NIEDERLANDE: Ein Fest für alte weiße Männer

Vor 150 Jahren wurde in niederländischen Kolonien die Sklaverei abgeschafft. Zum Jubiläum gibt es reichlich Gedenk-Veranstaltungen. Doch in der Gesellschaft kommt die Erinnerung an dieses Kapitel der Geschichte nur langsam an.

Längst nicht alle Nachfahren der in die niederländischen Kolonien Verschleppten sehen den Jahrestag zur Abschaffung der Sklaverei als Grund zum Feiern: Zu ignorant ist der Alltag in den Niederlanden gegenüber diesem Kapitel der Geschichte.

In Amsterdam Zuidoost gibt es einen Platz, der nach Anton de Kom benannt ist. Auch ein Monument aus grauem Stein erinnert an den Kolonialgegner aus Surinam. Was er wohl zu dem Schauspiel sagen würde, das sich seinem Blick darböte, wäre die Statue tatsächlich von ihm beseelt? Auf dem Platz gibt es einen Wochenmarkt, und an so manchem Stand dort ist derzeit eine Schärpe angebracht, Grün-Weiß-Rot gestreift, wie die Fahne von Surinam, woher so viele der Bewohner des Bezirks stammen. In der Mitte der Schärpe prangen zwei kräftige, geballte Fäuste, Symbole der Kraft, die mit Wucht die Ketten von den Handgelenken sprengt. Zwischen dem Datum „1. Juli 1863“ und dem seiner 150. Wiederkehr, dem 1. Juli 2013, steht in goldenen Lettern „Keti Koti Manspasi Dey?, was in der surinamesischen Landessprache „Zerbrochene Ketten Emanzipationstag“ bedeutet.

150 Jahre ist es her, dass die Niederlande als letzte europäische Kolonialmacht in Surinam und auf den Antilleninseln die Sklaverei abgeschafft haben. Rund 550.000 Afrikaner hatten sie zuvor von ihren Forts an der Goldküste, dem heutigen Ghana aus verschleppt, zur Zwangsarbeit auf den Plantagen ihrer Kolonien oder zum Weiterverkauf auf dem Sklavenmarkt von Curacao, damals einem der größten dieser Märkte in der Region.

Für Suzie Dankwa ist die Schärpe eine besondere Ware. Die Inhaberin einer Boutique in der Markthalle verkauft täglich 20 der schmalen Textilstreifen, das Stück für fünf Euro, „vor allem an Surinamer“. Am Eingang ihres Ladens ziert die Schärpe goldene und rote Kleider von Schaufensterpuppen. Dankwa selbst stammt aus Ghana ? „genau wie die Surinamer“. Sehr gut war es, meint die Händlerin, die Sklaverei zu beenden. „Man kann Stoff verkaufen, aber doch keine Menschen!“

Nicht nur in Amsterdam-Zuidoost ist das Jubiläum in diesen Wochen ein Thema. Mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen wollen die Niederlande in diesem Jahr dem Ende der Sklaverei gedenken: Es gibt Ausstellungen, ein Theaterstück, Debatten und ein „Keti-Koti-Festival?. Das löst bei Eddy Campbell durchaus Zufriedenheit aus. Der pensionierte Soziologiedozent ist Vorsitzender des „Nationalen Instituts für Niederländische Sklavereigeschichte und ? erbe“ (NiNsee) und betont: „An so viel Aufmerksamkeit hätten wir vor zehn Jahren niemals gedacht.“

In der Tat gelangte die Beteiligung am transatlantischen Sklavenhandel erst in der jüngsten Vergangenheit ins öffentliche Bewusstsein der Niederlande. In den Siebzigerjahren des Zwanzigsten Jahrhunderts begingen Migranten aus Surinam „Keti Koti“ mit einem Fußballturnier, das später in ein Kulturfestival mündete. Ab den 1990ern gab es in Amsterdam und Rotterdam Gedenkfeiern, die aber außerhalb surinamesischer und antillianischer Communities kaum zur Kenntnis genommen wurden. Erst als sich die Politik, beeinflusst von der UN-Weltkonferenz gegen Rassismus in Durban 2001, um die Jahrtausendwende des Themas annahm, öffnete man sich vorsichtig der Vergangenheit.

