GAYMAT: Auf die Straße

Wäre es nicht zu Neuwahlen gekommen, hätten in etwa drei Monaten das erste homosexuelle Paar in Luxemburg getraut werden können. Jetzt wird sich dieser „Hochzeitstraum“ noch etwas verzögern. Über politische Forderungen und das Gaymat sprach die Woxx mit dem Vizepräsidenten von Rosa Lëtzebuerg, Laurent Boquet.

Zur Person:
Laurent BOQUET (23) engagiert sich seit 2007 für die Belange von „Lesbian, Gay, Bisexual and Trans“-(LGBT)-Personen. Als Mitbegründer der unabhängigen Initative „…och fir eis!“ hat Boquet im Jahre 2008 eine Petition auf den Weg gebracht, die die Öffnung der Ehe mit allen Rechten und Pflichten forderte. Seit 2009 ist er Mitglied des Verwaltungsrats der asbl Rosa Lëtzebuerg und zuständig für die Koordination des Festival GayMat. Seit drei Jahren bekleidet er das Amt des Vize-Präsidenten der Vereinigung.

woxx: Noch bis zum 13. Juli findet nun zum 15. Mal das „Gaymat“ statt. Es ist ein soziokulturelles Festival, das seit 1999 einmal im Jahr von der Asbl Rosa Lëtzebuerg organisiert wird. Warum wurde es seinerzeit ins Leben gerufen, und wie sehr hat sich das Festival über die Jahre verändert? Wie politisch ist die Veranstaltung heute noch?

Laurent Boquet: 1998 fand in der hauptstädtischen Halle Victor Hugo eine Tagung unter dem Titel „Homosexualitéit, och zu Lëtzebuerg?“ statt. Angesichts des großen Anklangs, den diese Konferenz fand, fragte in den Saal hinein, der damalige Präsident Patrick Weber, ob es nicht Zeit sei, dass auch die luxemburgische Community den Weg aus dem Saal hinaus auf die Straßen findet. Die Veranstaltung bestand damals aus mehreren Informationsständen vor dem Kapuzinertheater, zog aber schnell auf die Place d’Armes um. Seit 2010 wird sie als Festival gestaltet. Dieses ergab sich aus der Zusammenlegung des „Festival du Film Transculturelles gay et lesbien“ und des GayMat und hat von seiner sozialen wie auch politischen Bedeutung nichts verloren. So ist auch dieses Jahr ein politischer Part Bestandteil des GayMat – hierzu haben fast alle Parteien sich angemeldet.

„Es gibt sicherlich eine schwule Kultur in Luxemburg, wenn diese sich auch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert hat.“

Gaymat ist eines der großen Events, bei dem Homosexuelle und Transidente „sichtbar“ werden… Zum Sozialleben: Spezielle Kneipen, in denen Lesben und Schwule neue Kontakte knüpfen können, gibt es kaum in Luxemburg? Ist das ein Problem?

Dies kann man sowohl als Problem als auch als Chance betrachten. Für junge Leute, die ausgehen wollen, um ihre sexuelle Orientierung – und hierzu gehören auch die sozialen Kontakte mit Gleichgesinnten – zu entdecken, ist es schwieriger. Es kann aber auch von Vorteil sein, weil man den negativen Seiten der „Szene“ hier weniger begegnet! Rosa Lëtzebuerg, als einzige Vereinigung, die sich für die Belange von LGBT (lesbian, gay, bi und trans) -Leuten einsetzt, versucht aber, Alternativen zu bieten. Zunächst zu der luxemburgischen Szene, dann aber auch zum Ausland, wo man sonst ja hin müsste. Viermal im Jahr findet im Centre Culturel Weimerskirch unsere LGBT-Party, die Queesch, statt.

Kann man eigentlich sagen, dass es eine spezifisch „schwule Kultur“ gibt, vielleicht gerade, weil Homosexualität oder Transidentität lange diskriminiert wurden und z.T. noch werden? Und wenn es sie gibt, welche ist das?

