Veggie Day: Alles Gemüse?

Künftig soll einmal pro Woche ein vegetarisches oder veganes Gericht in staatlichen Kantinen verabreicht werden. Das jedenfalls wünscht sich die Vegan Society und versucht Parteien für ihr Anliegen zu gewinnen.

Alles idyllisch? 60 Prozent der deutschen Getreideproduktion landet in Tiermägen.

 „Grüne wollen uns das Fleisch verbieten“, so titelte „Bild“, Deutschlands größte Boulevardzeitung, vor zwei Wochen, als die Debatte um den „Veggie Day“ entbrannte. Ähnlich polemisierend ereiferte sich CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe über die „Bundesverbotsrepublik“, die die Grünen angeblich anstreben. Tatsächlich aber ist die Idee eines „Veggie Day“, also eines Tages in der Woche, an dem vegetarische Gerichte speziell angeboten werden, nicht neu. Im belgischen Gent wurde 2007 auf Drängen des Präsidenten der „EVA ? Ethical Vegetarian Alternative“, Tobias Leenaert, der Donnerstag dazu bestimmt: „Donnerstag ist Veggietag“. Auslöser war ein Vortrag des Klimaexperten Rachendra Pachauri. In Bremen und in Rheinland-Pfalz wird bereits seit 2011 von der SPD und den Grünen ein solcher Tag gefördert.

Auch in Luxemburg wurde über das Konzept des „Veggie Day“ diskutiert. So lud der Mouvement écologique im Januar dieses Jahres den Belgier Tobias Leenart zu einem Vortrag zum „Veggie Day“ ein. Eine konkrete Forderung nach Einführung eines fleischlosen Gerichts einmal pro Woche in staatlichen Kantinen hat das Mouvement écologique seither jedoch nicht erhoben. Dafür setzt sich nun allerdings die Vegan Society für einen solchen Tag ein. Dieser Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, „die vegane Lebensart national und international populärer zu machen – zugunsten von Tierrechten, Nahrungsgerechtigkeit, Umweltschutz und Gesundheit“, belieferte Ende Juli nämlich die Parteien mit Vorschlägen für ihre Wahlprogramme. Neben Forderungen, wie, beispielsweise, „Umweltschutz“ als Schulfach anzubieten, wiesen sie ebenfalls auf die Initiative des „Veggie Day“ hin. Eine positive Rückmeldung gab es vor allem von déi Lénk. Deren Parteisekretär Gilles Ramponi erklärte gegenüber der woxx: „Bereits auf unserem Kongress wurde 100 Prozent veganes Essen serviert.“ Momentan diskutiert déi Lénk noch auf ihrer Internetseite darüber, ob die Förderung von vegan-vegetarischen Gerichten in öffentlich-staatlichen Kantinen ins Wahlprogramm aufgenommen werden soll. Déi Gréng bedankten sich ebenfalls bei der Vegan Society für ihre Vorschläge und stelIten die eventuelle Aufnahme der Idee eines „Veggie Day“ für Schulkantinen ins Wahlprogramm, das am 14. September veröffentlicht wird, in Aussicht. 

Das WWF, die Weltbank und die Unesco schätzen, dass 15.000 Liter Wasser für die Produktion von gerade mal einem Kilo Rindfleisch benötigt werden.

Die Gründe für eine Reduktion des Fleischkonsums liegen auf der Hand. Die Umweltbelastungen durch die Fleischproduktion sind verheerend. Das WWF, die Weltbank und die Unesco schätzen, dass 15.000 Liter Wasser für die Produktion von gerade mal einem Kilo Rindfleisch benötigt werden. Besonders viel Fleisch wird in Luxemburg verzehrt. Nach Statistiken von Eurostat (91kg/Einwohner/Jahr) und der Food and Agriculture Organization (136 kg/Einwohner/Jahr)
gehört Luxemburg zu den Spitzenverbrauchern in Europa. Weltweit werden zudem 20 Prozent aller Treibhausgase durch die intensive Landwirtschaft verursacht. Überhaupt ist die Liste der Umweltschäden durch intensive Landwirtschaft lang: Verdichtung des Bodens durch schwere Maschinen mit folgender Bodenerosion, Verringerung der Artenvielfalt, Ablagerung von Stickstoff und Phosphaten in Gewässern sowie die Belastung von tierischen Produkten mit Pestiziden, Nitraten, Antibiotika, Hormonen und Beruhigungsmitteln.

Problematisch ist zudem, dass ein Großteil der Getreideproduktion zur Fütterung von Nutztieren eingesetzt wird. So landen 60 Prozent der deutschen Getreideproduktion in Tiermägen, zusätzlich wird gentechnisch verändertes Soja vor allem aus Brasilien importiert. Die direkte Verarbeitung von Getreide zu Nahrungsmitteln würde den Energieverbrauch erheblich senken.