Diese Entwicklung gipfelte in einem bemerkenswerten „Doppel-Monument“: 2005 wurde in Amsterdam ein Mahnmal für die befreiten Sklaven eingeweiht – wenn auch in einem etwas abgelegenen Park, in den sich kaum je ein auswärtiger Besucher verirrt. Dieser „statischen“ Form der Erinnerung stellte man einen „dynamischen“ Counterpart zur Seite: das staatlich geförderte NiNsee-Institut, das eine Dauerausstellung nebst Bibliothek beherbergte und sich in Forschung und Bildung zu Sklaverei und (Post-)Kolonialismus engagierte.

Ausgerechnet zu Beginn des Jubiläumsjahrs nun strich die sozialliberale Regierung in Den Haag dem Institut im Zuge ihrer Sparmaßnahmen die Subventionen von 900.000 Euro. „Eine barbarische Tat“, findet Eddy Campbell, der nun ehrenamtlich ein Rumpf-Projekt mit unsicherer Zukunft und zwei Teilzeitkräften leitet. Den festen Mitarbeitern musste NiNsee kündigen, die Exponate einmotten und das Gebäude verlassen. Dank der Unterstützung der Gemeinde Amsterdam hat man im dortigen Stadtarchiv Unterschlupf gefunden.

„Es wird verschwiegen, dass die Sklavenhalter statt der Opfer Entschädigungs-zahlungen erhalten haben.“

Genau hier also empfängt Eddy Campbell jetzt Besucher, und er ist sichtlich bemüht, sich nicht unterkriegen zu lassen. „Es werden auch wieder besser Zeiten kommen“, sagt er. Was ihm Mut macht, ist die Erinnerungskultur, die in den letzten Jahren entstanden ist und zu der gerade sein Institut beigetragen habe: „Das Gedenken ist zu einer Tradition geworden. Nun müsste es noch mehr einen nationalen Charakter bekommen, der alle Gruppen der Gesellschaft einschließt.?

Weniger zufrieden ist Campbell, was die Emanzipation der Nachkommen der Sklaven betrifft: „In Sport und Musik sind sie gut vertreten, aber in der wissenschaftlichen Welt oder dem Justizwesen? In Gefängnissen gibt es viele schwarze Menschen, aber wo sind schwarze Richter oder Polizeioffiziere? Es gibt mehr schwarze Studenten, aber was ist mit schwarzen Professoren? Auch in der Politik sind Surinamer und Antillianer kaum vertreten, ganz anders als Türken und Marokkaner. Nach einem schwarzen Bürgermeister muss man lange suchen, es gibt nämlich nur zwei.?

Unten im Erdgeschoss baut man derweil an einer Ausstellung mit dem Titel „Amsterdam und die Sklaverei“. In einem Schaufenster am Eingang weisen ein paar alte Krüge und Gefäße auf die Eröffnung hin. Die Fundstücke von archäologischen Ausgrabungen sind Überreste der zahlreichen Zuckerraffinerien in der Stadt, die im 17. Jahrhundert, das man hier das „Goldene“ nennt, das Handelszentrum der Welt war. Auch unveröffentlichte Dokumente zum Sklavenhandel sollen dort zu sehen sein, um „ein scharfes, eindringliches Bild der Beteiligung von Amsterdamer Kaufleuten und Notaren zu zeichnen“.

Auch im Grachtengürtel in der Amsterdamer Innenstadt scheint etwas in Gang zu kommen. Das Museum Geelvinck Huis, einst der prunkvolle Sitz einer Kaufmannsfamilie, stellt sich der Vergangenheit des früheren Hausherren: Albert Geelvinck war der erste Direktor der Sociëteit van Suriname, die die Kolonie verwaltete und ihre Plantagenwirtschaft organisierte. Vor einer Weltkarte im Foyer wird nun erläutert, wie Geelvinck zur Steigerung der Produktivität 500 Sklaven nach Surinam verschiffen ließ. Produkte aus Zucker, Kakao und Kaffee zeugen vom dort erworbenen Reichtum, und Werbeplakate mit Schwarzen vom gestiegenen Konsumniveau im Mutterland.

Manchmal kann man in diesem Rahmen auch Jennifer Tosch treffen, die dem Jubiläum ihren eigenen Stempel aufgedrückt hat. „Black Heritage Tour“ nennt sich die Exkursion, die sie seit Anfang des Jahres in Amsterdam anbietet und die nicht selten im Geelvinck Huis endet. Die Soziologin Tosch stammt aus New York, wohin ihre Eltern kurz vor ihrer Geburt aus Surinam emigrierten. Als sie 2012 an einem Kurs zur niederländischen Kolonialvergangenheit teilnahm, war sie enttäuscht, dass sich dieser vor allem um Indonesien drehte und Surinam sowie die Sklaverei vernachlässigte.

