INDIE-ROCK: Pop-Offensive als Altersvorsorge

Das kanadische Indie-Rock Duo Tegan and Sara befürchtete immer, seine Musik werde in den Medien von anderen Themen überschattet. Mit dem neuen Album „Heartthrob“ wird das alles anders.

Vom Underground-Feminismus zum Pop-Phänomen: Tegan and Sarah haben einen langen Weg hinter sich gebracht.

Als die Schwestern Tegan und Sara Quin 1999 ihr erstes Album herausbrachten, waren sie „die Zwillinge“. Dann „Frauen im Indie-Rock“, dann „lesbische Frauen in der Musikszene“, und schließlich ging es um Eherechte gleichgeschlechtlicher Paare, Feminismus und Frauenfeindlichkeit in der Musikindustrie. Alles Themen, die Tegan and Sara am Herzen liegen und für oder gegen die sie sich einsetzen. Die sechs Alben, die das Duo in der Zwischenzeit herausbrachte, verkamen in den Medien dabei aber zum Randthema.

Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass sie seit der Veröffentlichung ihres siebten Albums „Heartthrob“ im Februar „die Indie-Rocker, die jetzt Mainstream-Pop machen“ sind. Diese Zusammenfassung von Tegan and Saras Status Quo ist weder falsch, noch abwertend gemeint. Man ist beim Anhören der fröhlichen Klänge auf der neuen Platte eher verwundert als abgestoßen. Wenn man genau hingehört hat, konnte man schon auf vorigen Alben hören, dass das Duo dem Pop entgegensteuert. In „Walking with a Ghost“ von 2004 versprühte lediglich die Gitarre Rock-Flair, während der Refrain melodisch-poppige Ohrwurmqualitäten aufwies. Die Alben „The Con“ und „Sainthood“ enthalten zahlreiche Lieder, die zum Mitsingen einladen.

„Heartthrob“ ist tatsächlich so poppig, dass die erste Single-Auskopplung, „Closer“, von einem Kritiker treffend als „der beste Song, den Kylie Minogue nie aufgenommen hat“ betitelt wurde. An Stelle der bisher dominierenden Gitarren stehen nun Synthesizer, anstatt von gebrochenen Herzen zu singen, geht es auf diesem Album um die unschuldige, romantische Verblendung, die die Schwestern in ihren Teenager-Jahren selbst erlebt haben. Es ist ein Album voller Spaß, Hoffnung und mit Pop-Elementen der 1980er und 1990er.

Dieser musikalische und thematische Wandel ist jedoch kein Ausrutscher, sondern strategisch geplant. Für alt eingesessene Tegan and Sara-Fans mag dieser Umschwung zum Mainstream ein Schlag ins Gesicht sein. Für die Schwestern ist es ein logischer Schritt in ihrer Evolution. Während sie sich noch vor fünf Jahren nicht um Erfolg gerissen hätten, verspüren sie jetzt den Ehrgeiz, andere, größere Dinge zu erreichen, Arenen zu bespielen und ein breites Publikum anzusprechen.

„Ich möchte, dass diese Songs Müttern gefallen, Zweijährigen, dem homosexuellen Teenager aus Kansas und dem Hipster, der seine Augen in Ironie verdreht, aber es doch eigentlich toll findet“, verkündete Sara kürzlich in einem Interview. Tegan hingegen denkt pragmatisch und macht sich über die Zukunft Gedanken. Trotz über einer Million verkaufter Alben hätten die Schwestern nichts, worauf sie sich zur Ruhe setzen könnten, falls die Lust zu touren mal versiegen sollte. Die Strategie scheint aufzugehen, die Altersvorsorge könnte bald gesichert sein: In den USA stieg das Album auf Platz 3 der Billboard-Charts ein.

Für Tegan and Sara ist die neue Stilrichtung allerdings auch eine kreative Herausforderung. Während Indie-Rock mit Schludrigkeit an Charakter gewann, muss nun jeder Ton genauestens sitzen. Tegan brachte es in einem Interview auf den Punkt: „Es ist so, als würde man zuhause mit dem Tennisball gegen eine Garage spielen und dann auf einmal in Wimbledon aufschlagen“.

Am 24. Juni in der Rockhal.


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