ABSCHIED: Das verlorene Wir

In einer schmalen Sammlung von Prosastücken tastet der polnische Autor Andrzej Stasiuk nach Worten für den Verlust, der sprachlos macht.

Andrzej Stasiuk hat in vielen seiner Bücher vom Verschwinden Südosteuropas erzählt. In seiner road novel „Hinter der Blechwand“ sind die Landschaftsbilder gezeichnet vom Tod: Aus den Schornsteinen steigt schwarzer Rauch, eisige Winde wehen den Geruch sterbender Fabriken über ödes Brachland. Im Herbst, in der Dämmerung, in der nächtlichen Finsternis sieht Pawel, dass die Stadt zu sterben begonnen hat, abstirbt, stirbt. „Um zehn ist alles tot.“ Wenn er mit W?adek in seinem alten Lieferwagen über Land fährt, um auf improvisierten Märkten abgetragene, westliche Markenklamotten zu verkaufen, kommt es ihm manchmal vor, als sei er schon sein eigener Schatten. Dann ist es gut zu wissen, dass man fortgehen kann, losfahren, weiterreisen. Doch wenn es keine Möglichkeit mehr gibt zur Flucht, kein Entkommen? Stasiuks „Kurzes Buch über das Sterben“ ist ein Versuch, über einen unausweichlichen, endgültigen Abschied zu schreiben. Das kleine, notizbuchförmige Büchlein enthält vier Prosastücke. Die ersten drei, sehr kurzen Texte sind Skizzen, mit denen er sich an den Haupttext, an die Erzählung über das Sterben seines Freundes Olek, herantastet.

Das Prosastück, das den Anfang macht, erzählt vom Abschied von der Großmutter und ihrer Geister. Der Tod hat das gutmütige Gesicht einer alten Bäuerin. Der Alltag der Großmutter war verwoben mit den Jahres- und Tageszeiten, die Chronologie der Ereignisse war „gespannt zwischen Weihnachten, Mariä Himmelfahrt und Allerseelen.“ Neben der katholischen Ordnung gab es den plebejischen Aberglauben an Geister. „Es war kein ängstlicher Glaube und auch keiner, wie man ihn dank gelegentlicher Kontakte mit dem Jenseits oder aufgrund von Träumen oder Erscheinungen gewinnt – nichts dergleichen.“ Die Verstorbenen kehrten in den Erzählungen der Großmutter als stille Gäste zurück, tauchten unerwartet auf und verschwanden genauso lautlos. Die Geister waren Teil einer lebendigen, übernatürlichen Wirklichkeit, „überhaupt schien es für sie eine ungeteilte Ordnung der Dinge zu geben: Alle waren gleichermaßen real und berechtigt.“ Stasiuks Trauer gilt den „mystischen Erfahrungen“, die sich dem säkularen Bewusstsein verbieten, die mit den Großmüttern sterben.

Stasiuks Beschwörung der vergangenen Zeit, die Suche nach jedem einzelnen verlorenen Sommertag ist nie sentimental, nie verzweifelt.

Im nachfolgenden Stück erzählt der Autor von Augustyn, einem älteren Schriftstellerkollegen und Freund, der sich nach einem Schlaganfall langsam und mühsam zu erholen scheint, einige Monate später aber doch unerwartet verstirbt. Es ist die erste Konfrontation mit der Angst, wenn das Überleben Entsetzen auslöst, wenn plötzlich alles nach Tod aussieht. Für die Besucher ist die Fahrt ins Pflegeheim eine heilsame Zwischenzeit, je länger die Wegstrecke über hohe Berghügel und weite Himmelstraßen führt, desto mehr Raum für die eigenen Gedanken, das Nachdenken über die eigene Sterblichkeit, denn „wenn wir am Tod anderer Menschen, am Tod Angehöriger teilnehmen, sterben wir selbst ein bisschen, werden selbst ein bisschen sterblicher.“ Der Erfahrung ist schwer standzuhalten. Nicht alle wollen sie aushalten.

Im Falle der alten Hündin reden die Leute gerne vom „Einschläfern“. Auch der Erzähler der dritten Geschichte weiß, „dass das vernünftig ist, dass es üblich ist und dass diejenigen, die es tun, das Gefühl haben, sie würden das Leiden lindern.“ Doch wer einen Freund sterben sah, für den gelten die Beschwichtigungen nichts, der denkt beim Betrachten des langsam sterbenden Tieres „auch an alle Menschen, die langsam aus ihrer Hülle schlüpfen, sich langsam lösen.“ Stasiuk weicht dem Anblick des sich qualvoll hinziehenden Todes nicht mehr aus.

Die letzte Erzählung ist dem toten Freund gewidmet. Sie ist nach dem Warschauer Stadtteil Grochów benannt, in dem sich die beiden als Jugendliche kennengelernt, in dem sie gemeinsam aufgewachsen sind. Der Text beginnt mit einer für Stasiuk typischen topographischen Beschreibung: ein verstaubtes Fabrikgelände, ein von Gestrüpp überwucherter Bahndamm, in der Luft der Geruch von Abgasen und verfaultem Grün und allabendlich der Zug in die Welthauptstadt des Proletariats. Von Beginn an erfüllte die Freunde ein Gefühl der Melancholie und des Fernwehs. „Aber so ist es immer an Orten, wo Bahngleise verlaufen. Von zwei ins Unendliche laufenden silbernen Fäden kann man den Blick nicht losreißen. Sie sind magnetisiert, wie ein Eisensplitter folgt ihnen unsere Sehnsucht bis ans Ende der Welt.“ Die Erinnerung an Grochów ist in winterliche Dämmerung gehüllt, im Rückblick erscheint die Fabrikhalle so grau und kalt, wie das Krematorium, in dem nun der Sarg des Freundes steht.

Die letzte gemeinsame Reise führte an einem Osterwochenende über die polnisch-slowakische Grenze nach Ungarn. Kurz vor Budapest sprach der Freund von der Krankheit, nannte die schlechte Prognose. Schweigend waren sie weitergefahren bis an die slowenische Küste. Stasiuk kämpft um eine Perspektive, die Distanz eines allwissenden Chronisten ist nicht durchzuhalten. Aus der Ich-Perspektive über die gemeinsame Zeit zu schreiben, fühlt sich an wie ein Verrat. „Das Wir musst du verzeihen, irgendwie habe ich keine Wahl“. Das Du ist jedoch keines des vertrauten Gesprächs mit dem Toten, wie es der Großmutter noch möglich gewesen wäre, es ist eher die direkte Anrede eines Briefes, der nicht mehr abgeschickt werden wird. In Piran hatte das Sterben für Olek längst begonnen, während der Freund der Nachricht von der Diagnose in einsamen Stadtspaziergängen, ausschweifenden Erinnerungen auszuweichen sucht. Später hadert er mit seiner Feigheit, dem anderen zuzuhören. „Das heißt, ich hörte zu, aber ich ermunterte ihn nicht, mehr zu sagen.“ Es ist die letzte gemeinsame Fahrt, für die Freunde gibt es nicht länger die Illusion eines nächsten Aufbruchs, „um dem Schicksal zu entgehen, um es auszutricksen“.

Stasiuks Beschwörung der vergangenen Zeit, die Suche nach jedem einzelnen verlorenen Sommertag ist nie sentimental, nie verzweifelt. Sie bietet aber auch keinen Trost. Was bleibt ist das Glück, über das Sterben schreiben und vielleicht auch sprechen zu können.

Andrzej Stasiuk – Kurzes Buch über das Sterben. Aus dem Polnischen von Renate Schmidgall. Suhrkamp Verlag, 112 Seiten.


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