GESCHICHTE: Differdingen – Zentrum der Resistenz?

Seit einigen Monaten recherchiert der Historiker Cédric Faltz in Differdingen zur NS-Vergangenheit und spürt dem „Schicksal“ Deportierter nach. Nach Beendigung der Recherchen wird der Künstler Gunter Demnig Stolpersteine zur Erinnerung an die aus Differdingen Deportierten verlegen. Eine Ausstellung im Herbst 2014 soll die historischen Hintergründe beleuchten.

Cédric Faltz, geboren 1980 in Differdingen, hat in Nancy Geschichtswissenschaft studiert. Seit Juni 2013 recherchiert er zur Geschichte der während der deutschen Besatzung deportierten Differdinger Juden.

woxx: In diesen Tagen wurden in Esch die ersten individuellen Stolpersteine in Luxemburg verlegt. Die Initiative ging von den Freunden des Resistenzmuseums aus. Sie recherchieren seit einigen Monaten zur Verfolgung der Juden in Differdingen. Wie bewerten Sie die Initiative der Escher und ihre Ausstellung?

Cédric Faltz: Es ist etwas schade, dass in Esch nur einige wenige Stolpersteine gelegt werden. Es entsteht dadurch die Gefahr, dass das Projekt „Stolpersteine“ mit der Zeit verflacht. Wahrscheinlich werden dann Dutzende vergessen. Man hätte das Konzept, auch wenn man zunächst nur symbolisch vierzehn Steine gelegt hat, erst ganz abschließen und notfalls eine Warteliste aufstellen sollen. Aber die Recherchen wurden ja nicht richtig abgeschlossen. Dabei haben es die Escher auch noch schwerer als die Differdinger, da die jüdische Gemeinschaft in Differdingen ja nicht einmal hundert Personen umfasste. In Esch hatte die Sache einen ganz anderen Umfang. Da könnte man über Jahre hinweg recherchieren. Das Luxusproblem, das wir in Differdingen haben, ist, dass die jüdische Gemeinschaft aus Familien bestand, die untereinander verheiratet waren. Es ist schwierig, den Überblick über die Familiennamen wie Bonem-Cahen, Cahen, Wolf, Wolf-Bonem zu behalten. Ich habe eine Datenbank angelegt, über die man die verschiedenen Verbindungen nachvollziehen kann.

Wie kam es dazu, dass Sie nun offiziell zur Vergangenheit der Juden in Differdingen zwischen 1940-1945 forschen?

Michel Braquet hat im April eine Motion im Differdinger Gemeinderat eingebracht, um in Differdingen Stolpersteine zur Erinnerung an aus Differdingen Deportierte legen zu lassen. Aus verschiedenen Gründen haben wir uns auf die jüdische Gemeinschaft konzentriert. Erstens sind diese Leute nie geehrt worden – im Gegensatz zu Resistenzlern, die ja schon Denkmäler haben. Doch ist es auch so, dass ich bei meinen Recherchen auf beeindruckende Schicksale gestoßen bin, wie auf das einer Roma-Frau, die aus Differdingen deportiert wurde. Drei dieser Menschen werden nun auch geehrt. Nachdem die Motion gestimmt worden war, war es am Schöffenrat, respektive dem Bürgermeister, die Modalitäten zu bestimmen. Claude Meisch war zwar nicht auf Anhieb überzeugt davon, Stolpersteine legen zu lassen. Er dachte eher an eine kollektive Schwelle, wie zum Beispiel in Ettelbrück. Nachdem ich ihm aber zusammen mit dem Gemeinderat Braquet über zwei Stunden die Hintergründe geschildert hatte, war er doch überzeugt und gab grünes Licht für eine umfassende Recherche, eine Ausstellung, die voraussichtlich zeitgleich mit der Verlegung der Steine im Oktober stattfinden wird, und die Erstellung einer Broschüre. Wir haben also den Rückhalt des Bürgermeisters, der uns dafür ein umfassendes Budget zur Verfügung stellt. Wir werden aber auch Einnahmen durch den Verkauf der Broschüren haben. Ich bin zuversichtlich, dass wir für die etwa 40 Steine Sponsoren finden werden. Dank dieses Auftrags habe ich Zugang zu den Archiven im Nationalarchiv, und Claude Meisch hat mich auch dabei unterstützt, über den Generalstaatsanwalt Zugang zu den verschlossenen Akten zu erhalten.

