ASGHAR FARHADI: Le Passé

Mit vergangenen Fehlern klarzukommen, ist nicht einfach. In „Le passé“ des iranischen Regisseurs Asghar Farhadi führt eine Patchworkfamilie die komplexe Verbindung von Trennung, Entwurzelung und Zusammenhalt vor.

In „Le passé“ begegnet dem Zuschauer eine Pachworkfamilie mit viel Sprengstoff.

Der Film beginnt mit einer Szene am Flughafen. Eine Trennung – eine Rückkehr, das ist in etwa der Handlungsstrang, in den der iranische Filmemacher Asghar Farhadi die Handlung von „Le passé“ einbettet. Und er erzählt auch vom Schicksal und der Zerrissenheit vieler Exiliraner, die zwischen zwei Welten stehen.

Seine Hauptdarstellerin wurde vor einer Woche in Cannes mit dem Preis für die beste weibliche Hauptrolle ausgezeichnet. Schon vorher beim Festival in Berlin, wo seine Filme „All About Elly“ (2009) und „Nader az Simin“ (2011) den Silbernen und Goldenen Bären gewonnen hatten, war er als Regisseur von Weltgeltung anerkannt worden.

Wie in diesen Werken wird auch in „Le passé“ die Geschichte einfach, aber einfühlsam erzählt und enthält – wie so oft bei Filmen aus Iran – auch Aussagen über die politische Situation, wenn auch nur auf indirekte Weise.

Der Film handelt von einem Iraner, Ahmed (Ali Mosaffa), der für die endgültige Scheidung von seiner französischen Frau Marie (Bérénice Bejo) nach Frankreich reist. „Mach einen klaren Schnitt“, rät ihm ein Freund. Doch Farhadi zeigt in „Le Passé“, wie schwer es ist, die Vergangenheit hinter sich zu lassen – auch wenn es darum geht, mit Fehlern der Vergangenheit zu leben. Die Geschichte erzählt von den Schwierigkeiten einer Patchworkfamilie, in der sich die Geheimnisse und die Beziehungen der Einzelnen auf komplexe Weise überschneiden.

So geraten auch Marie und Ahmad bei dem Versuch, die Dinge zu ordnen, in ein Durcheinander der Gefühle. Es hat sich vieles seit dem Weggang von Ahmed verändert: Marie lebt mit ihren Töchtern aus einer früheren Ehe vor den Toren von Paris. Bei ihnen wohnt nun auch noch ein kleiner Junge, der Sohn von Samir (Tahar Rahim), Maries neuem Lebensgefährten, von dem Ahmad bislang nichts wusste. Samirs Frau liegt seit einem Suizidversuch im Koma.

Farhadi betrachtet diese Zusammenstellung in gewissem Grade aus der Perspektive von Ahmed, der in eine vertraute und doch fremde Umgebung eintaucht. Der Regisseur lässt den Zuschauer an den Zweifeln der Erwachsenen und den Ängsten der Kinder teilhaben. Ahmad, der nur gekommen ist, um sein eigenes Leben neu zu sortieren, gerät plötzlich in ein kompliziertes Beziehungsgefüge hinein, in dem niemand mehr richtig weiß, wo er hingehört. „Le passé“ ist ein Film über das Gefühl der Entwurzelung in der Folge einer Trennung. Auch wenn der Film in Frankreich gedreht wurde, hängt die Seele von Farhadi, der wie seine Filmfiguren als Weltenbummler hin- und herpendelt, auch sehr an seinem Heimatland. In einem Interview für die Zeitung „Le Monde“ gab er auf die Frage, wie ein solcher Dreh im Iran verlaufen wäre, zur Antwort, Arbeiten in Iran sei wie Bergsteigen; am Ende des Tages, wisse man, was man getan hat. Und gefragt, ob er sich beim Dreh an gewisse Grenzen habe halten müssen, erläuterte er, dass es sichtbare Grenzen gebe, die vom System gezogen werden, und ungeschriebene, verinnerlichte Regeln, mit denen jeder Iraner aufgewachsen sei. Diese seien noch viel gefährlicher. „Die Aufgabe eines Künstlers ist, diese verinnerlichen Regeln zu bekämpfen“, so der iranische Regisseur. Und auch die Figuren in seinen Filmen müssen sich mit ihnen auseinandersetzen – denn letztlich ist jeder auch Produkt seiner Vergangenheit.

Im Utopia


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