Geld für virtuelle Güter ausgeben. Eine andere, wenn Jugendliche es tun, die dazu leichter verführt werden können. Zwar haben sie keine Kreditkarte, das gängige Zahlungsmittel bei Online-Spielen. Aber sie besitzen ein Handy, mit dem sie per SMS oder 0900-Nummer ordern können – auch diese Zahlungsweisen werden angeboten. Es ist schon vorgekommen, dass sich die Eltern dann über horrende Handykosten wunderten. Manchmal prozessieren sie auch, weil sie nicht zahlen wollen. Werden Jugendliche also durch Free2Play bewusst in die Kostenfalle gelockt?

Ein bisschen Verführung sei immer dabei, meint Heuser, zum Beispiel, wenn auf die schwache Impulskontrolle von jungen Spielern gesetzt wird. Die bekommen eine coole Waffe angeboten und kaufen sie, ohne nachzudenken. Oder alle paar Wochen greift ein neuer Held ins Spiel ein, wie bei „League of Legends“. Dieser wird durch erspielte Punkte oder gegen Bezahlung freigeschaltet. Es gebe Spieler, sagt Heuser, die nicht warten möchten, bis sie genug Punkte gesammelt haben. Sie kaufen sich ihren Helden sofort.

Von Abzockerei könne aber nicht gesprochen werden, solange Spieler, die auf den Kauf von Items verzichten, keinen Nachteil haben, wie bei „Travian“, wo man in die Haut eines Römers, eines Galliers oder eines Germanen schlüpft. Die Spieler können sich in Bündnissen zusammenschließen. Krönung einer Spielrunde ist das Weltwunder. Mit Fertigstellung dieses Baus stehen auch die Sieger fest.

Werden Spieler dagegen – durch die Logik des Spiels – zum Dazukaufen gezwungen, dann gehe es dem Hersteller wohl vor allem um Einnahmen, sagt Heuser und nennt die Zynga-Spiele auf Facebook. Bei „Empires&Allies“ würden einem immer wieder Gründe gegeben, Geld auszugeben. Und bei „Farmville 2“ könne nur in der Theorie alles selbst erspielt werden – praktisch sei das durch Zeitdruck oder die sehr hohen Anforderungen aber fast unmöglich. Zudem sei dieses Spiel besonders penetrant wegen der ständigen Angebote, die Spieler vorgesetzt bekommen. „Kaufe jetzt und spare 30 Prozent!“ heißt es da. Oder: „Wenn du jetzt kaufst, kriegst du diese Einheit als Bonus!“

Aber Heuser relativiert auch: „Viele Firmen haben kein Interesse, schnell Geld abzugraben. Sie wollen Spieler auf lange Sicht an sich binden ? das ist mit Tricksereien nicht zu machen.“

Ganz entscheidend seien die Eltern. Diese müssten ihrer Aufsichtspflicht besser nachkommen. Sie sollten sich genau anschauen, was ihr Kind da überhaupt spielt. Und wenn sie ihm ein Handy geben, auch darauf achten, was es damit macht. Viele Telefonanbieter ermöglichen die Sperrung von 0900-Nummern. Und durch Prepaid-Karten ließen sie die monatlichen Kosten kontrollieren.

80 Millionen aktive Player

„Metin 2“ ist ein Massively Multiplayer Online Roleplaying Game (MMORPG), bei dem Tausende von Spielern gleichzeitig vor dem Bildschirm sitzen. Die über 80 Millionen aktiven Spieler von Metin 2 sind überall, in Frankreich, Italien, Singapur, Mexiko, Brasilien, China oder Japan.

Das Spiel entführt in ein fernöstliches Reich. Dort ist ein Meteorit eingeschlagen, der Metin-Stein. Dadurch zerbricht das Reich und spaltet sich in drei Machtzentren ? Chunjo, Jinno oder Shinsoo. Ziel des Spiels: Der Meteorit soll zerstört werden.

Dafür werden natürlich Hilfsmittel gebraucht, ein Geschwindigkeitstrank oder die Truhe der Macht. Für diese Items müssen die Spieler mit Drachenmünzen zahlen. Die erdachte Währung ist – dem Free2Play-Prinzip folgend – nur für reales Geld zu haben: 500 Münzen kosten zum Beispiel 25 Euro.

Die Zahlungen erfolgen wie üblich per Kreditkarte oder SMS. Allerdings arbeitet der Anbieter von Metin 2 auch mit SponsorBay zusammen, einer „Monetarisierungs-Plattform“, die umstrittene Methoden anwendet. Spieler können sich zum Beispiel Drachenmünzen kaufen, ohne ihr Budget – bzw. das der Eltern – zu belasten. Sie müssen nur an Meinungsumfragen teilnehmen oder sich Kataloge zuschicken lassen. Ein von Werbung überquellender Briefkasten – die Ursache könnte ein Online-Spiel sein.

Dieser Umweg hat den Reiz des Kostenlosen. Im Grunde genommen wird aber doch gezahlt: mit persönlichen Daten wie Namen und Adressen. Zudem sehen Spielsucht-Experten in dem „Deal“ ein weitere Gefährdung, weil ein natürlicher Impuls unterdrückt wird: aufzuhören, wenn kein Geld da mehr ist.

Zuweilen befasst sich sogar die Polizei mit den Accessoires aus Online-Spielen. Normalerweise geht es bei Eigentumsdelikten ja um reale Dinge – Schmuck oder Autos. Manchmal aber auch um Himmelstränenbänder und Phoenixschuhe. Diese zählen ebenfalls zu den unerlässlichen Hilfsmitteln bei „Metin 2“. Ein Spieler aus Bochum hatte seinen Avatar für etwa eintausend Euro damit ausgestattet. Eines Tages stand die Figur aber ohne Band und Schuhe da – echter Diebstahl in einer ausgedachten Welt. Der Bestohlene ging zur Polizei – und die begann den Täter zu suchen, wie sie es bei einem entwendeten Collier oder PKW auch getan hätte.


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