LITERARISIERTE ERINNERUNG: Fragmente eines fernen Glücks

Anja Röhl und Ulrike Edschmid haben sehr persönliche Erinnerungen an die „bleierne Zeit“ in Deutschland vorgelegt und an Menschen, die als „Staatsfeinde“ in die Geschichte eingegangen sind.

Menschen, die hinter der Ikonographie verschwinden: Plakate mit den Konterfeis der zur Fahndung ausgeschriebenen RAF-Mitglieder gibt es mittlerweile bei „Amazon“ als Blechschild zu kaufen.

Am 9. Mai 1975 wird Werner Sauber, linksradikaler Aktivist der „Bewegung 2. Juni“ während einer nächtlichen Polizeikontrolle auf einem Kölner Parkplatz erschossen. Ein Jahr später, am 9. Mai 1976, stirbt die Journalistin und RAF-Mitbegründerin Ulrike Meinhof in der Justizvollzugsanstalt Stuttgart-Stammheim.

Im Frühjahr dieses Jahres erschienen zwei Bücher, die mehr verbindet, als der zufällig gemeinsame Sterbetag der beiden Menschen, an die sie erinnern. Doch sowohl Ulrike Edschmids Roman über „Das Verschwinden des Philip S.“ als auch Anja Röhls unter dem Titel „Die Frau meines Vaters“ veröffentlichten Erinnerungen an Ulrike Meinhof beginnen mit der Todesnachricht. Für beide Autorinnen steht der Schmerz über den Verlust am Anfang. Sie schreiben nicht über „Staatsfeinde“, sondern über Menschen, denen sie persönlich nahe standen. Beide Frauenstimmen sind dabei weder larmoyant noch anklagend.

Sie habe, erklärt Röhl in einem Interview im „Deutschlandradio“, in der Darstellung Meinhofs einen „rückhaltlosen Subjektivismus“ gewählt, in der Absicht, „zu einer anderen Wahrnehmung ihres Charakters, als es bisher in der Öffentlichkeit üblich ist“ beizutragen. Edschmid hat in den biographischen Erzählungen „Frau mit Waffe“ schon einmal die Geschichte zweier politischer Täterinnen zu bewahren versucht, die durch die begriffliche Zuschreibung „Terroristinnen“ ausgelöscht zu werden droht. Die 1996 erschienenen Frauenportraits waren Werner Sauber gewidmet.

Nun entstand aus der Erinnerung an „den Gefährten jener Jahre, der die Zeit nicht überlebt hat“, ein Roman. Dass Edschmid Sauber nicht vereinnahmen, ihn nicht auf ihre Darstellung festlegen will, wird nicht zuletzt daran deutlich, dass sie ihn durchgängig Philip S. nennt. Das war einer der von ihm selbst gewählten Decknamen. Zudem beginnt jedes Kapitel mit einer langen Folge von Auslassungspunkten. Die typographische Eigenheit mag Edschmids Überzeugung versinnbildlichen, dass sich nie alles erzählen lässt, jede Erinnerung nur ein Fragment, ein Bruchstück der gemeinsamen Vergangenheit sein kann.

In beiden Bücher geht es nicht um die Frage, warum sich jemand für den bewaffneten Kampf entschieden hat, sondern um die persönliche Beziehung, die durch den Entschluss zu einem Leben im politischen Untergrund verlorenging. „Das ?Warum` kommt nicht über meine Lippen“, gesteht Edschmid, „ein ?Warum`, das nur uns beide angeht, jenseits des heroischen Auftrags, der sich wie eine Wand zwischen uns aufgerichtet hat.“

Anja Röhl schildert eine bedrückende Mädchenbiographie, auf die die Begegnung mit Ulrike Meinhof eine emanzipative, befreiende Wirkung hatte.

Beide Autorinnen verzichten auf Erklärungsversuche, vertrauen darauf, dass aus ihrer subjektiven Perspektive die gesellschaftlichen Verhältnisse jener Zeit erfahrbar werden. Die für die außerparlamentarische Opposition entscheidenden Ereignisse, die Erschießung Benno Ohnesorgs am 2. Juni 1967, die Mobilisierung gegen die Notstandsgesetze, schließlich das Attentat auf Rudi Dutschke im April 1968, prägen trotz des Altersunterschieds der Autorinnen beide politischen Lebenswege.

