ALZHEIMER: Oberflächliche Diagnose, solides Geschäft

Demenz ist nicht gleich Demenz. Hinter den Symptomen können zahlreiche andere Ursachen stecken. Viele ließen sich behandeln oder sogar beheben, heißt es in dem Buch „Vergiss Alzheimer!“ der Wissenschaftsjournalistin Cornelia Stolze. Sie hält das Leiden für eine Auswirkung von Arzneimitteln, Depressionen und falschen Therapien.

„Neue Risikogene für Alzheimer-Krankheit entdeckt! Mediziner sagen erfolgreich Alzheimer voraus!“ Wer die Erfolgsmeldungen von Wissenschaftlern, Universitäten und Pharmafirmen liest, erfährt neuerdings von großen Schritten in der Erforschung des Leidens, heißt es zu Beginn des 230 Seiten umfassenden Buches „Vergiss Alzheimer! Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist“.

Jedoch, so die Autorin: Alzheimer ist keine Krankheit wie Tuberkulose oder Krebs. Der Morbus Alzheimer ist ein Konstrukt. Ein nützliches Etikett, mit dem sich wirkungsvoll Forschungsmittel mobilisieren, Karrieren beschleunigen, Gesunde zu Kranken erklären und riesige Märkte für Medikamente und diagnostische Verfahren schaffen lassen. Dabei weiß bis heute niemand, was Alzheimer wirklich ist. In ihrem gut lesbaren Werk nimmt Stolze kein Blatt vor den Mund. Sie kritisiert, dass die Diagnose Alzheimer oft zu leichtfertig gestellt wird und zieht darüberhinaus die Berechtigung dieser Diagnose generell in Zweifel.

Offiziellen Angaben zufolge gibt es gegenwärtig weltweit 26 Millionen an Alzheimer Erkrankte; bis 2050 soll ihre Zahl auf das Dreifache steigen. Irrtümer und Fehler bei der Zuschreibung der Krankheit sind jedoch nicht selten. Solche Fehldiagnosen haben fatale Folgen: Niemand weiß, wie viele Patienten nicht die Therapie erhalten, die sie benötigen, und stattdessen mit falschen und teuren Medikamenten traktiert und voreilig in Pflegeheime abgeschoben werden.

Nicht nur kursieren zu den Ursachen der Krankheit, so die Autorin, die unterschiedlichsten Theorien, in denen alles vertreten ist – von giftigen Proteinklumpen über Infektionen, Diabetes, Entzündungen bis hin zur Wirkung von Metallen wie Eisen und Zink. Sondern das gesamte Konzept der Diagnosik und Früherkennung steht auf tönernen Füßen. Selbst herausragende Experten können das Leiden nicht zuverlässig diagnostizieren. Und niemand kann prüfen, ob die verfügbaren Therapien tauglich sind.

Wenn es nichts anderes ist, wird es wohl Alzheimer sein.

Mediziner können zu der Diagnose bisher nur indirekt gelangen, indem sie den Patienten auf Schilddrüsenunterfunktion, Wassermangel, Infektionen und Läsionen des Gehirns, aber auch Depressionen, Arzneimittelnebenwirkungen, und langjährigem Alkohlmissbrauch hin untersuchen. So funktioniert die Diagnose nach dem Ausschluss-Prinzip und nach dem Motto: Wenn es nichts anderes ist, wird es wohl Alzheimer sein. Herangezogen für die Diagnose werden zum Beispiel die Leitlinien für die häufigsten primären – also nicht durch andere Krankheiten hervorgerufenen – Formen der Demenz, die von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie wie folgt beschrieben werden:

Die Alzheimer-Demenz ist eine Krankheit mit unbekannter Ätiologie. Sie beginnt meist schleichend und entwickelt sich langsam aber stetig über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Die vaskuläre Demenz, die die Blutgefäße betrifft, ist das Ergebnis einer Schädigung des Gehirns durch Mini-Infarkte als Folge einer Thrombose, Embolie oder Blutung. Durch die Infarkte wird das umgebende Gewebe im Gehirn von der Versorgung mit Sauerstoff abgeschnitten und stirbt ab. Eine weitere Variante von Demenz ist die sogenannte Demenz mit Lewy-Körperchen, bei der Betroffene neben einem Schwanken der Aufmerksamkeit auch unter Halluzinationen leiden. Viele Betroffene zeigen zudem die gleichen motorischen Störungen wie Parkinson-Patienten. Der Neurologe Friedrich Lewy hatte als erster die für das Krankheitsbild charakeristischen runden Einschlusskörperchen in Hirnzellen von Parkinson Patienten entdeckt. Ein weiteres Krankheitsbild ist die sogenannte gemischte Demenz, sie wird beschrieben als Mischung aus Alzheimer und vaskulärer Demenz.

Bisher konnten bei all diesen „Krankheitsbildern“ noch keine charakteristischen klinischen Merkmale beschrieben werden, so das Fazit der Autorin. Selbst bei der sogenannten Alzheimer-Erkrankung, die angeblich 50 bis 70 Prozent aller Demenzerkrankungen ausmacht, wollen sich die Experten hinsichtlich der Diagnose nicht festlegen.

„Wie wollen Forscher und Institutionen wie etwa das Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen wissen, woran eine Person leidet, wenn sie die Krankheit gar nicht diagnostizieren können?“, fragt Stolze in ihrem Buch. Aus Eigeninteresse – Verkaufsförderung – werde Alzheimer öffentlichkeitswirksam zu einer Krankheit stilisiert, „die keine ist“. Ein gutes Geschäft für Pharmafirmen wie Pfizer und Eisai, die die am meisten verkauften Alzheimer-Medikamente herstellen. Wissenschaft und Medizin treiben mit dem Label Alzheimer Forschungsmittel ein, daher haben sie ein großes Interesse daran, dass Alzheimer als Erkrankung eingestuft wird, argumentiert die Autorin. Allein der Umsatz mit Medikamenten, deren positive Effekte nicht nachgewiesen und deren Langzeitfolgen nicht hinreichend untersucht sind, geht weltweit in die Milliarden.

