OSTDEUTSCHLAND: Landgrabbing in Europa

Seit der Weltwirtschaftskrise im Jahre 2008 bringen Regierungen, Konzerne und „Finanzinvestoren“ weltweit fruchtbares Ackerland in ihren Besitz, um es zur Produktion vor allem von Agrarrohstoffen (Mais, Raps, Zuckerrüben) oder als Spekulationsobjekt zu nutzen.

Das Augenmerk richtet sich dabei in erster Linie auf Afrika bzw. die Schwellenländer des globalen Südens. Doch hat der Run aufs Ackerland auch schon Europa erreicht, insbesondere Ostdeutschland, einen bislang wenig beachteten Posten in dieser globalen Entwicklung.

Ostdeutschland ist zum Spielball von Spekulanten geworden. Denn die dortigen Agrarflächen sind noch vergleichsweise billig, konkurrieren vorteilhaft mit denen in Westdeutschland bzw. in Westeuropa. Besonders begehrt sind die ehemaligen LPGs (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften – vergleichbar den Kolchosen in der Sowjetunion) mit ihren riesigen Flächen. Sie sind ein äußerst rentables Investitionsobjekt für viele Konzerne.

Seit 2008 sind die Preise für Ackerland in Ostdeutschland explodiert. Während man 2008 noch 150 Euro für die Pacht bzw. 3000 Euro für den Kauf von einem Hektar Land bezahlen musste, werden mittlerweile schon 500 für die Pacht und bis zu 30.000 Euro für den Kauf geboten. Längst heißen viele Nachbarn in Ostdeutschland nicht mehr Bauer Müller, Maier oder Stolpe, sondern ODEGA, KTG Agrar AG, Steinhoff, Lindhorst AG. Lokale Landwirte sind bei der Pacht bzw. dem Kauf von Agrarflächen so gut wie aus dem Rennen.

Bauern und ehemalige Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPGs), die die Autorin aufgesucht hat, klagen einhellig, dass es ihnen nicht mehr möglich ist, an Land zu kommen, dass sie im Gegenteil beständig Pachtflächen verlieren. Denn die Konzerne bringen über Hintermänner in Erfahrung, wo ein Pachtvertrag ausläuft, und bieten dem Verpächter unter der Hand ein Vielfaches von dem, was der Bauer oder die Nachfolge-LPG bislang bezahlt hat.

Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts

Der Verpächter wird mit einer nicht geringen Summe geschmiert. Melden die Hintermänner der Konzerne, dass irgendwo ein Vorsitzender einer Nachfolge-LPG oder ein Bauer aufgeben will oder sich in Zahlungsschwierigkeiten befindet, wird ähnlich verfahren. Große Geldsummen liegen dann auf dem Tisch, Summen, die man mit klassischer bäuerlicher Tätigkeit gar nicht erwirtschaften kann. Es handelt sich hierbei also im Ganzen um einen ungleichgewichtigen Wettstreit zwischen weniger finanzkräftigen, einheimischen Landwirten und extrem finanzstarken, hochtechnisierten und industrialisierten Agrar-Riesen.

Die Konzerne bauen in der Regel das an, was an der Börse am höchsten notiert wird. Dabei pfeifen sie auf die sachgerechte Fruchtfolge. Sie arbeiten rein profitorientiert mit minimalem Personal- und maximalem Einsatz von Maschinen, Pestiziden und Düngemitteln. In der Hauptsache investieren die Agrar-Riesen in die Agrarflächen, um Agrarrohstoffe für staatlich subventionierte Biogasanlagen zu produzieren. Diese intensive und rein auf Profit ausgelegte Landwirtschaft mit den entstehenden großflächigen Monokulturen führt zu einer sehr starken Bodendegradierung, was gravierende Folgen für Mensch und Umwelt hat. Der Boden wird vernutzt, das empfindliche Ökosystem durch den übermäßigen Einsatz von Pestiziden sehr stark geschädigt.

Die Landwirtschaft wird die Schlüsselindustrie des 21. Jahrhunderts sein. Während das vorige Jahrhundert durch die Jagd auf Öl und Gold gekennzeichnet war, sucht man jetzt nach Agrarrohstoffen. Böden sind infolgedessen die Goldgruben des 21. Jahrhunderts. Die Agrar-Riesen kaufen sich die Produktionsgrundlage der Zukunft. Und bestimmen dabei auch langfristig über die Preise für Nahrungsmittel.

Das Landgrabbing wird nicht nur den Untergang des Bauerntums beschleunigen, es führt auch dazu, dass die Kontrolle über die weltweite Nahrungsmittelproduktion in Zukunft in der Hand finanzkräftiger Konzerne liegen wird. Letzten Endes geht es also um die Verlagerung von Macht, um Kontrolle. Denn wer Land besitzt, diktiert am Ende die Preise.


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