Frappierend ähnlich sind die Alltagserfahrungen nach dem Untertauchen der geliebten Personen. Als die ersten Fahndungsplakate an den Litfasssäulen auftauchen, durchfährt beide der gleiche Gedanke. „Wenn ich stehen bleibe, schaut er mich an. Ich schaue zurück. Er lächelt. Manchmal lächle ich auch. Aus irgendeinem Grund vertraue ich darauf, dass er es überleben wird.“ Röhl ist jünger, sie steht verunsichert vor den Suchanzeigen. „Es macht sie wütend, denn die Leute sind extra dunkel abgebildet, als ob man sich schon schuldig fühlen müsste, wenn man sie nur anschaut. Ulrike sieht trotzig aus, blond, kurzhaarig, und mit Traurigkeit im Blick. Das Mädchen hofft, dass sie nicht getötet wird.“

Edschmid schreibt aus der Ich-Perspektive, in einem nüchternen, aber nicht emotionslosen, historischen Präsens. Röhl erzählt in der dritten Person, aus den drei verschiedenen Perspektiven des Kindes, des Mädchens und der jungen Frau. Mit jedem Lebensabschnitt wird der einfache, kindliche Sprachstil reflektierter. In der Stilisierung des Erzählsubjekts werden die nachnationalsozialistischen Sozialisationsbedingungen in den Fünfziger- und Sechzigerjahren der Bundesrepublik über das Subjektive hinaus deutlich: „Das Kind will schnell erwachsen sein, es ist nicht gern Kind. Kind sein heißt allein sein, schuld sein, essen müssen, schlafen müssen, brav sein müssen. Kind sein heißt, sich nicht wehren zu können.“

Das Trennungskind fürchtet die Launen der überforderten, alleinerziehenden Mutter, ebenso wie die Wutausbrüche, Alkoholexzesse und sexuellen Übergriffe des Vaters. „Haut heißt haut, weil man darauf haut.“ Über solche Sprüche soll das Kind lachen. Die privaten Erziehungsmethoden und die autoritären Strukturen der öffentlichen Kindergärten, Schulen und Heime sind noch geprägt von der jüngsten Vergangenheit. Immer wieder hört das Kind „Hitler sei ein guter Mann gewesen, und früher hätten die Kinder wenigstens noch Manieren gelernt.“

Dagegen steht die Begegnung mit Ulrike, der neuen Frau des Vaters. Sie wendet sich mit aufmerksamer Freundlichkeit an das Kind, nimmt es in die erweiterte Familie auf. „Du gehörst dazu, denn du bist die Schwester meiner Kinder“, sagt Ulrike nach der Geburt der Zwillinge. „Das ist ein wunderschöner Satz, findet das Kind.“ Deshalb hätte Röhls Buch ursprünglich „Die Mutter meiner Schwestern“ heißen sollen. Doch aufgrund eines Rechtsstreits mit Bettina Röhl, einer der Halbschwestern, wurde der Titel geändert, einige Stellen im Text wurden geschwärzt.

Im Zentrum von Röhls Buch stehen aber weder ihr bereits vor einigen Jahren erstmals erhobener Missbrauchsvorwurf gegen den Vater Klaus-Rainer Röhl, noch die Konflikte der Familienkonstellation seiner zweiten Ehe mit Ulrike Meinhof. Anja Röhl schildert eine bedrückende Mädchenbiographie, auf die die Begegnung mit Meinhof eine emanzipative, befreiende Wirkung hatte. „Ulrike fordert das Kind auf, sich immer eine eigene Meinung zu bilden.“ Sie fühlt sich endlich ernstgenommen, fängt an die Kolumnen zu lesen, die Meinhof für die von Röhl gegründete Zeitschrift „konkret“ schreibt. „Das Mädchen wird zum Nachdenken angeregt, lernt Dinge zu hinterfragen.“ Als junge Frau wird sie selbst politisch aktiv. Während ihrer Ausbildung zur Krankenschwester engagiert sie sich in der gewerkschaftlichen Betriebsgruppe, kämpft für bessere Bedingungen in der Pflege. Sie ist stark genug, um auch nach der Verhaftung der ersten Kerngruppe der RAF zu Meinhof zu halten, ohne deshalb ihren Weg mitzugehen. „Was Ulrike denkt und tut, das muss sie deshalb nicht auch gut finden, dazu kann sie ruhig eine eigene Meinung haben, das hat Ulrike ihr immer gesagt.“

