ARCHITEKTUR: Stadt, Land, Fluss

Wie muss die Raumplanung der Zukunft aussehen, damit Nachhaltigkeitsbelange stärker zum Tragen kommen? Diesen Fragen geht zurzeit die „Fondation de l’Architecture et de l’Ingénierie“ in einer Themenwoche nach.

Viele Themen kamen beim Kolloquium „Futura Bold“ zur Sprache.

Zersiedelung, übermäßiger Energieverbrauch, erstickender Individualverkehr und kaum bezahlbare Mieten ? Wie sieht die Zukunft Luxemburgs aus, eines „Kleinstaats“, in dem es keine wirklich dichtbesiedelte Stadt aber auch keine großen, ungenutzten Naturarreale mehr gibt? Welche Rolle kann Architektur in der Landschaftsplanung spielen, wenn in dieser Erfordernisse der Nachhaltigkeit und ästhetische Aspekte gleichermaßen zum Tragen kommen sollen? Welche Potenziale stecken in den Städten und Landschaften von morgen?

Unter dem Titel „Futura Bold“ organisiert die „Fondation de l’Architecture et de l’Ingénierie“ eine noch laufende Themenwoche, in der diesen Zukunftsfragen in Workshops und Kolloquien nachgegangen werden soll.

Am letzten Donnerstag war eine große Diskussionsrunde angesetzt, während der JournalistInnen Fragen zu den Themen Wirtschaft, Umwelt, Mobilität, Gesellschaft, Kultur und Landesplanung an ExpertInnen aus den unterschiedlichsten Bereichen stellten. Ziel des Kolloquiums war es, Vorstellungen von Zukunftszenarien zu erarbeiten, denen dann in einem „Co-Design-Workshop“ Ende Juni auf den Grund gegangen werden soll.

Eine der ersten Fragen, mit der sich Jean-Michel Gaudron, Chefredakteur von Paperjam, befasste, galt dem Wirtschaftsstandort Luxemburg. Sind wirtschaftliches Wachstum und dichte Bebauung überhaupt mit dem Erhalt von Lebensqualität vereinbar? Zweifel daran begründen die Vororte vieler Großstädte wohl zur Genüge. Einig waren sich die geladenen Experten – Vertreter des Finanzministeriums, der Wirtschaftskammer, der Finanzgruppe ING Luxemburg und der Senioren-Wohneinrichtungen Servior – in der Feststellung, dass das „Business Modell Luxemburg“ allzusehr auf Wachstum beruhe. Die Weiterentwicklung der wissensbasierten Wirtschaft bringe es zudem mit sich, dass in Zukunft wohl noch höhere Ansprüche an Lebensqualität und Wohnkomfort gestellt werden. Luxemburg müsse attraktiv bleiben, um Arbeitskräfte anzuziehen. Doch sei diese unablässige Nötigung zum Wachsen mit großen Risiken verbunden. Es könne zu einer Immobilienblase kommen, nämlich dann, wenn das Wirtschaftssystem stagniert und viele Zugezogene das Land plötzlich wieder verlassen.

Problematisch ist im Immobilienbereich auch die Tatsache, dass es zu wenig Mietraum gibt. Die Luxemburger sind mehrheitlich nach wie vor Wohnungseigentümer, so die Feststellung des ersten Diskussionsforums. Und das, obwohl heute in vielen Lebensbereichen Mietverhältnisse üblich sind – wie beim Carsharing oder dem Veloh-Konzept. Entsprechend unterentwickelt ist der soziale Wohnungsbau, der zudem fast ausschließlich vom Staat betrieben wird. Eine Herausforderung, die zukünftig immer dringlicher werden wird, ist die Schaffung von Wohnmöglichkeiten für alte Menschen. Obwohl die meisten Menschen bisher lange zuhause leben – ambulante Pflegedienste machen es möglich – nimmt die Anzahl pflegebedürftiger Menschen im hohen Alter zu. „Das setzt eine Infrastruktur mit kurzen Wegen voraus, die den alten Menschen die Mobilität bewahren hilft. Aber es fehlt auch an anderen Formen solcher Erleichterung, wie das betreute Wohnen eine ist“, so Alain Dichter, Vorsitzender von Servior.

Schwerfällige Prozedur der Raumordnung

Schwerfällig ist die ganze Prozedur der Raumordnungsverfahren, die demnächst in der Abgeordnetenkammer zur Abstimmung kommt, so die Meinung mehrerer Redner auf dem Forum. Die Spezifizierung der Maßnahmen in den Sektorplänen sei zudem zu ungenau. Auf die Risiken der Landesplanung ging auch die zweite Diskussionsrunde ein, die unter dem Titel „Umwelt, Urbanismus und Mobilität“ stand.

