KOLUMBIEN: Der Krieg, ein gutes Geschäft

Nach zahllosen Toten im Konflikt zwischen Regierung, Guerilla und Paramilitärs, scheint mit den derzeit stattfindenden Verhandlungen in Kolumbien erstmals eine Lösung in Sicht. Doch der Weg ist noch weit: So müssten alle Seiten akzeptieren, dass es keine Straflosigkeit für begangene Verbrechen geben wird. Die Einigung in allen Punkten ist jedoch Bedingung dafür, dass ein Abkommen in Kraft treten kann. Damit hängen auch die Lösung der Landfrage und die Existenz der Kleinbauern weiterhin am seidenen Faden.

Mutig gegen Paramilitärs und Großagrarier: die 72-jährige Bäuerin María Ligia Chaverra. (Foto: Kristin Gebhardt)

Einen Lautsprecher, ein Mikrofon und einen alten Röhrenverstärker. Mehr brauchen Enua, Heyler und Francisco nicht, abgesehen von dem Generator, der die Gemeinde Las Camelias mit Strom versorgt. „Nach allem, was wir mitgemacht haben, springen die Worte wie von selbst aus mir heraus“, sagt der 21-jährige Heyler Santos. Wer die Geschichte der jungen Männer verstehen will, muss nun einfach nur zuhören. Denn heute ist die „Nacht der Erzählungen“, und weil an diesem Abend jeder hier am Ufer des Curvaradó über das sprechen soll, was ihn bewegt, sind auch die drei Jungs mit dabei. Unter dem Dach eines schlichten, aus Holz gezimmerten Hauses rappen die „Resistentes“, die Widerständigen, wie sie sich nennen, vor ihrem Publikum vom „verfluchten Krieg“, von der Vertreibung und natürlich von den „Señores“, den paramilitärischen Banden.

„Sie verfolgten uns, weil wir angeblich der FARC-Guerilla angehörten. Dabei waren wir nur Bauern.“

Jeder, der hier dem Sprechgesang zuhört, weiß genau, was gemeint ist. Alle Bewohnerinnen und Bewohner der 35-Familien-Gemeinde in der kolumbianischen Region Urabá haben erlebt, was die Rapper in ihren Reimen zum Ausdruck bringen. „Schon 1996 haben uns Paramilitärs und Soldaten bedroht“, erinnert sich Heylers Großmutter María Ligia Chaverra. Ein Jahr später flüchtete die heute 72-Jährige mit ihrer Familie vor der Gewalt. Erst in anliegende Dörfer, später in den Regenwald. Andere zogen in die Städte, manche überlebten die Angriffe nicht. „Sie verfolgten uns, weil wir angeblich der FARC-Guerilla angehörten. Dabei waren wir nur Bauern.“ Erst später verstand Doña María, was hinter der Invasion steckte. Nach der Vertreibung nutzten Agrarunternehmer das Land im Departement Chocó, das einst sie und ihr Mann im Regenwald urbar gemacht hatten. Soweit das Auge reichte, pflanzten die Unternehmer Ölpalmen. Später bauten sie auch Bananen an, und auf den Wiesen weiden inzwischen unzählige Rinder.

Von den Palmen sind heute nur noch die vertrockneten Stümpfe zu sehen. Denn 2008 kehrten die Vertriebenen zurück, zerstörten die Plantagen, die ihren Boden auslaugten, und siedelten sich in so genannten Humanitären Zonen an, die von internationalen Organisationen unterstützt werden. „Kein Zugang für bewaffnete Akteure“, stellt ein Schild neben dem hölzernen Eingangstor von Las Camelias klar. „Daran halten sich alle: die Paramilitärs, die Guerilla, die Soldaten“, bestätigt Santos. Rund um die Gemeinde sorgt ein Zaun für Schutz. Nur ein paar Quadratmeter Sicherheit. Aber nach und nach versuchen die Rückkehrer auf diese Weise, ihre alte Heimat zurückzuerobern und bekommen dafür auch in Kolumbien Unterstützung von höchster Ebene. 2011 verabschiedete die Regierung des Präsidenten Juan Manuel Santos ein Gesetz, das eine Entschädigung sowie die Rückgabe des gewaltsam enteigneten Landes vorsieht.

