NACH AUSCHWITZ: Literarischer Filmriss

Zum Jubiläum der „Gruppe 47“ hat der Literaturkritiker Helmut Böttiger eine Geschichte dieser Vereinigung deutscher Nachkriegsliteraten auf den Markt geworfen. Das Buch ist vom selben Ungeist durchzogen, von dem auch sein Gegenstand beseelt war. Eine zwiefache Erledigung.

Postfaschistische Katerstimmung: In diesem Etablissement in Bayern hat sich die Gruppe 47 erstmals getroffen, um der deutschen Nachkriegsliteratur aus ihrem unbehausten Zustand zu verhelfen.

„Ich finde, die Gruppe 47 war eine Sadistenvereinigung, an der ich nicht einmal unter Todesandrohung teilgenommen hätte.“ Der Frage, ob es eine neue Gruppe 47 braucht, mit der das Feuilleton immer wieder gerne kokettiert, hat Elfriede Jelinek eine klare Absage erteilt. Alles, was Literatur wettbewerbsartig zu rezipieren versuche, sei widerwärtig. „Literatur muß vereinzelt und in der Stille rezipiert werden, ihre Kritik auch, alles andre ist Unfug.“

Ein Unfug, der dem Essayisten und Literaturkritiker Helmut Böttiger gleichwohl eine rund 500 Seiten starke Monographie wert war: „Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb“ ist im Herbst letzten Jahres erschienen, 65 Jahre nach dem ersten Treffen und 45 Jahre nach der letzten Tagung der berühmt gewordenen deutschsprachigen Schriftstellergruppe. Zwei Jahrestage, die offiziell nicht gefeiert werden, sind dem Autor Anlass zu einer umfassenden historischen Darstellung des literarischen Phänomens, jenseits aller „emotionalen Auseinandersetzungen“. Sein Interesse gilt der von Jelinek abgelehnten lautstarken Inszenierung von Literatur, der Erfindung des Literaturbetriebs. Böttiger schildert, wie dieser von der Gruppe 47 begründet und über Jahre hinweg definiert wurde, wie sie noch Jahrzehnte nach ihrer Auflösung in den Betrieb hineingewirkt hat und bis heute Veranstaltungen wie den Klagenfurter Bachmann-Wettbewerb prägt.

Die ersten, improvisierten Schriftstellertreffen 1947 wurden rasch von akribisch geplanten Tagungen abgelöst. Um eine Vernetzung mit anderen Medien zu garantieren, wurden Verleger, Kulturjournalisten und Kritiker eingeladen. 1952 wurde mit dem Preis der Gruppe 47 ein publikumswirksames und verkaufsförderndes Markenzeichen geschaffen. Mit den Auslandstagungen errang die Gruppe auch internationale Anerkennung. Doch nicht der Austausch über Literatur, vielmehr das Auftreten der Schriftsteller, die Wortmeldungen der Kritiker und außerliterarische Klatsch- und Intrigengeschichten standen zunehmend im Vordergrund, machten die Jahrestagungen zu einem literarischen Spektakel. „Was von der Gruppe 47 geblieben ist“, behauptet Böttiger, „ist nicht ihre gesellschaftspolitische Stoßrichtung oder ihr Selbstverständnis von der Verantwortung des Schriftstellers. Es ist vielmehr die mit ihr einhergehende ?Eventisierung` des literarischen Geschehens, es sind die unumgänglichen Marketingkonzepte für die Verbreitung von Literatur, für ihre Vermittlung und Rezeption.“ Wie sich beide Momente in der Inszenierung alter Siebenundvierziger als politisch-moralische Instanz der deutschen (Kultur-)Nation bis heute wechselseitig ergänzen, thematisiert Böttiger nicht, zu sehr ist er auf seine These von der Gruppe 47 als Erfinderin des bundesrepublikanischen Literaturbetriebs konzentriert.

Ganz nebenbei liefert der Autor in der chronologischen, auf die kulturpolitische Vernetzung der Gruppe fokussierten Darstellung eine Geschichte der literarischen Medien: von der besonderen Bedeutung des Hörspiels, über die Gründung anspruchsvoller Zeitschriftenprojekte bis zu den ersten Livemittschnitten und Fernsehproduktionen. Dabei gelingen ihm schöne Porträts der ersten „Medienprofis“ Walter Höllerer und Hans Magnus Enzensberger. Mit der von Höllerer gegründeten Autoren- und Übersetzerwerkstatt, dem Literarischen Colloquium Berlin, und Enzensbergers Zeitschrift „Kursbuch“ öffnete sich ein neuer literarischer Horizont ? und es zeugt von besonderer Ironie, dass ausgerechnet diese Seiten, in denen es nicht um den engen Kreis der Gruppenmitglieder geht, zu den spannendsten des Buches gehören.