„Es wurde auf die Wachstumsraten hingewiesen, die notwendig sind, damit das Business-Modell Luxemburg tragfähig ist“, meinte Markus Hesse, Professor für Stadtentwicklung an der Uni Luxemburg. „Im Grunde stecken wir in einer Sackgasse, aufgetan durch diesen ziemlich einzigartigen Erfolg des Luxemburger Modells der letzten 30 Jahre.“ Dieses Modell in etwas zu überführen, das möglicherweise nicht mehr so stark wächst und das sich auch an anderen Belangen der Gesellschaft orientiert, sei nicht einfach. Auch hätten die Institutionen bisher noch nicht wirklich gelernt, mit dem ökonomischen Erfolg angemessen umzugehen und ihn in Bahnen zu lenken, die eine nachhaltige, ausgewogene Entwicklung des Landes gewährleisten. Die vom Staat in die Wege geleiteten Projekte, wie zum Beispiel jenes in Belval, seien durchaus geeignet, das Problem der ungleichen Raumentwicklung zu verschärfen, so der Stadtplaner. Das Potenzial der Sektorpläne, hier wirklich einwirken zu können, sieht Hesse eher kritisch. „Wenn das Land aus einer Kommune bestehen würde, dann würde ich an die Sektorpläne glauben. Wie soll jedoch dieser Interessenkonflikt zwischen dem traditionell starken Staat, Ziele vorzugeben, und dem traditionell sehr stark ausgeprägten Eigensinn der Kommunen einen Ausgleich finden?“, fragt Hesse. Damit die Sektorpläne eine Perspektive haben, müssten sie mit viel längerem Atem beworben – aber auch fortgeschrieben werden.

Auch Raymond Aendekerk, Agraringenieur und Koordinator bei „Natur an Ëmwelt“ sowie Gemeinderat in der Gemeinde Betzdorf, befürchtet, dass das Ganze mit einem Misserfolg enden wird. Landwirschaft und Naturschutz stünden oft in direkter Konkurrenz. „Auf den klassischen Freiflächen, auf denen Naturschutz betrieben werde könnte, wird landwirtschaftlich produziert“, kritisiert Aendekerk.

Auch in der Gemeinde Betzdorf wurde ein „Plan d’aménagement particulier“ (PAP) umgesetzt. Absicht dabei war durchaus, den dörflichen Charakter zu erhalten. „Bei den Diskussionen um den PAP stehen viele Interessen gegeneinander: Wir haben in Betzdorf Firmen und viele Landwirte. Letztlich richtet sich jedoch alles nach der Ökonomie“, stellt Aendekerk fest. Einrichtungen einer regionalen Ökonomie, wie zum Beispiel ein Tante-Emma-Laden, seien unter den heutigen Bedingungen kaum mehr realisierbar.

Chancen, diesen Entwicklungen entgegenzuwirken sieht Aendekerk eher beim Staat als bei den Gemeinden gegeben. „Wenn wir andere Subventionsmöglichkeiten hätten und steuern könnten, wo genau die Gelder in der Landwirtschaft hinfließen, dann könnte auch eine Gemeinde hier mehr erreichen“, glaubt er. So aber habe die Landwirtschaftspolitik heute einen übermäßigen Einfluss auf den Landverbrauch. Ineffizient sei auch der Energieverbrauch. Um dem entgegenzuwirken, sei es auch wichtig, eine Wirtschaft zu entwickeln, in der die Menschen wieder stärker in ihren Gemeinden arbeiten. „Statt Häuser zu bauen und Land zu verbrauchen“, so Aendekerk.

Bäuerliche Welt und Urbanismus

Dass das Dorf als Siedlungsform heute im Wesentlichen ausgedient hat, da es kaum noch eine bäuerliche Welt gibt, bestätigt der Stadtplaner in gewissem Maße. So gebe es in der Forschung die These, dass die Menschen auch auf dem Land heute in ihrer Lebensweise und Haltung so verstädtert seien, dass die Unterschiede zwischen Land und Stadt weitgehend keine Rolle mehr spielten. „Das Angenehme des Stadtlebens mit dem Angenehmen des Landlebens zu kombinieren, gelingt jedoch nur einer Minderheit.“, meint Hesse.

Dass die Verstädterung der Dörfer auch keine Lösung darstellt, dafür gibt es viele Beispiele. „(…) So könnten die Gemeinden Baulichkeiten errichten lassen, die ökologisch sind und bei denen auch mehr Wert auf einen Garten und die Eigenversorgung gelegt wird“, so Aendekerk. Statt Gärten oder Ackerbau wiesen die Dörfer heute jedoch vor allem große Grünflächen auf. „Die Entwicklung der Dörfer über die letzten Jahre ist schiefgelaufen“, meint auch Francis Hengen vom Mouvement Ecologique. Die Regionalproduktion müsse stärker entwickelt werden, so dass die Menschen sich aus ihrem Umland versorgen können und damit der Zersiedlung der Landschaft und dem Bodenverlust durch immer breiter werdende Verbindungsstraßen entgegenwirken.

Auch in der Stadt selbst sei die Funktionsaufteilung des Raumes nicht ideal: Typisch für Luxemburg sei das Generieren von Büroflächen in großem Umfang, wie etwa auf Kirchberg. „Solange das so ist, wird es schwer werden, die Stadtzentren zu beleben“, meint Hesse.

Neben der Raumplanung ist auch der Energieverbrauch ein wichtiges Thema. Hier kommt den Architekten und Auftraggebern eine große Verantwortung zu. So wendet etwa das Mudam-Museum rund zwei Drittel seines Jahresbudgets für Heizung und Kühlung auf – eine maßlose Verschwendung, auf die Jo Kox, Präsident des „Fonds culturel national“ in der letzten Diskussionsrunde zum Thema Kultur und Architektur hinwies.

Das Kolloqium, das leider wenig Zulauf fand, riss viele Themen an, lieferte aber keine neuen Erkenntnisse. Schade, denn eigentlich bietet diese Plattform doch alle Möglichkeiten eines Thinktanks, dessen Aufgabe es ist, neuen Ideen zur Geburt zu verhelfen. Vielleicht werden die weiteren Veranstaltungen der Fondation in dieser Hinsicht ergiebiger sein.


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