Hinzu kommt, dass rotes Fleisch (vom Schwein, Rind, Lamm oder Schaf) trotz seines hohen Eisengehalts relativ gesundheitsschädlich ist. Ein Forscherteam des amerikanischen National Cancer Institute verfolgte von 1995 bis 2005 die Ernährungsgewohnheiten von 500.000 Amerikanern. Das Resultat: Wer übermäßig viel rotes Fleisch isst, erleidet mit 1,3-fach höherer Wahrscheinlichkeit einen Herzinfarkt und lebt mit einem ähnlich erhöhten Risiko, an Krebs zu erkranken. Die genauen Ursachen der schädlichen Auswirkungen sind derzeit noch nicht erforscht.

Doch auch unter ethischen Gesichtspunkten ist der Verzehr von unter industriellen Bedingungen produziertem Fleisch bedenklich. Bekannt ist, dass die meisten Tiere auf engstem Raum gemästet werden. Besonders drastische Folgen hat dies für Geflügel. Fast alle Tiere leiden vor ihrer Schlachtung an einer Skelettverkrümmung. Etwa 10 Prozent können an ihrem Lebensende nicht mehr stehen. Zudem können sich in Ställen mit Massentierhaltung Keime leicht verbreiten. Die Zeitschrift „Schweine, Schweinezucht und Schweinemast“  berichtete jüngst, dass fast zehn Prozent aller geschlachteten Schweine eine Lebererkrankung aufgrund von Parasitenbefall und 12 Prozent Anzeichen von einer Lungenentzündung aufwiesen.

Bekannt ist, dass die meisten Tiere auf engstem Raum gemästet werden. Besonders drastische Folgen hat dies für Geflügel. Fast alle Tiere leiden vor ihrer Schlachtung an einer Skelettverkrümmung.

Der Verzicht auf Fleisch oder die Mäßigung des Verzehrs aus ideologischen Gründen ist kein Phänomen des 20. Jahrhunderts. Bereits Pythagoras sprach sich für eine vegetarische Lebensführung aus. Askese fördere die Charakterbildung, so der griechische Philosoph, der auch an die Beseeltheit von allem Lebenden glaubte. Das abendländische Christentum forderte, am Mittwoch und am Freitag sowie an den Vortagen von Festen kein Fleisch zu verzehren – aus unterschiedlichen Gründen, unter anderem dem, dass man sich vom Fleischverzicht sexuelle Mäßigung erhoffte.

Erste Vegetarier-Clubs entstanden bereits im 19. Jahrhundert. In Deutschland zählten sie etwa 1500 Mitglieder. Hier vereinte sich eine kleine Elite, die die Verstädterung und Proletarisierung, die die industrielle Revolution mit sich brachte, verabscheute. 

Nach dem zweiten Weltkrieg geriet Vegetarismus in Deutschland teilweise in Verruf. Der Verzicht auf Fleisch wurde als antimodern angesehen und auch als Nazi-Brauch beargwöhnt, da sich Hitler nach 1930 fast ausschließlich fleischlos ernährt hatte. Hitler befolgte seine Diät allerdings, um seinen Verdauunsbeschwerden Abhilfe zu verschaffen. Eine Neubelebung erfuhren die vegetarischen Ideen dann mit dem Aufkommen der 1968er-Bewegung. Sie wurden mit globalisierungskritischen Argumenten verteidigt und mit spirituellen Vorstellungen des Buddhismus und Hinduismus in Zusammenhang gebracht. Heute sind es vor allem Gesichtspunkte des Klima- und Tierschutzes, mit denen sich der Vegetarismus/Veganismus legitimiert.

Gefragt, was am „Veggie Day“ auf den Teller kommen soll, gibt sich Jeff Mannes von der Vegan Society sehr moderat: „An einem ?Veggie Day` soll ein vegetarisches oder veganes Gericht als Besonderheit angekündigt und empfohlen werden. Das heißt, es geht nicht um ein Fleischverbot, andere Gerichte können Fleisch enthalten. „Der ?Veggie Day` soll zudem kombiniert werden „mit Aufklärungskampagnen, die die Zusammenhänge zwischen Ernährungsgewohnheiten, Klimawandel, Tierrechten und Gesundheit erläutern“ erklärt der junge Aktivist.

Warum also einen „Veggie Day“ einführen, wenn an ihm letztlich doch Fleisch gegessen wird? Es ist nachvollziehbar, dass vegane und vegetarische Gruppen eine nicht besonders konfrontative Strategie wählen: Sie hoffen, auf diesem Weg mehr Akzeptanz zu gewinnen und ihre Anliegen eher durchsetzen zu können. Die Gefahr besteht allerdings, dass der optional angelegte „Veggie Day“ nur für ein paar Wochen als exotische Neuheit kurz Anerkennung findet. Und dass bald schon wieder mehrheitlich Fleischgerichte verabreicht werden – neben den nett aufgemachten Postern der Aufklärungskampagnen.


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