GOOGLE GLASSES: Datenbrillen müssen draußen bleiben!

Google hat die ersten Testexemplare seiner Cyberbrille ausgeliefert – für 1.500 US-Dollar das Stück. Allerdings stößt das Gestell auf viel Skepsis …

Ein Konsument darf mit einem gekauften Produkt machen, was er will? Bei elektronischen Geräten gelten andere Regeln. Ihre Funktionen können zunehmend von außen gesteuert werden. Der Hersteller nimmt sich das Recht der Fernwartung heraus und kann an dem Gerät jederzeit etwas verändern oder sperren. Der Konsument, an der langen Leine gehalten, hat genau genommen nur eine Nutzungslizenz, nicht das Gerät als Ganzes gekauft.

Dass es nur eingeschränkt möglich ist, elektronische Waren wirklich zu besitzen – diese Entwicklung treibt Google auf eine vorläufige Spitze. Die Firma verschickte die ersten Test-exemplare seiner Datenbrille – mit strengen Auflagen versehen. Es ist nicht gestattet, die „Explorer Edition“ weiterzuverkaufen, zu verleihen oder jemand anderem zu geben, heißt es in den Nutzungsbedingungen.

Google kann leicht überprüfen, ob sich Nutzer daran halten. Sie müssen sich übers Google-Konto registriert haben. Erst dann ist die Datenbrille einsatzbereit. Wird sie an jemand anderen weitergegeben, ist eine Verknüpfung mit dessen Konto notwendig – was Google sofort merken würde.

Die Firma droht mit drakonischen Strafen: Wer die strengen Regeln missachtet, dessen Datenbrille wird deaktiviert – ganz einfach. Ein Amerikaner namens Ed ist schon davor zurückgeschreckt. Er wollte seine Datenbrille auf Ebay versteigern, brach die Auktion dann aber ab. Das bis dahin höchste Gebot hatte immerhin bei über 90.000 US-Dollar gelegen.

Die Brille mit dem kleinen Gehäuse ist begehrt, weil sie neue digitale Erfahrungen möglich macht. Mit Internet und GPS verbunden, kann sie Informationen über die Umgebung ins Gesichtsfeld hineinprojizieren: die Wettervorhersage, Nachrichten, Bahnverbindungen oder der kürzeste Weg zum Museum. Mit dem Gestell lassen sich auch E-Mails schreiben oder Telefonate führen. Der Nutzer muss dabei nichts eintippen, er kann die Befehle über Sprachsteuerung geben. Und um etwas zu hören, ist kein zusätzlicher Kopfhörer nötig. Die Übertragung von Geräuschen erfolgt per Knochenschalltechnik.

Filmen und gefilmt werden

Auf einer Seite des Gestells ist eine Linse montiert, über welche die digitalen Informationen abgebildet werden. Der Bildschirm schwebt also ständig vor dem Auge – was auch gesundheitliche Folgen haben kann, wie Steve Mann vom Massachusetts Institute of Technology im Magazin „IEEE Spectrum“ erklärte. Er fürchtet, dass Google unausgereifte Technik anbiete, die der Sehkraft schaden könne. Der Pionier des tragbaren Computers muss es wissen. Schließlich probiert er seine eigenen Modelle selbst aus – und hatte schonmal unter Wahrnehmungsstörungen zu leiden.

Doch bis die Cyberbrillen in der Öffentlichkeit auftauchen, wird es noch ein Weilchen dauern. Vermutlich kommen sie erst nach Weihnachten auf den Massenmarkt, dann für etwa 400 US-Dollar, vermuten die Marktforscher von IHS Insight. Doch schon jetzt erregen sie die Gemüter.

Was nicht an eventuellen Sehstörungen liegt, sondern an der eingebauten Kamera, die Fotos schießt und Videos dreht. Damit kann jeder Passant auf der Straße andere, ohne dass diese es merken, fotografieren oder filmen. Er muss dafür nicht stehen bleiben. Und er muss auch nicht das Smartphone zücken.

Allein das Gefühl, dass andere die Technik missbrauchen könnten, geht auf Kosten der Freiheit, sagen die Kritiker der Datenbrille wie Woodrow Hartzog vom Center for Internet and Society in den USA. Bei „ArsTechnica“ sprach der Rechtswissenschaftler von der schlimmsten technologischen Bedrohung der Privatheit im öffentlichen Raum, die er je gesehen habe.

Das Unbehagen, ungewollt aufgenommen zu werden, kann sich überall ausbreiten, nicht nur auf Straßen und Plätzen, auch in geschlossenen Räumen. Der Typ mit der Datenbrille, der mir da gegenübersitzt, hat mich doch nicht etwa gefilmt, als mir eben die Kaffeetasse umgekippt ist? Und das Video dann bei YouTube hochgeladen?

An der Eingangstür von „The 5 Point“, einem alteingesessenen Café in Seattle, hängt ein Verbotschild: Auge mit Datenbrille, rot durchgestrichen. Google Glass muss draußen bleiben, lautet die Ansage. Natürlich ist Publicity ein Grund für diese Maßnahme. Dennoch könnten andere – Kinos, Diskotheken, Kneipen, Nachtclubs – dem Beispiel folgen.

Die Datenbrille ist der nächste Schritt ins digitale Zeitalter, früher oder später laufen die Leute mit Computern auf der Nase herum. Mit dem Google-Modell oder einem anderen, zum Beispiel dem zweilinsigen Gestell, das Sony in den Schubladen hat. Fragt sich, welche Regeln und Gesetze diesen technischen Wandel flankieren müssen.

„Stop the Cyborgs“ ist eine Initiative von drei Londonern. Sie wollen strenge Regeln für den Gebrauch von Google Glass. Erstens müsse Gesichtserkennung verboten sein. Zweitens solle jeder den Zugriff anderer auf seine persönliche Daten verweigern können, etwa über eine „Do not track“-Funktion. Drittens hätten gesammelte Daten immer Eigentum des Nutzers zu bleiben. Und viertens sei eine Verschlüsselung notwendig, damit persönliche Daten nicht in die Hände von Sicherheitsdiensten oder der Werbeindustrie gelangen.

Über Google Glass könne eine totale Überwachung unbemerkt durch die Hintertür eintreten, erklären die Londoner auf ihrer Internetseite. Zwar würde schnell Alarm gegeben, wenn Regierungen überall Kameras und Mikrofone aufstellen und die Informationen an eine zentrale Kontrollstelle schicken. Aber ist es denn besser, wenn die Überwachungsgeräte an unseren Köpfen montiert sind?


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