ITALIEN: Nordkurs der Namenlosen

Seit Papst Franziskus der Mittelmeerinsel Lampedusa einen Besuch abgestattet hat, ist das Schicksal der afrikanischen Flüchtlinge auf dem Weg in die EU wieder etwas mehr ins Interesse der Öffentlichkeit gerückt. Die woxx hat einige der Menschen getroffen, die für eine vage Hoffnung alles riskieren.

Wer sich aufmacht, um in der Europäischen Union Zuflucht zu suchen, reist ohne Identität und ohne jeden Schutz: Nur wer es schafft, Lampedusa zu erreichen, kann auf ein wenig Menschlichkeit hoffen.

Es ist weit nach Mitternacht. Der Suchscheinwerfer der „O.Corsi“ tastet kurz die Hafeneinfahrt ab, dann schiebt sich der grauweiße Kreuzer der Küstenwache steuerbords an den Fähranleger. Beamte mit weißen Overalls und Mundschutz lassen die Gangway herunter, Rettungssanitäter schieben Tragen auf Rollgestellen heran. Weder Schreie noch Sirenen hallen durch die warme Septembernacht, obschon an Bord rund 200 afrikanische Schiffbrüchige hocken, auch Schwangere und Säuglinge.

Frauen und Kinder verlassen das Schiff zuerst, die Männer warten zusammengekauert am Heck. Zwei Videokameras sind auf die Afrikanerinnen gerichtet, als sie nacheinander auf die Landungsbrücke treten. „Uno!“, zählt ein Uniformierter laut, „Due! Tre! Quattro! …“ Noch sind die Neuen namenlos wie die immer wieder tot geborgenen Flüchtlinge, die unter Holzkreuzen auf dem marmornen Inselfriedhof liegen.

Schweiß rinnt über das Gesicht eines übermüdeten Retters, als er ein in goldfarbene Rettungsfolie gewickeltes Baby an Land trägt. Meist sind die Mütter zu entkräftet, um allein sicher von Bord zu gehen. Prompt stolpert Nr. 22 auf dem Treppchen und fällt. Beamte eilen zu ihr und richten sie auf. Auf dem festen Boden des Piers bekommt sie ihr Kind zurück. Dann bringt sie der Bus mit der Aufschrift „Lampedusa Accoglienza“ (Lampedusa Empfang), in das abgeschiedene Auffanglager.

„Lampedusa ist das gewöhnt“, kommentiert Bürgermeisterin Giusi Nicolini die Szene, allerdings könne die Insel nur erste Hilfe leisten. Das aber gehöre zu ihrer Seele. Erst zwei Tage zuvor half die Küstenwache 65 Erwachsenen und 28 Babys aus dem Mittelmeer. „Gesamte syrische Familien“ seien darunter: „Eltern, Kinder und Großeltern“, erzählt ein Helfer, „8.000 US-Dollar pro Kopf mussten sie zahlen für die Flucht.“

Die Mehrzahl der Syrer landet bei Syrakus oder Catania auf Sizilien, einige aber reisen wie die meisten Afrikaner derzeit über Libyen, da liegt Lampedusa auf dem Weg. Die in Tripolis startenden maroden Boote sind meist gar nicht dafür gedacht, aus eigener Kraft Europa zu erreichen. Neben einer lächerlichen Menge Trinkwasser statten libysche Schlepper die Migranten mit Satellitentelefonen aus. Sobald diese internationale Gewässer erreichen, sollen sie die italienische Küstenwache zu Hilfe rufen – falls die Kähne so lange durchhalten. „Wenn der Motor streikt, fällt auch die Pumpe aus, die eintretendes Wasser aus dem Rumpf befördert“, erklärt ein Mitarbeiter der Küstenwache. Schnell liefen die Boote voll und sänken.

Die Guardia Costiera übernimmt auch jenseits italienischer Gewässer die Aufgabe des internationalen SAR-Dienstes: Suchen und Retten. Nicht immer kommt sie rechtzeitig oder wird überhaupt über eine Havarie informiert. Eine staatliche Quelle, die ungenannt bleiben möchte, spricht von „wohl mehr als 1.000 Migranten, die zwischen Januar und August 2013 im Mittelmeer ertrunken sind“. Eine genaue Zahl sei nicht zu ermitteln – die Schätzung beruht auf Erfahrung und registrierten Unglücken.

Die in Tripolis startenden maroden Boote sind meist gar nicht dafür gedacht, aus eigener Kraft Europa zu erreichen.