Doch so einfach ist das nicht. Allein in den Jahren 2010 und 2011 wurden im Land 26 Menschen ermordet, die ihre Ländereien eingeklagt hatten. Heyler hat deshalb Angst, alleine aufs Feld zu gehen. Seine Großmutter wurde erst jüngst wieder bedroht. Wer dahinter steckt? „Die Paramilitärs“, ist Doña María überzeugt. Diese Leute seien zwar offiziell demobilisiert, dennoch agierten sie weiter im Auftrag der Agrarunternehmer.

Deshalb machen sich die agile Frau mit den müde wirkenden Augen und ihr Enkel im April auf eine lange Reise. Gemeinsam mit 14 weiteren Dorfbewohnern fahren sie nach Bogotá, um an einer Demonstration teilzunehmen, mit der die seit November laufenden Friedensverhandlungen zwischen Regierung und Guerilla unterstützt werden sollen. 30 Stunden quält sich der Bus über die holprigen Straßen. Nachdem sie die Provinzstadt Bajirá de Belén hinter sich gelassen haben, wo Paramilitärs die Straßen kontrollieren, geht es vorbei an großen Rinderfarmen und unzähligen Bananenstauden, dann auf den Serpentinen der Kordilleren über Medellin nach Bogotá. Schon vorher weiß die 72-Jährige, dass ihr die Knochen noch tagelang schmerzen werden. Doch für sie ist klar: „Ohne Abkommen wird es auch für uns keinen Frieden geben.“ Frieden, das heißt für Doña María Sicherheit, Reparationszahlungen, die Rückgabe allen geraubten Landes und dass die Verantwortlichen endlich zur Rechenschaft gezogen werden.

Die Guerilla taucht am Curvaradó nur selten auf. Dennoch spielen Konflikte wie die in Doña Marías Heimat beim Friedensdialog, der in Havanna stattfindet, eine zentrale Rolle. Es war die FARC, die darauf gedrängt hat, dass die Themen Landrechte und Agrarwirtschaft ganz oben auf der Agenda stehen. Zu Recht, wie der Kolumnist Jaime Fajardo Landaeta meint. Die Landfrage sei schließlich der Grund dafür gewesen, dass die Guerilla Mitte der Sechzigerjahre des vorigen Jahrhunderts zu den Waffen gegriffen hätten. Schließlich sei der Boden extrem ungleich verteilt. 1,5 Prozent der Bevölkerung besäßen 53 Prozent des kultivierbaren Landes. „Der Mehrheit unserer Kleinbauern wurde das Land geraubt, über fünf Millionen Menschen sind vertrieben worden“, erklärt Fajardo, der einst in einer Guerillagruppe aktiv war und jetzt in Medellin die Regionalregierung im Bemühen um Versöhnung berät. Er ist überzeugt: „Wenn es keinen Friedensvertrag gibt, wird kein Unternehmer das Land zurückgeben.“

Die erste Hürde dafür ist nun genommen. Ein halbes Jahr verhandelten Vertreter der Regierung und der FARC, bis sie beim Streitpunkt Landfrage eine Einigung erzielt haben. Ende Mai verkündeten die Dialogpartner in einem gemeinsamen Kommuniqué: „Was wir vereinbart haben, ist der Anfang einer radikalen Veränderung der ländlichen Wirklichkeit und der Agrarsituation in Kolumbien auf demokratischer und gleichberechtigter Ebene.“ Im Zentrum stünden das Wohl der Kleinbauern, die Verteilung von Land und der Kampf gegen die Armut in den ruralen Gebieten. Die Campesinos sollen einen besseren Zugang zum Gesundheits- und Erziehungssystem bekommen sowie Besitztitel und damit rechtliche Sicherheit über ihre Territorien erhalten.