Exkurse in das literarische Umfeld der Gruppe 47 sind jedoch eine Ausnahme. Böttiger bleibt den Siebenundvierzigern treu. Nicht wie angekündigt emotionslos, sondern mit unverhohlener Sympathie und gelegentlich offener Bewunderung, widmet er sich zunächst ausführlich den Initiatoren der Gruppe, Hans Werner Richter und Alfred Andersch. Seine Darstellung stützt sich dabei vornehmlich auf deren autobiographische und literarische Selbstauskünfte, auf den Briefwechsel Richters, sowie auf Mitschnitte der Gruppendiskussionen, die in den Rundfunkarchiven lagern.

Entsprechend dem Selbstbild der Gründungsmitglieder verortet Böttiger die Gruppe innerhalb der konservativen Nachkriegskultur in einer „atmosphärisch eindeutig oppositionelle[n]“ Rolle. Im Vergleich zu den offiziellen NS-Literaten und den älteren Schriftstellern der „Inneren Emigration“, habe sich die Generation der 20- bis 40-jährigen „Heimkehrer“ als „unschuldig verstrickt“ erfahren: „Wichtig war das gemeinsame Erlebnis, in seinen besten Jahren im Krieg verheizt worden zu sein. Die Landsererfahrung schaffte dabei ein Gemeinschaftsgefühl und war durchaus positiv besetzt.“

Böttiger verharmlost die schwülstige Landserprosa als „soldatische[s] Ausnüchterungspathos“. Dass sich Andersch in einem programmatischen Gründungsmanifest nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzte, sondern die „Entscheidung“ zur unbedingten Gegenwart forderte, gilt Böttinger als „symptomatische Erscheinung für die deutschen Lockerungsbemühungen“. Widersprüche und Beschönigungen in den autobiographischen Texten Anderschs wiegelt er ab. Daher weist er auch alle kritischen Einzelstudien zu den Siebenundvierzigern als „polemische Zuspitzungen“ zurück, freilich nicht ohne eigenen polemischen Seitenhieb auf Klaus Brieglebs wichtige Streitschrift zur Frage: „Wie antisemitisch war die Gruppe 47?“ Die von dem Hamburger Literaturhistoriker analysierte Tabuisierung der Shoah und die Missachtung der Erfahrung der jüdischen Gruppenmitglieder wird von Böttiger nicht reflektiert, er reproduziert vielmehr den Abwehrreflex der deutschen Siebenundvierziger.

Auch der männerbündisch-frauenfeindliche Charakter der Gruppe 47 wird von Böttiger nicht kritisiert.

Dass Richter mit Ilse Aichinger nicht über den Abtransport ihrer Verwandten in nationalsozialistische Vernichtungslager sprechen wollte, wird von Böttiger entschuldigt: „Es ist vermutlich tatsächlich so, dass Hans Werner Richter nicht mehr hören wollte – dass er sich außerstande sah, mehr zu verarbeiten, als er in dieser Zeit verarbeiten konnte.“ Auch Richters „gedankliche Monstrosität“ gegen Paul Celan wird von Böttiger heruntergespielt. Er habe den Vergleich, der jüdische Überlebende lese wie Goebbels, immerhin nicht in der offiziellen Gruppendiskussion, sondern nur „informell, beim Mittagessen“ geäußert. Außerdem will Böttiger in Richters Tagebuch „zwischen den Zeilen“ eine „Überforderung“ im Umgang mit dem jüdischen Autor erkennen.

Während der Urheber grober Beleidigungen zum Opfer stilisiert wird, erfährt Celan in Böttigers Darstellung noch einmal die Häme, die ihm auf dem Gruppentreffen 1952 entgegenschlug. „Celan war keineswegs ausschließlich der große Leidende, der an seinem Schicksal schwer tragende unverstandene Lyriker“, er habe, glaubt Böttiger zu wissen, weniger unter dem fortwirkenden Antisemitismus in Deutschland nach 1945 gelitten als vielmehr unter dem „Schuldgefühl, den Tod seiner Eltern in den Vernichtungslagern Transnistriens überlebt zu haben.“ Celan wird pathologisiert. Der Überempfindliche sei den Rohheiten des Literaturbetriebs nicht gewachsen gewesen, hätte weder die literarische Rivalität noch das missglückte Liebesverhältnis mit Ingeborg Bachmann verkraftet. So gelingt es Böttiger in seiner Rekonstruktion der Niendorfer Tagung Celan und Bachmann gleichermaßen zu diffamieren.

Auch der männerbündisch-misogyne Charakter der Gruppe 47 wird von Böttiger nicht kritisiert. Er kolportiert Schlüssellochanekdoten, in denen sich die Verklemmtheit der Gruppenmitglieder wiederspiegelt und zitiert männliche Gruppenmitglieder, die das Auftreten der wenigen Schriftstellerinnen in der Gruppe ausnahmslos sexistisch kommentieren: Ilse Schneider Lengyeil, die erste Gastgeberin der Siebenundvierziger, wird als „esoterische Hex` vom Bannwaldsee“ erinnert, Aichinger als „Fräulein Kafka“ belächelt, während Gisela Elsner als „in Stuck geschlagene Frauengestalt“ imponiert. Dass Böttiger das gruppeninterne Frauenbild nicht nur nicht kritisch hinterfragt, sondern selbst fortschreibt, zeigt sich in seinem Porträt des ersten „Covergirls“ der Gruppe. Das Klischee von der ebenso schüchternen wie raffinierten Bachmann regt die Phantasie des Autors an. Dass sie 1954 die erste Auslandstagung am Cap Circeo in Italien organisierte, an jenem Ort, an dem die mythologische Figur Circe Odysseus` Seefahrer mit ihren Verführungskünsten an Land lockte, um sie in der Folge in Schweine zu verwandeln, deutet Böttiger als „verblüffende Selbstinszenierung“ Bachmanns.