Der 28-Jährige Thomas aus Eritrea hat innerhalb von vier Monaten eine Trilogie der Unwägbarkeiten erlebt: Der erste Versuch seiner Überfahrt endete bereits nach 200 Metern durch einen Motorschaden. Beim zweiten Mal zerbrach das Schiff, zwar erst nach zwei Stunden schleppender Fahrt, nichtsdestotrotz noch in libyschen Gewässern. Erst die dritte Tour brachte ihn in den Operationsbereich der Guardia Costiera. Jeder dieser Versuche hat den jungen Mann 700 US-Dollar gekostet – Geld für das er unter anderem vier Jahre lang in Libyen Autos gewaschen hat. 1.400 Dollar für nichts als Todesgefahr. Aber bei wem sollte er reklamieren?

Namenlos sind die Makler, „die Broker“, wie Thomas sie nennt, und erst recht ihr „Big Boss“. Fensterlos war der Bus, der ihn zu seinem Versteck für die Tage bis zur Abreise brachte. Ein nachbarloses Anwesen im libyschen Hinterland, vielleicht eine Stunde von Tripolis entfernt. Ein Freiluft-Wartesaal für hunderte afrikanische Flüchtlinge, die ihr Glück in Europa suchen wollen.

Sie schliefen unter Bäumen, bekamen nur Brot und Wasser. „Es reichte nicht, um satt zu werden“, berichtet Thomas. Aber immerhin seien sie einigermaßen sicher gewesen vor willkürlicher Gewalt durch Soldaten, Islamisten und Polizei, ergänzt sein Freund Abrham, ein zierlicher Mann mit kindlichem Gesicht. Auch er stammt aus Eritrea, kennengelernt haben sie sich aber erst in Tripolis.

Seit Gaddafi gestürzt wurde und Marokko und Tunesien mit EU-Unterstützung ihre Nordgrenze stärker überwachen, ist Libyen der Starthafen nahezu aller vor Lampedusa auftauchender Flüchtlingsboote. Bei seiner Überfahrt war Thomas einer der Navigatoren – unfreiwillig wie er betont. Der libysche Schleuser in Shorts und Unterhemd habe ihn angewiesen, das Boot mithilfe eines Kompasses auf Kurs 340 Grad zu halten – das entspricht einem Nordkurs mit leichtem Westeinschlag. „Ein paar Meter fuhr er noch mit uns raus und erklärte uns das Ruder“, erinnert sich Abrham, „schließlich sprang er ins Wasser und schwamm zurück an den Strand.“

Dann waren sie allein im Mittelmeer: 105 Menschen, darunter 38 Frauen und mehrere Säuglinge, von Menschenschmugglern gewinnbringend gequetscht in ein zehn Meter langes Schlauchboot mit schwachem Motor. Über nautische Erfahrung verfügte niemand an Bord, darüber hinaus war der einzige Akku des Satellitentelefons nahezu leer. Glücklicherweise reichte die Energie für den rettenden Anruf bei „Don Muse“, einem „irgendwo in Italien“ lebenden eritreischen Geistlichen. „Er fungiert regelmäßig als Mittelsmann zur Küstenwache“, erzählt Thomas und setzt sich neben Abrham auf die warme Steinbank vor der Inselkirche.

„Ich bin auch Christ“, fährt er fort, „das aber habe ich in Libyen unter einem vollen Bart zu verstecken versucht.“ Einmal jedoch haben „Männer in Uniform“ das Foto seiner Frau mit offenem Haar gefunden: „Du bist kein Moslem!“, hätten sie gerufen und ihn verprügelt.

Eine staatliche Quelle spricht von „wohl mehr als 1.000 Migranten, die zwischen Januar und August 2013 im Mittelmeer ertrunken sind“.

Obwohl es fast ein Uhr nachts ist, ist der Kirchplatz fest in der Hand schreiender, Fußball spielender Kinder. Mit Jacken haben sie vor den Stufen zur Kathedrale ein Tor markiert. Mehrere Scheinwerfer, montiert neben Ave Maria-Bannern auf den umliegenden Privathäusern, tauchen den Platz samt seiner Akteure in rotgelbes Licht. Im Schlagschatten der Portalsäulen knutscht ein junges Paar. Plötzlich rollt der Fußball zu Thomas an die Bank. Kurz zögert er, dann tritt er ihn mit einem verhaltenden Lächeln zurück zu den italienischen Kindern. Eigentlich ist er nicht scheu, aber er fürchtet, „den Menschen hier lästig werden zu können“.

Vorsichtshalber meidet er auch die allabendliche Reggae-Darbietung auf der nahen Via Roma, der touristischen Hauptstraße des kleinen Eilands. Eine Gruppe nigerianischer Neuankömmlinge hat weniger Berührungsängste und tanzt ausgelassen zu Bob Marley-Klassikern wie „One Love“ und „No Woman, No Cry“. Dabei haben Monday, Tuesday und Friday – so wollen sie hier genannt werden – wie die meisten auf Lampedusa Gestrandeten nicht einmal mehr private Kleidung. Alle tragen Trainingsanzüge mit dem Aufdruck „Royal“ – offensichtlich der einzige vom Auffanglager lizensierte Ausstatter. In welcher Größe sie die Sportkleidung erhalten, ist Zufall, so schlottert sie erbarmungslos an manch schlankem Knöchel.

