WOODY ALLEN: American Nightmare

„Blue Jasmine“ ist eine längst überfällige Sozialstudie und ein Spiegelbild der Klassen-Verhältnisse in den USA nach der Finanzkrise. Cate Blanchett hätte für ihre Rolle den Oskar verdient.

What goes up, must come down – sang schon Tom Petty. Für Jasmine wird diese Zeile bittere Realität.

Wohlstand macht abhängig. Zumal, wenn man nichts anderes kennt. Wie Jasmine (Cate Blanchett), die es nie nötig hatte, arbeiten zu gehen, und ihren Alltag zwischen Pilates und Yoga-Stunden, Martinis, Designer-Läden und Empfängen in der New Yorker High Society bestreitet. Bis sie Knall auf Fall auf all das verzichten muss. Denn ihr steinreicher Ehemann, der Finanzjongleur Hal (Alec Balwin) wandert nach zahlreichen Affären ins Kittchen, begeht Selbstmord und nichts bleibt von dem Prunk – außer der Louis-Vuitton-Tasche mit ihren eingravierten Initialen und ein paar teuren Fummeln.

So zieht Jasmine, die einst ihr Studium abbrach, um die schicke Ehefrau an Hals Seite zu sein, gezwungenermaßen zu ihrer Halb-Schwester Ginger (Sally Hawkins) und wechselt die Seiten – geografisch wie sozial. Denn Ginger ist Kassiererin und lebt mit ihren zwei übergewichtigen Söhnen in einer bescheidenen Wohnung mit großem Fernseher und Wandteppichen in San Francisco. Achtung Klischee? Ist auch so angelegt! Allen setzt auf Stereotype und überzeichnet bewusst seine Figuren, um einem den Zusammenprall der beiden Welten vor Augen zu führen: Hier die gewandte Frau von Welt mit bourgeoisen Allüren, dort ihre schrill-überdrehte, liebenswerte Schwester Ginger, deren tätowierte Freunde gern mal die Muskeln spielen lassen und ihre Beziehungsdramen in der Öffentlichkeit austragen. Blanchett und Hawkins spielen ihre Rollen bravourös. Sorgsam setzt Allen auf soziale Codes – freilich immer mit unterschwelliger Ironie – und stellt sie an den beiden Frauen – in Gestik, Mimik, Garderobe oder Habitus – aus. Aber auch Jasmines protziger Ehemann, der den großkotzigen Macker gibt, ist mit Alec Baldwin hervorragend besetzt.

Wie ein Fremdkörper bewegt sich Jasmine in ihrer neuen Welt. Sie zwingt sich zum Jobben als Sprechstundenhilfe in einer Zahnarztpraxis und wirkt dabei geradezu grotesk deplatziert, zu Abendkursen in Informatik und ertränkt nebenbei ihren Frust in einem Cocktail von Anti-Depressiva und Alkohol – bis ihr die Realität entgleitet und sie ihre letzte Hoffnung darauf setzt, eine gute Partie zu ergattern, die sie aus der Abwärtsspirale herauszieht. Angeekelt von dem Milieu ihrer Halbschwester und erschöpft von den Erniedrigungen will Jasmine nur noch zurück in die Welt der Schönen und Reichen.

Wie sie die Verzweiflung packt, meint man diese förmlich zu greifen. Souverän versucht Jasmine die Fassade zu wahren, die Stück für Stück bröckelt. So legt sie ihre Zerbrechlichkeit frei, und der Zuschauer kann beklemmt verfolgen, wie sie immer mehr verzweifelt. Irgendwann wird sie verwirrt auf einer Parkbank sitzen und mit sich selbst reden, steht soziale Ächtung als Ergebnis einer Odyssee an Erniedrigungen. Die wohl nur so richtig nachvollziehen kann, wer selbst einmal vermögend war und sorglos übers Parkett glitt.

Nach zahlreichen leichten Tragikomödien wagt sich Woody Allen endlich an ein ernstes Sujet und berichtet in starken Bildern vom Absturz aus einer Welt, die er wie seine Westentasche kennt. So zeigt er die Kehrseite des American Dream: Eine Frau aus der Oberschicht, die ins harte Leben hineinkatapultiert wird und an ihrem sozialen Absturz sukzessive zerbricht. Anhand von Rückblenden und feinen Kamera-Einstellungen schafft Allen ein durchkomponiertes Stück Gegenwart als soziales Abbild der amerikanischen Gesellschaft. So wird am Ende selbst der alte Kauz Allen einmal politisch. Nachdem er in zahlreichen Komödien die Reichen und Schönen hofiert hat, führt er einem nun vor Augen: Vor sozialem Abstieg ist niemand gefeit. Von der höchsten Sprosse der Leiter kann mittlerweile jeder hinunterpurzeln. Der American Dream war gestern.

Im Utopia und Utopolis Belval.


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