Anstatt eine kritische Gesamtdarstellung der Gruppe und ihrer Geschichte zu liefern, setzt Böttiger das beredte Schweigen der alten Siebenundvierziger fort. Auch dass nicht allein die Gründergeneration, sondern die zweite, bis heute tonangebende Generation zu ihrer Vergangenheit als Hitlerjunge, Flakhelfer, Landser und SS-Scherge gleichermaßen geschwiegen hat, problematisiert er nicht. Fragen, die eine neue Autorengeneration um Alexander Kluge und Hubert Fichte bezüglich des Fortwirkens antisemitischer Tendenzen in der Demokratie aufgeworfen haben und die heute wie damals abgewehrt werden, sind für Böttiger kein Thema. Seine Darstellung fällt insofern hinter die Kritik der dritten Generation zurück. Er hinterfragt nicht, warum diejenigen, die schon damals die richtigen Fragen stellten, heute im Literaturbetrieb bestenfalls ein „Nischenformat“ bedienen oder längst in Vergessenheit geraten sind, während die ungebrochene Popularität der zweiten Generation den Mythos der Gruppe 47 nährt.

Böttinger fällt wohl auf, dass Günter Grass, Martin Walser und Marcel Reich-Ranicki in der Öffentlichkeit noch immer „den stärksten Widerhall“ finden, doch in seiner Fokussierung auf die mediale Dimension betrachtet er sie nur als „Debattenkönige“. Er nimmt sie als „Auslöser für Streitgespräche“ wahr, unterschlägt aber deren Inhalt. Die politische Bedeutung der Konstellation wird ausgeblendet. „Am entrücktesten ist mittlerweile die gesellschaftliche Funktion, die die Gruppe gehabt hat“, behauptet Böttiger bereits in der Einleitung, ausgerechnet mit Bezug auf Grass. Als ob nicht umgekehrt Grass und Walser vor allem aufgrund ihrer gesellschaftlichen Funktion, die sie seit der zweiten deutschen „Stunde Null“ 1989 einnehmen, wiederholt in den Mittelpunkt des öffentlichen Interesses gerückt sind. Der „Corpsgeist“, den Richter unter den Literaten zwanzig Jahre lang beschwor, beherrscht den deutschen Kulturbetrieb bis heute, wenn es darum geht, die Erinnerung an Auschwitz und an die deutschen Täter abzuwehren und jeden „Antisemitismus-Vorwurf“ zurückzuweisen. Die beiden Autoren, die zur „Speerspitze“ der deutschen Gegenwartsliteratur gehörten, haben mittlerweile eine Vorreiterrolle im deutschen Erinnerungsbetrieb übernommen.

Böttiger lässt die Mechanismen der Erinnerungsabwehr, die in der Gruppe 47 eingeübt werden konnten, unerwähnt, reproduziert aber den Affekt gegen Reich-Ranicki. Schon die alten Siebenundvierziger mochten den jüdischen Kritiker nicht, Walser hat seine Vernichtungsphantasien schließlich in einem Roman ausgelebt. Böttiger beschimpft ihn als selbstdarstellerisch und zu sehr auf den Effekt bedacht. Als Kritiker mit essayistischem Anspruch wirft Böttiger Reich-Ranicki vor, die Literaturkritik zur „medienkompatiblen Showgröße“ aufgerüstet und alle Formate, „denen ein bloßes Plus-Minus-Schema nicht genügt“, entwertet zu haben. Damit ist die Schuldfrage geklärt: Reich-Ranicki hat den Kritikertypus zu verantworten, dessen Funktion sich darauf beschränkt, den wenigen verbliebenen Kunden des Buchhandels den unterhaltsamen Service einer Vorauswahl anzubieten. Als Autor ohne kritischen Anspruch hat Böttiger dem Betrieb selbst ein perfektes Buch geliefert: Er huldigt dem Mythos der Gruppe 47, trägt seinen Teil zur „Eventisierung“ von Literatur dabei und festigt die gesellschaftspolitische Stoßrichtung der deutschen Leitkultur. Böttiger hat sich damit die Auszeichnung mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2013 im Bereich Sachbuch/Essayistik redlich verdient.

Helmut Böttiger – Die Gruppe 47. Als die deutsche Literatur Geschichte schrieb. Deutsche Verlagsanstalt, 480 Seiten.


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