„Wenn es keinen Friedensvertrag gibt, wird kein Unternehmer das Land zurückgeben.“

Uneinig sind sich die Unterhändler jedoch darin, welche Konsequenzen Großgrundbesitzer in Folge dieser Maßnahmen akzeptieren müssen. Nicht zuletzt daran wird sich zeigen, ob die Vereinbarung Bestand hat. Der FARC-Vertreter Ricardo Tellez zeigte sich trotzdem optimistisch und sprach davon, nun werde „eine historische Schuld mit den Bauern beglichen“. Doch in den nächsten Monaten müssen die weiteren strittigen Punkte verhandelt werden: die Wiedereingliederung der Guerilla ins politische Leben, der Kampf gegen den Drogenhandel, die Aufarbeitung der Verbrechen von Soldaten, Paramilitärs und der Guerilla sowie die Entschädigung der Opfer. Nur wenn sich die Verhandlungspartner in allen Fragen einigen, wird ein Abkommen in Kraft treten. Denn, so die Prämisse des Dialogs, bevor nicht alles vereinbart sei, „ist gar nichts vereinbart“. Für Doña María und ihre Leute heißt das: weiterkämpfen.

Bogotá. Es ist ein anstrengender Weg vom Parque Nacional zum Plaza Bolívar. Meter für Meter schieben sich Doña María und die anderen aus Las Camelias voran, fünf Stunden lang drängeln sie sich zwischen Gewerkschaftern, Indigenen und Studenten durch das Zentrum der Hauptstadt. In ihrer türkisfarbenen Hose und mit ihrer bunten Ledertasche kämpft sich die alte Frau durch die Menschenmenge, die Strapazen der Fahrt scheinen plötzlich verschwunden. Rapper Heyler denkt indes darüber nach, wie er die Demonstration in seinen nächsten Song einbaut. „Für einen Frieden in Chocó“, steht auf seinem T-Shirt. Und: „Marcha Patriótica“ – der Name des Bündnisses, das zu dem Marsch aufgerufen hat. Während die Unterhändler debattieren, wollen die Linken Druck von unten machen und können mit großem Zuspruch rechnen. Nach Umfragen, die das Wochenmagazin „Semana“ im April veröffentlicht hat, unterstützen 63 Prozent der Bevölkerung den Friedensprozess. Allerdings sprechen sich fast zwei Drittel dagegen aus, dass die Guerilleros straflos bleiben. Etwa genauso viele wollen nicht, dass die Rebellinnen und Rebellen künftig am legalen politischen Leben teilnehmen. Genau diese Fragen sollen ab dem 11. Juni in Havanna verhandelt werden.

Am Rande der Demonstration zeigen Angehörige von Menschen, die in den Händen des Militärs verschwunden sind, Fotos ihrer verlorenen Söhne, Töchter oder Ehemänner. Auch für sie ist klar: Es darf kein Abkommen geben, in dem Straffreiheit festgeschrieben wird. „Doch weder die Guerilla noch die Armee werden einen Vertrag unterstützen, der sie ins Gefängnis bringt“, wirft Analytiker Fajardo ein. Wie aber lässt sich das mit den Ergebnissen von Recherchen vereinbaren, die der Internationale Strafgerichtshof im April in Kolumbien durchgeführt hat? Die Haager Richter beobachten beide Seiten: Sie werfen der FARC und staatlichen Kräften Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen vor. Fajardo hat auf dieses Problem, das bei den Verhandlungen eine zentrale Rolle spielen wird, keine Antwort. Mit Blick auf die Guerilla stellt er klar: „Auch die FARC muss endlich ihre Fehler eingestehen und für Wiedergutmachung sorgen.“

