BERNARDO BERTOLUCCI: Ausbruch aus dem Kokon

„Io e te“ zeigt zwei Jugendliche, die sich gegenseitig beim Leiden zusehen müssen, um zu sich selbst zu finden.

Jugendliche Selbstfindung
à la Bertolucci.

Bernardo Bertolucci – sein melodischer Name ist Programm. Er sehe keinen Unterschied zwischen Filmen und Gedichten, soll er einst sein Credo in Worte gefasst haben. Und so verwundert es nicht, dass sich der Altmeister auch mit „Io e te“ treu bleibt. Nur scheint er im Alter milder geworden, es fehlt seinen späteren Filmen an Provokation und Sprengkraft. Schon seine letzte Produktion „die Träumer“ schien zugleich wie Abschied und Hommage an die wilde Achtundsechziger-Generation. Zugleich deklinierte er darin noch spielerisch alle möglichen sexuellen Varianten, wie die der inzestuösen Geschwisterliebe und eine Ménage-à-trois, durch.

Mit „Io et te“ knüpft er über vierzig Jahre nach seinem legendären letzten Tango in Paris (1972) zumindest vom Setting her an „die Träumer“ an. Nur, dass er das Geschehen nach Italien verlegt. Seine Verfilmung orientiert sich eng an dem gleichnamigen Roman von Niccolo Ammaniti (2010). Die männliche Hauptperson, der 14-jährige Lorenzo (Jacopo Olmo Antinori), kapselt sich von seiner Familie ab. Statt mit seiner Schulklasse in den Ski-Urlaub zu fahren, versteckt sich der eigenwillige Teenager sieben Tage lang im Keller seines Hauses, beobachtet Ameisen in einem Terrarium, spielt Computerspiele, hört Musik – bis seine heroinabhängige Halbschwester ebenfalls im Keller strandet, wo sie einen Unterschlupf sucht in der Hoffnung von ihrer Drogensucht loszukommen. Gemeinsam richten sich die beiden Außenseiter dort ein, beschnuppern sich und finden am Ende aus ihrer Situation heraus, indem sie sich aufeinander einlassen.

Allerdings zeigt sich auch an der Figurenkonstellation, dass Bertolucci älter und feinsinniger geworden ist. Denn der Film kommt ganz und gar ohne die für ihn typischen Erotikszenen aus. Lorenzo betrachtet seine 25-jährige Halbschwester Olivia (Tea Falco) zwar voll pubertärer Neugierde, observiert ihren Körper allerdings unter einer Lupe wie ein Forschungsobjekt – so wie er auch der Ameisenkolonne in seinem Terrarium bei ihrer Arbeit zuschaut. Jenseits der Zankereien laben sich die beiden an der Lebenssituation des jeweils anderen, wie zwei verletzte Tiere, die sich gegenseitig ihre Wunden lecken. Natürlich spart Bertolucci hier nicht an der Ausstattung. So kleiden sich die beiden etwa in barocke Kostüme aus der Mottenkiste einer alten Comtesse ein und tanzen sich in den Rausch. Der Ausbruch aus dem Keller kommt schließlich einer Metamorphose gleich. Zumindest Lorenzo schält sich am Ende der Woche aus dem Kellerloch wie ein Schmetterling, der seinem Kokon entschlüpft. Seine wundersame Verwandlung und damit der Sprung ins Erwachsenenalter nimmt man ihm gern ab, während es schwer fällt, daran zu glauben, dass seine Halb-Schwester nach nur einer Woche von ihrer Abhängigkeit kuriert ist.

So gelingt es Bertolucci mit zwei überzeugenden jungen Schauspielern die Ausbruchsphase der Pubertät menschlich nachvollziehbar auf die Leinwand zu bringen. Dabei ist sein Film mehr denn je ein musikalisch durchkomponiertes Werk. The Cures „Boys don’t cry“ bildet den Auftakt der melodramatischen jugendlichen Selbstfindung. Der Film beginnt mit einer Einstellung beim Psychologen, wo die Antworten des Teenagers einsilbig bleiben und er seinen Frust hinunterschluckt. David Bowies Ballade vom Astronauten „Major Tom“ markiert den Abschluss. Trotz eines streckenweise langatmigen Filmes und der recht trivialen Handlung, fehlt es „Io e te“ zumindest an keiner Stelle am passenden zeitgemäßen Sound.

Im Utopia


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