Was war Ihre persönliche Motivation? Haben Sie ausnahmslos Rückhalt erfahren?

Ich bin Historiker – leider konnte ich bisher nicht in meinem gelernten Beruf arbeiten. Ich habe mich sofort für das Projekt interessiert und dann innerhalb von drei, vier Wochen einen Projektentwurf ausgearbeitet. Will man nicht unterrichten, ist es als Historiker enorm schwierig, eine Stelle zu finden. Das „Centre de Documentation et de Recherche sur la Résistance et sur L’Enrôlement forcé“ hat mir meine Recherchen enorm vereinfacht. Paul Dostert und seine Mitarbeiter Marc Gloden und Daniel Bousser haben die Grundlage für die Recherche gelegt. Natürlich muss man auch auf die Veröffentlichungen von Serge Hoffmann und Lucien Blau verweisen. Blau hat viel über Rechtsextremismus in Luxemburg geschrieben, Hoffmann über Luxemburg als Exilland in den 1930ern. In Differdingen hat sich die kleine jüdische Gemeinschaft von etwa 30 Leuten in wenigen Jahren fast verdreifacht. Vincent Artusos Doktorarbeit ist in punkto Kollaboration sehr aufschlussreich. Sowohl in Differdingen als auch in Esch gab es proportional gesehen viel mehr Resistenzler als im Rest des Landes. Es gab aber auch viel mehr Kollaborateure. Das hängt damit zusammen, dass die Leute schon sehr früh gewerkschaftlich organisiert waren. Sie hatten ein Bewusstsein für Politik, das im Ösling oder anderswo auf dem Land völlig fehlte. Da gab es nur den Bürgermeister, den Pfarrer und den Dorflehrer. Die Einwohner von Differdingen haben ganz anders auf die NSDAP reagiert, auf einen Kreisleiter und einen „Amtsbürgermeister“. Das israelitische Konsistorium zeigt sich für unsere Recherchen ganz offen. Seine einzige Sorge war, dass diese Steine nur für deportierte Juden gelegt werden könnten. Sie wären froh, wenn wir unsere Recherchen auch auf andere Minoritäten ausdehnten. Aber sie legen uns keine Hindernisse in den Weg. Das Buch von Laurent Moyse war für mich geradezu ideal, um einen Gesamtüberblick zu bekommen.

Sind Sie bei Ihren Recherchen auch auf Widerstände gestoßen?

1986 hatte der verstorbene Kulturschöffe Arthur Goffinet, dessen Sohn Serge mich aktiv bei meinen Recherchen unterstützt, den Geschichtsfreunden Differdingen den Auftrag erteilt, die NS-Vergangenheit Differdingens aufzuarbeiten, alle Dokumente, die es in der Gemeinde gab, zusammenzutragen und dann eine Recherche über Differdingen im zweiten Weltkrieg durchzuführen. Die wurde aber nicht verwirklicht, weil zu viele Namen von Differdingern auftauchten, die in irgendeiner Weise involviert waren und deren Kinder noch hier leben. Deswegen wurde fast nichts aufgearbeitet. Es gibt heute noch immer Widerstände von Leuten, die von dem Ganzen nichts wissen wollen. Die jüdische Gemeinschaft ist froh über unsere Recherche-Arbeit. Manche Leute, die ich angerufen habe, wollten aber gar nicht erst mit mir reden.

Mittlerweile sind Sie auf viele Einzelschicksale gestoßen. Gab es Geschichten, die Sie besonders beeindruckt haben? Wie viele jüdische Personen wurden – Ihren Recherchen nach – deportiert?