Tatsache ist jedoch, dass für die unter „Demenz“ zusammengefassten Senilitätserkrankungen mehr als 50 Funktionsstörungen als Ursache in Frage kommen. Hier wird der Ansatz von Stolze interessant, denn sie legt den Finger in eine Wunde, weist auf Missstände hin, die gerade bei älteren Personen zu wenig erforscht und gerne übersehen werden oder für die sich niemand wirklich zuständig fühlt: die unkontrollierte Kombination von Medikamenten oder die nicht als solche wahr genommenen Depressionen.

Wissenschaft und Medizin treiben mit dem Label Alzheimer Forschungsmittel ein, daher haben sie ein großes Interesse daran, dass Alzheimer als Erkrankung eingestuft wird.

Dass kein einziger der von Stolze genannten Mediziner, Forscher oder Hersteller von Alzheimer-Medikamenten gegen die Aussagen in ihrem Buch vorgegangen ist, ist für die Autorin ein Grund zur Genugtuung. Ihre Thesen untermauert sie mit zahlreichen Beispielen. Eines ist der Unternehmer und berühmte Playboy Gunther Sachs, der sich 2011 das Leben nahm und dessen Fall zeige, wie nahe Depression und Demenz beieinander liegen. Ein weiteres der Schrifsteller Walter Jens, dessen Krankheitsgeschichte von seinen Sohn Tilman in einem Buch festgehalten worden ist. Jens werde gerne als Alzheimer-Opfer dargestellt, zu Unrecht: „Tatsächlich litt Walter Jens nicht nur lange Zeit an Depressionen. Er war auch über Jahrzehnte hinweg tablettensüchtig“, so Stolze. Vieles spreche dafür, dass die Medikamente eine Hauptursache seiner Demenz waren.

Denn es gibt zahlreiche Medikamente, betont die Autorin, die demenzähnliche Symptome hervorrufen können. Viele davon sind Schmerzmittel, aber auch von Psychopharmaka und Antiepileptika, bestimmten Antibiotika sowie Herzmitteln ist bekannt, dass sie zu Verwirrtheit und Orientierungslosigkeit führen können. Problematisch ist auch die gesamte Gruppe der Benzodiazepine, die als Beruhigungs- und Schlafmittel verabreicht werden. Diese Medikamente machen schnell abhängig, und ihre Nebenwirkungen und Entzugserscheinungen ähneln fatalerweise gerade bei älteren Menschen den Symptomen einer Demenz: Sie reichen von Verwirrung, unkoordinierten Bewegungen, Artikulationsstörungen und einer erhöhten Neigung zu Stürzen bis hin zu Bewusstseinsausfällen, Angstzuständen, Entfremdungserlebissen und unbeabsichtigten Gewalttaten.

Hinzu kommt, dass die meisten dieser Medikamente bei Älteren deutlich stärker wirken als bei Jungen. Zudem dürften die Mittel eigentlich nur für kurze Zeit, höchstens einige Wochen, verabreicht werden – doch beides wird nur selten beachtet, geschweige denn kontrolliert. Nebenwirkungen können auch fortbestehen, wenn die Medikamente längst abgesetzt wurden, da sich die Wirkstoffe nur langsam im Körper abbauen. Rund 80 Wirkstoffe gelten deshalb als für Senioren ungeeignet, manche sogar als gefährlich. Sie sind in der sogenannten Priscus-Liste aufgeführt, die im Auftrag der deutschen Bundesregierung zusammengestellt wurde. Die Kombination verschiedener Mittel vergrößert die Risiken.

Neben den Medikamenten kann Demenz auch rein körperliche Ursachen haben wie Erkrankungen, Stoffwechselstörungen, Funktionsstörungen der Leber und Niere.

Den Risiken stehen auch Chancen gegenüber – bestimmte Formen der Demenz ließen sich beheben. Zum Beispiel die, die durch den bei manchen alten Menschen erhöhten Innendruck des Gehirns hervorgerufen wird. Die Betroffenen zeigen in der Regel drei typische Symptome: Ihr Gedächtnis und Denkfähigkeit sind gestört, der Gang wird unsicher, und Blasenschwäche tritt auf – lauter Erscheinungen, die auch für Alzheimer als typisch gelten. Der Druck im Gehirn kann jedoch gesenkt werden, so die Autorin.

Es ist eine Tatsache, dass gerade demente Menschen nicht besonders gründlich durchgecheckt werden. Denn der Zeitaufwand ist groß, und die Patienten sind für die Ärzte sehr strapaziös. Das führt zu einer dramatischen Zahl von Fehldiagnosen. Deshalb plädiert Stolze in ihrem Buch für gründliche Untersuchungen. Die Ärzte sollten genau hinsehen und mehrere mögliche Ursachen ins Auge fassen. Die Autorin rät, Betroffene möglichst auch von einem zweiten oder dritten Arzt untersuchen zu lassen. Dabei müssten unbedingt auch die Vorerkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck etc., und die Historie des Medikamentenkonsums ermittelt werden.

Cornelia Stolze: Vergiss Alzheimer. Die Wahrheit über eine Krankheit, die keine ist. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011. 245 S.

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Siehe auch Dossier | Demenz


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