Aus unserer Sicht gibt es sicherlich eine schwule Kultur in Luxemburg, wenn diese sich auch in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verändert hat. Man könnte sagen, dass es früher eine Szene gab, in der fast alles stattgefunden hat. Das Gefühl von Zusammenhalt war stärker, da jeder wusste, wie hart das Urteil der Gesellschaft sein kann. In einem Klima der gesellschaftlichen Abwertung von homo- und transidenten Personen war die Entstehung einer „eigenen Kultur“ quasi eine logische Konsequenz. Dies hat sich in den letzten zehn Jahren am deutlichsten verändert. Man kann sagen, dass in Zeiten, in denen Homosexualität „salonfähig“ geworden ist und man – eigentlich schon seit den frühen 2000er Jahren – in Form von Talkshows fast täglich Kontakt mit diesem Thema hat, die Angst auch abnimmt, von der Gesellschaft diskriminiert zu werden. Heute macht einen Großteil dieser Kultur sicherlich das „schwule Ausgehen“ aus. Das Partyvolk besteht heute zu einem doch sehr erheblichen Teil aus Besuchern aus der Grenzregion, so dass das Gefühl von Solidarität auf ein Minimum begrenzt ist. Für diejenigen, die den gesellschaftlichen Aspekt suchen, veranstalten wir als Rosa Lëtzebuerg neben unserer trimestriellen Partyreihe auch Wanderungen, Kinoausflüge, Grillfeste etc. Als zentrales Verbindungsmedium innerhalb der Szene fungiert unser Vereinsmagazin „Pie qui chante“, das gratis in vielen Geschäften und Administrationen ausliegt und auch von unserer Webseite heruntergeladen werden kann.

„Das Gefühl von Zusammenhalt war früher stärker, da jeder wusste, wie hart das Urteil der Gesellschaft sein kann.“

Das „Gaymat“ steht unter dem Motto „Eng Famill fir eis all“. In Russland wurde diese Woche die Adoption von Kindern durch homosexuelle Paare verboten. In Frankreich kam es zu großen Demonstrationen gegen eine solche Öffnung. Wie erklären Sie sich diese Reaktionen?

Vor allem in Frankreich richten sich die Proteste nicht nur gegen die Öffnung der Homo-Ehe, sondern auch gegen die Regierung im Allgemeinen. Leider wird dieser Konflikt auf dem Rücken der Homosexuellen ausgetragen. Wir sind sehr froh darüber, dass die Diskussion hier in Luxemburg ziemlich sachlich verläuft. Das liegt aber auch an den abschreckenden Beispielen aus dem Ausland – die Leute in Luxemburg sind schockiert über die Reaktionen und die unsachliche Diskussion – und zwar sowohl die Befürworter als auch die Gegner der Heirat für gleichgeschlechtliche Paare. Zudem liegen solche Proteste, wie wir sie im Ausland erleben, nicht „in der Natur“ des Luxemburgers. Jeder kennt hier jeden, und jeder kennt einen, der selbst homosexuelle Bekannte, Freunde oder Familenmitglieder hat.

Auch in Luxemburg wird die Adoption durch homosexuelle Paare noch behindert. Wodurch oder durch wen? Wo ist das Dossier dran?

Im ursprünglichen Gesetzestext von Herrn Biltgen war nur die einfache Adoption enthalten, das heißt, dass ein Homosexueller das Kind seines Partners adoptieren kann, nicht aber ein fremdes Kind. Das Kind muss also einen direkten Bezug zu einem der Elternteile haben. Weil man befürchtete, dass der Gesetzestext die Abgeordnetenkammer nicht passieren könnte, wurde er in zwei Einzeltexte zerlegt. Nämlich zum einen das Dossier 6172A, das sich ausschließlich mit der Heirat befasst, und zum anderen das Dossier 6172B, das ausschließlich von der Adoption handelt. Man kalkulierte, dass sich auf diese Weise wenigstens der Punkt Ehe erfolgreich durchs Parlament bringen lassen könnte, dass also nicht das gesamte Dossier an der Adoption scheitern würde. Im Juni hat der Staatsrat sich erneut zu dem Gesetzestext geäußert und seine Auffassung dargelegt, dass die Nicht-Behandlung der Fremdkind-Adoption in dem Gesetzestext eine Diskriminierung darstellt. Also ist die Legislative jetzt übereingekommen, die Adoption doch noch in die Gesetzgebung aufzunehmen.