Auch Edschmid hält an ihrer Liebe zu Philip S. fest, als sie seinen Weg schon längst nicht mehr mitgeht. Kennengelernt haben sich die beiden im Spätsommer 1967 an der neugegründeten Berliner Filmakademie. „Seine Liebe ist eine auf den ersten Blick.“ Sie gilt auch dem fremden Kind, Edschmids kleinem Sohn. Als Philip S. infolge einer Hausbesetzung von der Filmakademie verwiesen wird, engagiert er sich in der entstehenden Kinderladenbewegung. Doch der politische Kampf radikalisiert sich „und als sich schließlich die Frage: Reden oder Handeln stellt, handeln wir auch.“

Anfangs beteiligen sie sich noch gemeinsam an kollektiven Aktionen. „Alle Versuche, Jahre später etwas auf einen Begriff zu bringen, was in der Stimmung eines Augenblicks entstanden ist, führen zu falschen Worten und falschen Sätzen. Sie bleiben Rechtfertigungen, zu moralisch oder zu leicht genommen.“ Wann sich ihre politischen Wege trennten, kann Edschmid dagegen genau festmachen. Im Sommer 1970 werden beide für mehrere Wochen zu Unrecht eines Anschlags beschuldigt und inhaftiert. „Jeder von uns hat die Wochen hinter Gittern anders durchlebt. Philip S. hat sich dagegen aufgelehnt, eingesperrt zu sein. Ich habe mich in mich zurückgezogen.“

Im Gefängnis lebt er ein „Männerleben“, entscheidet sich für die Konfrontation, für den Weg in den politischen Untergrund. „Er ist rausgekommen, um wegzugehen. Ich bin in mein Leben zurückgekehrt.“ Die konkreten politischen Zusammenhänge, in denen sich Philip S. bewegt, seine Begeisterung für die italienischen Versuche, eine Verbindung zwischen der Studentenbewegung und den Arbeiterkämpfen in der Fabrik herzustellen, werden von Edschmid nur angedeutet. Auch wer sich hinter den einzelnen Initialen verbirgt und welche Zeitung auf der Fabriketage heimlich gedruckt wurde, muss anderswo nachgelesen werden. Im Internet lassen sich Dokumente finden, die bei der Dechiffrierung helfen.

Während Edschmids literarisierte Erinnerung an den einstigen Weggefährten von der Kritik gefeiert wurde, ihr Roman sogar wochenlang auf den literarischen Bestenlisten rangierte, wurde Röhl vorgeworfen, sie habe ihre Stiefmutter zur Lichtgestalt verklärt. Meinhof polarisiert ungebrochen, sie wird als „Terroristin“ geächtet und als popkulturelle „Ikone der RAF“ vermarktet. Philip S. gehörte dagegen bisher zu den vergessenen Toten der bleiernen Jahre. Vielleicht wird Edschmid ihre liebevolle Bezugnahme deshalb eher zugestanden. Beide Bücher sind gleichermaßen eindrücklich, weil die Autorinnen sich das Glück, mit Philip S. bzw. Ulrike M. gelebt zu haben, in all den Jahren nicht haben ausreden lassen.

Ulrike Edschmid – Das Verschwinden des Philip S. Suhrkamp Verlag, 157 Seiten.

Anja Röhl – Die Frau meines Vaters. Erinnerungen an Ulrike. Nautilus Verlag, 156 Seiten.


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