ZWISCHEN DEN KULTUREN: Das unerbittliche Auge

Moacyr Scliar gilt als einer der wichtigsten Autoren Brasiliens des 20. Jahrhunderts. Bücher wie „Die Götter der Raquel“ handeln von den Identitätskonflikten der jüdischen Einwanderer.

Seinen Charme hat Bom Fim zum Teil bewahrt. Das einstige jüdische Viertel von Porto Alegre ist eine relativ ruhige Oase inmitten der Millionenstadt im Süden Brasiliens geblieben. Und die Synagoge in der Rua Barros Cassal wirkt wie eine Trutzburg. Bom Fim, das „gute Ende“, war die Heimat von Moacyr Scliar, dem neben Clarice Lispector bekanntesten jüdischen Schriftsteller Brasiliens.

Während Lispector (1925-1977) das Judentum in ihrem Werk nur indirekt behandelte, setzte sich der 1937 in Porto Alegre geborene Scliar, Sohn bessarabischer Einwanderer, intensiv mit der jüdischen Religion und Kultur auseinander. Anlässlich des Brasilien-Schwerpunktes der Frankfurter Buchmesse sind einige seiner Bücher neu aufgelegt oder erstmals übersetzt worden. Eines ist der 1975 auf Portugiesisch erschienene Roman „Die Götter der Raquel“.

Das Buch ist Teil eines Triptychons, wie es der Autor selbst nannte. Zwei Jahre zuvor war sein Debüt-Roman „Die Ein-Mann-Armee“ erschienen, eine Satire über einen polnischen Juden, der versucht, in Brasilien eine Republik nach sowjetischem Vorbild aufzubauen – mit einem Schwein, einer Henne und einer Ziege als Genossen. Letzter Teil der Trilogie ist „Der Krieg in Bom Fim“, das die Teilnahme Brasiliens am Zweiten Weltkrieg und ihre Auswirkungen auf das Land thematisiert.

„Die Götter der Raquel“ handelt vom religiösen Konflikt eines Mädchens und später einer jungen Frau. Wie in den meisten Romanen Scliars ist Bom Fim der Bezugspunkt, in den 1930er und 1940er Jahren ein Schtetl mit kleinen Häusern im Herzen von Porto Alegre. Das Viertel war nicht isoliert, „kein Ghetto“, betont Scliar. „Die zweite Generation der Immigranten ist die große literarische Generation“, schreibt er in seinen „Gedanken zum Judentum und zur Literatur“, die dem Roman vorangestellt sind. Die Einwandererkinder besuchten brasilianische Schulen, wuchsen mit dem brasilianischen Portugiesisch als Muttersprache auf und lebten nach Scliars Worten „in einem Konflikt mit den Eltern, einem psychologischen, aber auch kulturellen Konflikt, der sich aus dem Aufeinanderprallen verschiedener Realitäten ergab“.

Scliar betrachtete sich als brasilianischen Schriftsteller, „weil ich Portugiesisch schreibe, von dem Land erzähle, in dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, und meine Figuren Brasilianer sind“. Doch das jüdische Element bildet für ihn einen wichtigen Bestandteil. Generell ist das Außenseitertum ein häufig wiederkehrendes Element bei Scliar, der schreibt, das Anderssein sei ihm selbst früh bewusst geworden. In „Der Zentaur im Garten“ (1985) zum Beispiel wird der Protagonist als Zentaur geboren und von seinen Eltern versteckt.

Im Vergleich zu Scliars anderen Werken kommt in „Die Götter der Raquel“ kaum Humor vor. „Es war schwierig, dieses Buch zu schreiben, viel schwieriger als die beiden anderen“, gibt der Autor zu. Die Protagonistin Raquel ist die einzige Tochter eines aus Ungarn eingewanderten jüdischen Paares. Ihr Vater betreibt ein Eisenwarengeschäft. Aufgrund seiner Liebe zur lateinischen Sprache will er, dass seine Tochter Latein lernt und schickt sie auf eine katholische Klosterschule.

Dort ist Raquel als Jüdin eine Außenseiterin. In der Schule ist sie konfrontiert mit dem Katholizismus, demzufolge sie eine Nicht-Gläubige ist und daher die Verdammnis zu erwarten hat. „Ich werde in die Hölle kommen, weil ich Jüdin bin“, sagt das Mädchen. Aber sie werde ihren Eltern zuliebe nicht konvertieren. So ist sie zwischen zwei Welten hin- und her gerissen.

Scliar betrachtete sich als brasilianischen Autor, doch das jüdische Element bildet für ihn einen wichtigen Bestandteil.

Raquel erfindet ihre eigene Religion, die sie heimlich praktiziert, und sie beginnt sowohl ihre Eltern als auch ihre Mitschüler und Lehrer zu verachten. Sie hat zwar als Schülerin und später als Geschäftsfrau Erfolg, bleibt aber unglücklich. Ständig fühlt sie sich verfolgt und beobachtet. Sie flieht in eine Traumwelt. Die Beziehung mit dem Mann einer Freundin endet nach kurzer Zeit tragisch. Raquel verbittert.

Das Buch hat deutlich autobiographische Züge. Scliar war selbst in einer katholischen Schule. Wie Raquel erlebte er einen inneren Konflikt um seine Religion. Er wurde zwar ein Musterschüler. Doch zugleich litt er unter dem Antisemitismus seiner Mitschüler. Scliar promovierte 1962 in Medizin und lebte als Arzt und Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Er starb im Februar 2011 in Porto Alegre. Scliar veröffentlichte außer Erzählungen und Romanen auch Essays über Medizin und das Judentum.

Nicht zuletzt hat „Die Götter der Raquel“ einen, zwar nicht direkt angesprochenen, aber doch indirekten politischen Bezug. Das Buch entstand in der repressivsten Phase der brasilianischen Militärdiktatur, den Jahren 1970 bis 1975. Diese Atmosphäre ist spürbar. Der Verfolgungswahn der Hauptperson – sie wird von einem „unerbittlichen Auge“ verfolgt – ist ein Ausdruck davon. Das Auge sei das wichtigste Merkmal seiner Texte, schreibt Scliar. „Ich stelle mir übrigens die Göttlichkeit vor allem als Auge vor.“ Scliars Personen fühlen sich oft beobachtet – und als Schriftsteller beobachtet er selbst.

Seine Generation sei vom Klima des Autoritarismus geprägt worden, erinnert sich Scliar, der selbst nur kurz in einer kommunistischen Jugendorganisation aktiv war. Doch stets hat sich der Schriftsteller gegen das Vergessen der Verbrechen engagiert. Zum 40. Jahrestag des Militärputsches brachte er zusammen mit drei Schriftstellerkollegen die Textsammlung „Stimmen des Putsches“ heraus. Jetzt ist ein weiteres Werk erstmals auf Deutsch erschienen: In „Kafkas Leoparden“ verlangt ein Militär die Übersetzung eines verdächtigen Textes, den man in der Tasche eines Verhafteten gefunden hatte – und der, wie sich herausstellt, von Franz Kafka ist.

Moacyr Scliar – Die Götter der Raquel. Aus dem Portugiesischen von Marlen Eckl. Hentrich & Hentrich, 148 Seiten.


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