„In Zeiten, in denen Homosexualität „salonfähig“ geworden ist, hat die Angst auch abgenommen, von der Gesellschaft diskriminiert zu werden.“

Eine der frühesten Forderungen von Rosa Lëtzebuerg ist das Recht auf zivilrechtliche Heirat. Wann werden hier im Lande die Glocken für schwul-lesbische Paare läuten? Warum geht es mit dem Dossier so langsam voran?

Glockenläuten – hoffentlich bald! Von Regierungsmitgliedern wurde uns ein geschätzter Zeitraum von drei Monaten genannt. In Luxemburg geht eben alles langsamer, auch das Gesetzemachen. In der EU versucht Luxemburg immer, eine Vorreiterrolle zu spielen; schade deshalb, dass sie in diesem Dossier so weit hinterherhinken! Dabei gab es schon 2004 erste Gesetzesentwürfe von Lydie Err (LSAP) und Renée Wagener (déi Gréng).

Bisher wurde auch das Erbrecht von Schwulen behindert?

Ich habe natürlich das Recht, per Testament den zum Erben zu machen, den ich für den Richtigen halte, also auch meinen Partner. Das Problem besteht nur darin, dass die teils hohen Erbschaftssteuern nur bei einem verheirateten Paar entfallen. Das Partnerschaftsgesetz von 2004, das allerdings 2011 abgeändert wurde, gibt verpartnerten Paaren zwar gewisse Vorteile gegenüber Paaren, die weder verheiratet noch verpartnert sind, doch diese Vorteile werden erst nach dreijährigem Bestehen des Pacses wirksam.

Das schwul-lesbische Informations- und Beratungszentrum CIGALE wurde 2002 durch Rosa Lëtzebuerg ins Leben gerufen. Diese Einrichtung richtet sich an homosexuelle, bisexuelle aber auch heterosexuelle Menschen. Welches sind die Probleme, mit denen die Beratungsstelle befasst wird?

Die Anfragen sind sehr verschieden, so dass allgemeingültige Aussagen kaum gemacht werden können. Es kann sich um Problemsituationen handeln, wie beispielsweise das eigene Coming Out oder die Reaktionen von Familie, Freunden und Arbeitskollegen. Diskriminierungs- und Mobbingsituationen zählen ebenfalls zu den Angelegenheiten, mit denen sich das Beratungszentrum auseinandersetzen muss. Es kann aber auch vorkommen, dass die sexuelle Orientierung an sich kein Problem darstellt, sondern dass es der hilfesuchenden Person an Möglichkeiten fehlt, soziale Kontakte beispielsweise, Freundesbeziehungen zu Gleichgesinnten, aufzubauen. Das Beratungszentrum wird aber auch in Anspruch genommen, um Antworten auf Fragen zu Rechtsangelegenheiten zu erhalten. Hier geht es vor allem um Details des zivilen Partnerschaftsgesetzes und der kommenden Gesetzgebung zu Ehe und Adoption. Cigale arbeitet aber nicht nur mit Hilfesuchenden, sondern bietet auch Aufklärungs- und Präventionsdienste besonders für Schulen und Jugendeinrichtungen an. Zu den weiteren Aufgaben gehören Fortbildungsprojekte für Lehrer und Sozialarbeiter.

Ist bei den Anfragen eine Wandlung festzustellen?

Die Frage ist schwierig zu beantworten. Wir stellen fest, dass heute teils andere Fragen an uns gerichtet werden als vor 5-10 Jahren. Zum Beispiel nimmt der Anteil der auch Rechtsprobleme beziehenden zu. Das Interesse an Verpartnerung oder einer möglichen Eheschließung scheint zu wachsen. Auch die Problemsituationen treten wieder stärker hervor, obwohl es eine Zeit gab, in der die Probleme des Coming Out, der Nicht-Akzeptanz durch Familie, Freunde etc. schwächer zu werden schienen. Zurzeit ist noch nicht ersichtlich, ob hier ein echter Zuwachs vorliegt, oder ob bloß eine größere Anzahl von Personen ihre Lebenssituation an uns herantragen. Eines der großen Probleme des Zentrums war bislang ja immer, dass die Datenerhebung sehr schwierig ist. Es berichten zu wenige Menschen über ihre jeweilige Lebenssituation, als dass gültige Aussagen zu allgemeinen Tendenzen gemacht werden könnten.