Nicht nur in Sachen Straffreiheit haben die Dialogpartner gleiche Interessen. Die Guerilla ist durch die militärischen Angriffe unter dem ehemaligen Präsidenten Alvaro Uribe erheblich geschwächt, und Präsident Santos, so erklärt Fajardo, „braucht einen erfolgreichen Abschluss der Gespräche, wenn er im nächsten Jahr wiedergewählt werden will“. Wohl deshalb stehen entlang der Demonstrationsroute des „Marcha Patriótica“, dem immerhin eine Nähe zur FARC nachgesagt wird, Großleinwände, die den Staatschef zeigen. „Wir alle brauchen den Frieden“, ruft er den Vorbeiziehenden vom Bildschirm entgegen, und plötzlich scheint es so, als hätten sich die politischen Koordinaten in Kolumbien grundsätzlich gewandelt. Der Feind steht für Santos nicht links, sondern im eigenen Lager. Denn sein autoritärer Vorgänger und Parteifreund Uribe torpediert systematisch die Verhandlungen. Immer wieder polemisiert der rechte Hardliner gegen den Dialog mit „Terroristen“ oder prangert FARC-Anschläge an, die nicht stattgefunden haben. Lange Zeit hielt Santos still, schließlich ist er selbst durch Uribe groß geworden, in dessen Regierung war er Verteidigungsminister. Doch als sein Vorgänger jüngst über Twitter geheime militärische Informationen darüber veröffentlichte, von wo aus die Unterhändler der Guerilla von Kolumbien nach Havanna fliegen, platzte dem Staatschef der Kragen. Es sei unverantwortlich, diese Angaben zu publizieren, kritisierte Santos. Außerdem würden „Feinde des Friedens“ wie Uribe „Lügen erfinden“, um die Verhandlungen zu sabotieren.

Uribe? Padre Alberto Franco ist zurückhaltend, wenn es um Namen geht. „Auffällig ist, dass die Angriffe auf uns zunehmen, wenn in den Gemeinden wichtige Schritte unternommen werden.“ Francos Organisation „Justicia y Paz“ sitzt in Bogotá, unweit der Demonstrationsroute. Die Menschenrechtler setzen sich für Menschen in vielen Regionen ein, die unter dem Krieg leiden. So haben sie Doña María und ihre Leute unterstützt, als es galt, Las Camelias aufzubauen, gemeinsam mit ihnen demonstrieren sie jetzt auch in der Hauptstadt. Regelmäßig wird „Justicia y Paz“ angegriffen. Zuletzt am 3. Februar. Unbekannte schossen auf den Wagen der Bewacher Francos – just nachdem der Padre das Umfeld Uribes öffentlich dafür verantwortlich gemacht hatte, dass die Landrückgabe am Curvaradó sabotiert werde. „Die Kugeln schlugen genau da ein, wo ich sonst sitze“, erinnert sich der Geistliche. Auch Doña María erhielt damals Drohungen.

„Weder die Guerilla noch die Armee werden einen Vertrag unterstützen, der sie ins Gefängnis bringt.“

Dass der ehemalige Staatschef mit den im Chocó ansässigen Agrarindustriellen und mit den Paramilitärs unter einer Decke steckt, ist längst aktenkundig. Prozesse wie der gegen den General Rito Alejo del Río, der 2012 wegen des Mordes an einem Bauern zu 25 Jahren Haft verurteilt wurden, haben das bestätigt. Dass sich nun aber die Widersprüche zwischen Uribe und Santos so zuspitzen, ist auch für Padre Alberto neu. Eine Erklärung hat er dennoch. „Für Leute um Uribe, der aus Kreisen der Landoligarchie stammt, war der Krieg immer ein gutes Geschäft“, erklärt er. Santos setze dagegen auf Modernisierung und Projekte wie den Bergbau. Dafür bräuchten multinationale Unternehmer sichere Investitionsbedingungen anstelle des Risikos, von der Guerilla angegriffen zu werden. „Das erste Mal braucht das Kapital Frieden“, meint er. „Und das sollten wir nutzen.“

Doña María und ihr Enkel sind indes ans Ufer des Curvaradó zurückgekehrt. Dort wartet eine Überraschung auf die sie. Beamte haben einen Wagen samt Fahrer gebracht – eine Schutzmaßnahme, die Aktivisten schon lange von der Regierung gefordert hatten. Der weiße Kombi steht nun unter einem ausladenden Mango-Baum. Heyler Santos und seine Freunde putzen ihn wie wild, als gelte es, einen Schönheitswettbewerb zu gewinnen. Spannend sei es in Bogotá gewesen, findet er. Dennoch ist der junge Mann glücklich, wieder zuhause zu sein. Hier kann er die Felder mit Reis bestellen, mit Freunden Fußball spielen und mit seinen Jungs an neuen Rap-Songs arbeiten. „Ich hoffe von ganzem Herzen, dass es endlich Frieden gibt“, sagt er. Denn vom „kämpfen, kämpfen, kämpfen“, wie es einer seiner Songs fordert, hat auch Heyler einfach genug.


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