Also machte Jennifer Tosch sich selbst auf die Suche. Was sie fand, waren vor allem Dekorationen: an Eingängen, Hauswänden und Giebeln traf sie auf den Seehelden Cornelis Tromp samt Schiff und Diener, einem kleinen schwarzen Jungen, Darstellungen von Indianern mit Pfeil und Bogen, und dann dieses Relief oben am Alten Rathaus: Affen, Löwen, Elefanten, Krokodile. „Ein anderes Narrativ der Geschichte“ will Jennifer Tosch bieten, die Goldene Ära der Niederlande um ihre dunklen Seiten ergänzen. „Typisch“, sagt ein einheimischer Tour-Teilnehmer, „dass es hierfür eine Amerikanerin braucht.“

Gerne würde Jennifer Tosch ihren Gästen auch das Westindisch Huis im Zentrum Amsterdams zeigen, das ehemalige Hauptquartier der Westindischen Kompanie (WIC). 1683 erwarb diese die Kolonie Surinam, 1689 ein Monopol für deren Ausbeutung. Mit der Amsterdamer Oberschicht war die WIC eng verwoben. Heute preist die Website das Haus als Kulisse für Hochzeiten, Geschäftsmeetings und vornehme Parties an. Vollmundig nimmt man Bezug auf die WIC, und noch vollmundiger schweigt man zur Sklaverei.

Wenige haben dieses Schweigen, das die Sklavereivergangenheit der Niederlande lange umgab, so kritisiert wie Sandew Hira, Historiker am International Institute for Scientific Research (IISR) in Den Haag, das auf Postkolonialismus und Diaspora spezialisiert ist. Seit drei Jahrzehnten setzt sich Hira mit den blinden Flecken der Geschichte auseinander, und seine radikal antikoloniale Sicht hat aus ihm einen ebenso gefragten wie umstrittenen Protagonisten auf diesem Gebiet gemacht.

Die Wochen vor dem Jubiläum verbringt Sandew Hira in Surinam. Per E-Mail ist seine Einschätzung der Erinnerungspolitik wenig optimistisch. Die Debatte in den Niederlanden sei gleichförmig und gegenüber den Verbrechen der Sklaverei bagatellisierend, findet Hira. Raum für abweichende Meinungen bleibe nicht. Was er sich wünscht? Nicht nur eine breitere Diskussion, sondern auch, „die Schulbücher neu zu schreiben“. Damit wurde zumindest begonnen, denn anders als 1965 heißt es in Geschichtswerken heute nicht mehr: „Der Sklavenhandel [?] hat unserem Land einen schlechten Namen gegeben und am liebsten sprechen wir nicht darüber.“

In Sandew Hiras Augen ändert dies allerdings nichts daran, dass die Abschaffung der Sklaverei schwerlich ein Anlass zum Feiern ist. „Es wird verschwiegen, dass die Verbrecher statt der Opfer Entschädigungszahlungen erhalten haben. Für jeden versklavten Afrikaner bekam der niederländische Kriminelle 300 Gulden.? Auch ein anderes historisches Detail fällt unter die Festtafel des Jubiläums: Die befreiten Sklaven mussten 1863 für weitere zehn Jahre für einen Hungerlohn bei ihren vormaligen Besitzern knechten. Für Hira steht das Fazit darum fest: „Es gibt zwei Formen der Abschaffung von Sklaverei: die zivilisierte und die unzivilisierte. Die niederländische Form war die unzivilisierte.“

Die Keti-Koti-Feierlichkeiten hatte Hira daher zu Jahresbeginn in der progressiven Zeitschrift „Vrij Nederland“ als „Fest für ein paar alte weiße Männer und Frauen“ abgetan. Unmittelbar vor dem Jahrestag hat sich an seiner Sicht nichts geändert. „Der Einfluss wird Null-Komma-Null sein. Alles geht nach diesem Jubiläum weiter wie gehabt.“ Von den Opfern und ihren Nachfahren werde auch weiterhin Dankbarkeit erwartet, dass sie nicht mehr beraubt und vergewaltigt würden.

Der Weg dieser Debatte, soviel ist deutlich, ist einer der mühsamen kleinen Schritte. Man kann das, wie der tapfere NiNsee-Vorsitzende Eddy Campbell, als Fortschritt sehen. Oder wie der Historiker Sandew Hira resigniert folgern, dass „auf den ersten Juli einfach der zweite Juli folgen wird“.

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden. Er lebt in Amsterdam.


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