„Wir sind sehr froh darüber, dass die Diskussion über die Homo-Ehe hier in Luxemburg ziemlich sachlich verläuft.“

Erreicht die Organisation auch Zugezogene und Einwanderer?

Da das Szeneleben im Ausland viel intensiver ist, ist Rosa Lëtzebuerg für Einwanderer meist die erste Anlaufstelle. Die Anfragen sind sehr unterschiedlich; mal geht es um rechtliche Fragen wie die Anerkennung von im Ausland geschlossenen Ehen, mal um Auskünfte über das Nachtleben und die Szenelokale in Luxemburg. Viele der Zugezogenen werden auch Mitglied von Rosa Lëtzebuerg. Da das Szeneleben, wie gesagt, im Ausland viel intensiver ist, ist oft die Bereitschaft, sich ehrenamtlich zu engagieren, ebenfalls größer.

Die ASBL Rosa Lëtzebuerg tritt seit ihrer Gründung 1996 für die Rechte von lesbischen, schwulen und bisexuellen Menschen ein. Haben sie viele Mitglieder? Und hat sich die Arbeit bzw. die Ausrichtung des Vereins verändert?

Unsere Mitgliederzahl variiert von Jahr zu Jahr sehr stark: momentan zählen wir etwa 250 Mitglieder. Wir machen uns viele Gedanken über unsere Aufgaben und unsere Arbeit; Wie politisch darf sie sein? Wie politisch soll sie sein? Was sind unsere Ziele für die Zukunft? Fest steht, dass, solange es Diskriminierung gibt, die Arbeit von Rosa Lëtzebuerg benötigt wird. Besonders das Thema Transidentität wird in Luxemburg leider immer noch stiefmütterlich behandelt. Das Hauptziel ist jedoch, unseren Verein überflüssig zu machen, dass es also eine komplette Gleichstellung und keine Diskriminierung mehr gibt.

Infos zum Gaymat: www.rosa-letzebuerg.lu

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Gaymat itself: eng Famill fir eis all!

Als Höhepunkt der Festivalwoche gilt der Gaymat itself am 13. Juli in Esch/Alzette. Den ganzen Samstag Nachmittag über dürfte von Rock- und Popmusik aus dem In- und Ausland über Travestieacts bis zu politischen Diskussionen für jeden etwas dabei sein. Neben der offiziellen Abschluss-Party im Anschluss des Gaymats gibt es noch eine weitere Neuheit: 2013 wird es einen Umzug geben:
Ab 14.00 startet die „Marche de l‘égalité“, eine kleine Parade, vom Brill-Platz aus Richtung Rathausplatz durch die Fußgängerzone. Ab 14:30 wird dann auf dem Rathausplatz richtig gefeiert. Unter dem Motto: „Eine Familie für uns alle!“
Eine kleine Auswahl des Programms:
• 14:45: Ouverture des GayMat
• 15:00: Politische Diskussionen
• 15:30: Luceed (LU)
• 16:15: Fadas Family
• 17:30: Karla 5000 (DE)
• 18:30: Fadas Family
• 19:15: White Miles (AT)

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queesch – offziell Gaymat-Ofschloss-Party

2013 wird es zum ersten Mal nach dem Gaymat eine offizielle Gaymat-Abschlussparty geben! Diese ist auch zugleich die dritte „Queesch-Party“, eine LGBT-Party für die Großregion. Zeitgleich mit dem Ende des letzten Acts auf der Festivalbühne in Esch, startet die Party in der Hauptstadt, wo dann ab 21 Uhr weitergefeiert wird.
Freier Eintritt für Inhaber eines Gaymat-Festivalarmbandes, kostenloses Rosa-Hüüü-Shot für jene, die in der Farbe ROT gekleidet sind. Zusätzlich gibt es noch einen kostenlosen Cocktail für alle, die ein offizielles Gaymat-Shirt anhaben.
Wie ihr zur Party-Location kommt sowie weitere Details gibt es natürlich auf unserer Webseite.
Weitere Informationen: http://www.rosa-letzebuerg.lu/?page_id=569

Ort: Centre Culturel Weimerskirch (Luxemburg-City), 1, Rue Henri Lamormesnil, L-1915 Luxemburg


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