DAVID WNENDT: Im Arsch

Die Verfilmung des Bestsellers „Feuchtgebiete“ ist weniger provokativ als Charlotte Roches Skandalroman und erinnert eher an eine seichte ZDF-Produktion.

Autsch, in Feuchtgebiete dreht sich alles um den Arsch – wollen wir das wirklich sehen?

Nach seinem Erscheinen im Februar 2008 hatte Charlotte Roches analfixierter Roman „Feuchtgebiete“ eine Flut von Reaktionen ausgelöst. Während die einen in ihm einen wichtigen Tabubruch sahen und – so etwa die Süddeutsche – das Buch gar als feministischen Ausbruch feierten, taten andere es als literarischen Schund ab und stuften es schlicht als trashigen Softporno ein. Eines hatte Charlotte Roche, die in der Folge durch die Talkshows gereicht wurde wie ein Superstar, aber jedenfalls erreicht: Sie war im Gespräch. Wo immer man ihr eine Plattform bot, plapperte sie munter drauflos und erzählte freizügig von ihrer Sexualität und den autobiographischen Zügen ihres Romans. Doch angeblich ging es Roche mit „Feuchtgebiete“ nicht darum, Aufmerksamkeit zu erheischen, sondern um das Anprangern gesellschaftlicher Prüderie und übertriebener Reinlichkeitsvorstellungen. In den Körpergerüchen und Sekreten des Partners liegt der eigentliche erotische Reiz, so Roches einzige, aber nur pseudo-emanzipatorische, Erkenntnis.

Ihre 18-jährige Heldin Helen Memel darf denn auch munter alles Mögliche ausprobieren, bis sie nach einer Intimrasur in der proktologischen Abteilung eines Krankenhauses landet und dort im Bett weiter über Selbstbefriedigung sinniert. Dass der Stoff viel Anlass zur Polemik bietet, liegt auf der Hand. Und so ist es kein Wunder, dass die Verfilmung nicht lange auf sich warten ließ. David Wnendt hat sich an den Stoff gewagt, und man stellt sich die Frage, wie viel Intimität es auf der Leinwand wohl sein darf. Eingeleitet wird der Film mit der Stellungnahme eines Bild.de-Nutzers: „Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden. Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten als solche ekelhaften Perversitäten. Wir brauchen Gott!“ Aber trotz dieses Auftakts, der gewichtig sein will, ist die Verfilmung vor allem eins: belanglos. Wnendt traut sich weder Tabus zu brechen, indem er die pornographische Vorlage detailgetreu umsetzt, noch provoziert er sonst irgendwie.

Stattdessen setzt er mit Carla Juri als Helen auf eine süße Schauspielerin, die erfolgreich mit der Kamera kokettiert und die Zuschauer durch laszive Blicke in ihren Bann zieht. Ihre Stimme, die zu einer 12-Jährigen passt, nervt und erinnert einen zugleich an die Charlotte Roches. So kommt der vermeintliche filmische Tabubruch sanft daher: ein bisschen Masturbation mit verschiedenen Gemüsesorten in der Badewanne, ein paar Spermaspritzer auf der Pizza. Die meisten dieser Szenen erinnern eher an eine deutsche Version von „American Pie“ und sind in ihrem Witz einfach nur infantil. Ekel hervorzurufen, gelingt Wnendt allenfalls, indem er Helen und ihre beste Freundin ihre blutigen Tampons austauschen lässt, oder indem er Helen zeigt, wie sie mit ihrem Arsch über eine verdreckte Toilette rutscht. Detaillierte Aufnahmen von Hämorrhoiden bleiben dem Zuschauer aber zum Glück erspart. Stattdessen kriegt er meist Nettes zu sehen, zum Beispiel, wie sich Helen in ihrem Krankenhausbett räkelt oder auf ihrem Skateboard, jugendliche Lebensfreude ausstrahlend, durch die Gegend rast.

In ihrer warmen Instagram-Anmutung sind die Aufnahmen pastellig und wirken fast wie Bilderbuchszenen aus „Die fabelhafte Welt der Amélie“. Überhaupt scheint sich Wnendt an der surrealistischen Machart des französischen Erfolgsfilms inspiriert zu haben. So scheint die Szene, in der Helens Mutter vor einer Kirche von einem Auto überfahren wird und die sich als Phantasie Helens erweist, wie eine schlechte Kopie.

Wnendts Verfilmung mit altbekannten Abendserien-Gesichtern wie Axel Milberg als Helens Vater und Meret Becker als ihre Mutter ist am Ende nicht mehr als eine süffige ZDF-Soap. Obwohl Helens Wunsch, ihre geschiedenen Eltern am Krankenhausbett zu versöhnen, natürlich nicht in Erfüllung geht, kommt es trotzdem zum Happy End mit dem schnuckeligen Pfleger. Am Ende bleibt gedankliche Leere.

Im Utopolis Kirchberg und Belval.


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