„Beeindruckt hat mich die Geschichte einer Roma-Frau und ihres Babys. Diese Dokumente liegen mir leider noch nicht vor. Sie befinden sich im Archiv einer NGO. Wenn es stimmt, was mir die Mitarbeiterin dieser Organisation geschrieben hat, ist es eine anrührende Geschichte. Diese Roma-Frau kam nach Niederkorn, um als Putzfrau zu arbeiten, und bekam dort ein Kind, dessen Vater „Arier“ war. Damit lag nach der Definition der Nazis „Rassenschande“ vor. Daher wurde die Frau deportiert, und das Baby kam zu seinen „arischen“ Großeltern. Nach der Ankunft der Mutter in Auschwitz wurde eine internationale Fahndung veranlasst, so dass ihr das Baby „zugeführt“ wurde – ins KZ. Dann gibt es einen der seltenen Fälle von Luxemburgern, die ein KZ überlebt haben. Das war Emil Goldmann aus Oberkorn. Er wurde nach Frankreich evakuiert, schloss sich dort, eigenen Angaben zufolge, der Résistance an und wurde Partisan. Irgendwann wurde er festgenommen, nach Görlitz, Groß-Rosen, Zittau und schließlich nach Auschwitz deportiert, wo er neun Monate blieb und das Lager überlebte. Seine Frau hat mir erzählt, dass er schon in einer Schlange stand, um vergast zu werden und in letzter Sekunde von einem Wehrmachtssoldaten ausgesondert wurde, der ihn und andere in ein Minenfeld schickte. Das hat ihm absurderweise das Leben gerettet. Dann wurde er durch die Russen befreit und schlug sich auf eigene Faust nach Luxemburg durch. Als er ankam, war sein Wohnhaus schon von Luxemburgern besetzt. Er hat dann, psychisch traumatisiert, eine Weile in Esch bei der Familie Finkelstein gelebt. Dann schrieb er es alles nieder, verbrannte es später jedoch. Sonst könnte man seine Geschichte nachlesen.

Kann man eine Zäsur machen beim Beginn der Besatzung, oder hat es Ihren Recherchen nach schon vorher in Differdingen eine Kollaboration mit den Deutschen gegeben?

Man muss sich einfach vorstellen, dass es schon vor dem Krieg in Luxemburg eine Tradition der Xenophobie und auch des Antisemitismus gab. Das ging zum einen von der katholischen Kirche aus, die sich in den 1990er Jahren ja dafür entschuldigt hat, dass von ihrer Seite nichts gegen die Deportationen unternommen worden war. Also innerhalb der Bevölkerung gab es den Antisemitismus, der natürlich nicht so stark ausgeprägt war wie im nationalsozialistisch geprägten Deutschland. Die meisten Juden haben nach dem Krieg auch bestätigt, dass das kein virulenter Antisemitismus war. Was die Haltung der Luxemburger gegenüber den Juden während des Krieges anbelangt, herrschte eher Indifferenz vor. Die eigenen Interessen gingen vor, und was mit den Juden geschah, interessierte niemanden wirklich.

Der luxemburgische Bürgermeister Pierre Gansen blieb bis Ende April 1941 – also noch relativ lange – im Amt. Wieso? Und wie stark war Ihren Recherchen zufolge die Kollaboration im Süden insgesamt – vor allem in Differdingen?

Die Deutschen kannten sich ja nicht so gut mit den luxemburgischen Gegebenheiten aus. Die Luxemburger Bürgermeister mussten deshalb bis April 1941 im Amt bleiben, um das Getriebe der Verwaltungne aufrecht zu erhalten. Gansen hat eine Liste mit jüdischen Schulkindern angefertigt und auch das Register, das von Gauleiter Simon angefordert worden war, über die „Emigrantenliste“ der Juden, im Gegensatz zu den Listen anderer Bürgermeister aus Südgemeinden, sehr akribisch geführt. Sie ging sogar über die verlangten Angaben hinaus. Es gibt nur sehr wenige Quellen zu dieser Periode von Mai 1940 bis Ende April 1941. Sodass man auf der Grundlage der wenigen vorhandenen Dokumente auch nicht entscheiden kann, ob der Bürgermeister ein begeisterter deutsch-gesinnter Kollaborateur war. Ich will das auch nicht behaupten. Es war die von den Besatzern eingesetzte Schutzpolizei, die durch Differdingen ging und die Listen zusammenstellte. Natürlich hat Gansen geschrieben „zur fleißigen Kenntnisnahme“ und „zur schnellsten Erledigung“. 1944 hat ja laut einem Buch der Geschichtsfreunde im Stadthaus eine größere Diskussion darüber stattgefunden, ob der Bürgermeister seinen Posten zurückerhalten solle.