Monday hatte Glück: Sein grüner Anzug wirkt, als habe er ihn für die Reggae-Nacht genäht. Und als er zu „Could you be loved“ seinen Rücken zurückbiegt und mit den Knien rhythmisch bis zur Brust stampft, ist er das beliebteste Fotomotiv der Umstehenden. Einige Touristinnen aus Norditalien übernehmen seinen Tanzstil, immer mehr Menschen bleiben stehen. Ausgelassenheit legt sich für einen Moment über alle Gedanken.

Als der Papst Anfang Juli Lampedusa besuchte, sind viele Italiener wieder auf die nur 20 Quadratkilometer große Mittelmeerinsel aufmerksam geworden, die geographisch und architektonisch Afrika so viel näher ist als Europa. Die Geschäftsleute der Via Roma danken es dem Pontifex mit Transparenten: „Grazie, Papa Francesco. Lampedusa te ama.“

Die raren Sandstrände allerdings sind fast am Limit ihres Fassungsvermögens: Kompakt drängeln sich hunderte Besucher unter einem Himmel bunter Sonnenschirme, eingefasst von aufragenden, scharfkantigen Felsen. An dessen Spitze wiederum sitzen Mohammad, Abdallah und Khalid und beobachten den Strandkult aus komfortabler Entfernung. Die somalischen Jugendlichen sind vor 14 Tagen hier gelandet.

Ihre Geschichte klingt allzu bekannt: Sie sind in Libyen in einem überfüllten Schlauchboot aufgebrochen und von der italienischen Küstenwache auf offener See aufgenommen worden. Allerdings haben sie 100 Dollar mehr bezahlt als die Eritreer. Je nach „Broker“ und Beschaffenheit des Schiffes schwanken die Preise, bei Holzbooten sind sie in der Regel vierstellig.

Schließlich siegt das glitzernde türkisfarbene Wasser der Bucht über die Zurückhaltung der Drei. Mohammad und seine Freunde ziehen ihre Royal-Hosen aus, klettern in Unterwäsche den Felsen hinunter und springen lachend in die warme See. In Strandnähe heben sie sich gegenseitig aus dem Wasser und wirbeln durch die salzige Luft. Mit einer Serie vollendeter Überschläge gewinnen sie die Sympathie der trägen Badegäste. Zurück am Ufer posiert ein Familienvater zwischen ihnen, seine Frau schießt ein Foto mit ihrem Smartphone.

Dass sich die Migranten derzeit einigermaßen frei auf Lampedusa bewegen dürfen, entspannt die Atmosphäre, bedeutet aber nicht mehr als eine lockere Leine. Wohin sollten sie schon verschwinden? Der uniformierte, glatzköpfige Lagerleiter kommentiert die inoffizielle Praxis mit einem Lächeln durch die Gitterstäbe des geschlossenen Tors. Hier hindurch kämen sie nicht. „Wir klettern über den Zaun“, erklärt Abrham. Die Frauen kröchen darunter her. Natürlich wüssten ihre Bewacher davon, aber sie tolerierten es. Das Camp und die Beamten seien „in Ordnung“.

Ohnehin sei nichts hier vergleichbar mit der rassistischen Gewalt, die sie in Libyen erlebt hätten. „Wir fühlten uns wie Ratten, die den Katzen entkommen müssen“, erinnert er sich und kramt Passfotos hervor. Sie zeigen seine Frau und seine zwei Söhne, die in Äthiopien auf ihn warten. „Wenn ich es einmal geschafft habe, ich meine, wenn ich einmal reich bin“, sagt Abrham, „dann möchte ich mit ihnen nach Eritrea zurückkehren und einen Dokumentarfilm drehen.“ „Sahara-Flowers“ soll er heißen. Dafür möchte er seine Odyssee wiederholen: „Eritrea, Sudan, Libyen, Lampedusa.“ Und die Station nach Lampedusa? Sie steht noch nicht im Drehbuch. Aber der 30-Jährige vertraut auf eine Fügung: „Gott weiß, wohin es geht für mich.“

Ein Geländewagen mit Uniformierten fährt vor. „Geht mal zurück ins Lager jetzt!“, ruft einer durch die offene Heckplane. Auf dem Kirchplatz erlöschen kurz darauf die Scheinwerfer, im Hauptquartier der Küstenwache aber gehen sie an. Beamte in Shorts und Polohemden streifen sich im Gehen ihre Guardia Costiera-Westen über. Sie haben einen Anruf erhalten.

Alexander Stein arbeitet als Fotograf und freier Journalist und ist häufig gemeinsam mit Tobias Müller, dem woxx-Korrespondenten für Belgien und die Niederlande, auf Reportage-Reise unterwegs.


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