Woran liegt es, dass die Vergangenheit Differdingens historisch noch relativ wenig aufgearbeitet wurde – sprich ein „noch weißerer Fleck“ ist als in der Hauptstadt?

Weil ja die Legende aufgebaut wurde, dass jedermann ein Resistenzler gewesen sei. Differdingen wurde nach Ende des Krieges als das Zentrum der Resistenz dargestellt. Ein Titel, den heute keiner in Frage stellen will. Alfred Oppenheimer war Präsident des Konsistoriums, beziehungsweise des Ältestenrats. Laurent Moyse hat im Mai 1990 ein Interview mit ihm geführt und ihn gefragt, wie die Listen der Juden zustande kamen. Das heißt, das Konsistorium musste immer alles an die jüdische Gemeinschaft kommunizieren. Und da tauchten, Oppenheimer zufolge, etliche Namen auf, von denen er noch nie gehört hatte. Er konnte sich das nur so erklären, dass es sich um „Gielemännchen“ handelte, die zur Polizei beziehungsweise zur Gemeinde gingen und die Juden dann denunzierten.

Wie stehen Sie zu der Frage einer Entschuldigung des Premiers? Wäre die wünschenswert?

Die Luxemburger Verwaltungskommission ging ganz klar den Weg der Kollaboration – nicht so, wie sie allgemein verstanden wird -, um überhaupt noch Überlebenschancen für ein eigenständiges Luxemburg zu bewahren. Das heißt, sie ging denselben Weg wie in Frankreich Vichy. Ich bin gespannt, wie Vincent Artuso seine Analyse abschließen wird.

Am Ende ihrer Recherchen wird eine Ausstellung mit einem pädagogischen Konzept für Schulen stehen. Was werden Sie anders machen als die Escher? Wieviele Stolpersteine wird es geben?

Die Ausstellung wird voraussichtlich im Oktober 2014 im alten Differdinger Stadthaus zu sehen sein. Dafür werden wir auch ein pädagogisches Konzept für Schulklassen ausarbeiten. Ich stelle mir vor, das alltägliche Leben der jüdischen Bevölkerung vor dem Krieg zu zeigen. Spätestens 1939 sollte man ansetzen, um „la drôle de guerre“ zu erklären, und anschließend die Situation der Juden, die sich größtenteils auf der Flucht befanden und sehr arm waren, zu illustrieren. Es war sehr schwierig für sie, sich zu etablieren. Wie viele Stolpersteine genau gelegt werden, können wir noch nicht sagen. Aus meiner Sicht sollte es so sein, dass jeder Jude, der zwischen dem 10. Mai 1940 und dem 8. Mai 1945 umgekommen ist, einen Stein bekommt. Es gibt aber Fälle, wie den des 13-jährigen Mädchens Renée Lazar, die im Exil in Frankreich an einer Blinddarmentzündung gestorben ist. Heinz Levi wurde womöglich am 11. Mai in Düdelingen erschossen, Salomon Bornstein ist in Wiltz verstorben. Die Witwe Bella Furleiser, die laut deutscher NS-Terminologie eine „Gehirnerweichung“ hatte und im Differdinger Spital lag, wurde trotzdem nach Fünfbrunnen deportiert, wo sie später verstarb. Es werden zwischen 32 und 40 Steine werden. Es hängt auch davon ab, welche Vorstellungen Gunter Demnig hat.

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„STOLPERSTEINE“ ist ein internationales Erinnerungsprojekt des Künstlers Gunter Demnig. Die Steine erinnern an die während der NS-Zeit vertriebenen und vernichteten Juden und andere Minderheiten. Demnig lässt vor ihrem letzten selbstgewählten Wohnort Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir ein. Inzwischen liegen Stolpersteine in über 500 Orten Deutschlands und in mehreren Ländern Europas. 


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