68er-Bewegung: „Im Gegensatz zu allem Bekannten“

Rodolphe Gasché, 80, ist emeritierter Professor für Comparative Literature an der State University of New York in Buffalo. 1964 war der gebürtige Luxemburger Mitbegründer der „Subversiven Aktion“, deren Berliner Ableger um Rudi Dutschke die Studentenrevolte anführen wird. Ein Gespräch.

Hat das Luxemburgische mittlerweile verlernt : Rodolphe Gasché, vergangene Woche in Berlin als Gast des Zentrums für Literatur- und Kulturforschung (ZFL). (Photo : privat)

woxx: Das Jahr 1968 jährt sich zum fünfzigsten Mal. Wie denken Sie an diese für Europa so wichtige Zeit der Infragestellung der Nachkriegsgesellschaft zurück? 


Rodolphe Gasché: Im April erinnerte mich eine Bekannte daran, dass am 11. des Monats vor nunmehr fünfzig Jahren das Attentat auf Rudi Dutschke in Berlin stattgefunden hatte. Meine erste Reaktion war voraussehbar: Ist es wirklich schon fünfzig Jahre her, ein halbes Jahrhundert, seitdem das passiert ist? Als ich aber dann wenige Tage darauf erfuhr, dass am 14. Mai dieses Jahres – also fast genau fünfzig Jahre später – Dieter Kunzelmann gestorben war, brachte diese unheimliche Koinzidenz von Vergangenheit und Gegenwart mir diese für mich so wichtigen Jahre auf andere Weise wieder ins Gedächtnis zurück. Die Verwunderung darüber, dass das Attentat auf Dutschke schon so lange zurückliegt, zeugt nur von der kontinuierlichen Präsenz dieser Vergangenheit für mich. Diese Jahre, vor allem das, was ihnen vorausging, haben mich in der Tat tief geprägt. Die Simultaneität der beiden weit auseinanderliegenden Ereignisse, das Attentat auf Dutschke und Kunzelmanns Tod, machten mich allerdings auf etwas anderes aufmerksam. Die außerparlamentarische Politisierung der Studentenschaft in Berlin und in einigen anderen deutschen Universitätsstädten war der Versuch, so naiv er auch gewesen sei mag, auf unkonventionelle Weise ein politisches, d.h. ein vom Handeln geprägtes Leben zu realisieren, und damit, wenn man Hannah Arendt folgt, das dem Menschen als Menschen allein angemessene Leben existenziell zu verwirklichen. Was der Mai 68 und Kunzelmanns Tod – ein Tod, der auf Grund der Koinzidenz alles andere als ein natürlicher Tod ist – in diesem Jahr bezeugen ist, dass man als politischer Mensch unumgänglich das Risiko eines unnatürlichen Todes in Kauf nimmt. Das ist die andere Seite politischen Engagements, durch das man das dem Menschen eigentümliche Wesen, ein politisches Tier zu sein, verwirklicht: Ein solches Leben ist nicht ohne Lebensgefahr. Kurz gesagt, die „zweite Geburt“, von der Arendt spricht und durch die man in die Öffentlichkeit tritt und politisch tätig wird, kann auch einen anderen als den natürlichen Tod zur Folge haben.

Sie selbst haben sich relativ früh zurückgezogen. Warum?


Ich für meinen Teil hatte mich schon 1965 aus den diversen politischen Aktivitäten in Berlin zurückgezogen. Ein bisschen Geschichte ist hier gewiss vonnöten: 1962, nach Ausschluss der Gruppe Spur aus der Internationale situationniste, hatte ich mit Dieter Kunzelmann in München eine Organisation gegründet, die wir „Subversive Aktion“ nannten und als deren Organ zunächst die Zeitschrift „Unverbindliche Richtlinien“ fungierte, die dann später, nachdem ich von München nach Berlin umgezogen war, von der Zeitschrift „Anschlag“ abgelöst wurde, für die Herbert Nagel und ich verantwortlich zeichneten. Das war auch der Zeitpunkt an dem Rudi Dutschke und Bernd Rabehl zur Gruppe stießen. Es war dies ein entscheidender Punkt für alles, was später stattfand.

… weil es durch die beiden zu einer Annäherung der „Subversiven Aktion“ an den Sozialistischen Deutschen Studentenbund (SDS) kommen sollte?


Die Plattform der „Subversiven Aktion“ war im großen Ganzen von der Frankfurter Schule beeinflusst. Als aber Dutschke und Rabehl Mitglieder wurden und ein marxistisch-leninistisches Programm vertraten, kam es zu immer schärferen ideologischen Differenzen in der Gruppe. Als dann Kunzelmann sich mit Dutschke und Rabehl verband, kam es 1965 zum Bruch. Die revolutionäre Ungeduld und ihr Programm – Aktion um jeden Preis (und dieser Preis schloss ein Denkverbot ein) – machten jede weitere Zusammenarbeit unmöglich. Danach gaben Nagel und ich noch eine dritte und letzte Ausgabe der Zeitschrift „Anschlag“ heraus. In dieser versuchten wir, auf Grundlage einer Kritik von Dutschkes, Rabehls und Kunzelmanns immer orthodoxer werdendem Marxismus ein Programm für eine neue Linke und eine nicht anachronistische Form von außerparlamentarischer Politisierung (aber nicht nur) zu formulieren. Zur gleichen Zeit verlagerte sich das Zentrum der antiautoritären Bewegung in Berlin in den SDS, dessen ideologische Richtung ebenfalls zunehmend marxistischer wurde. Kurz gesagt, ich konnte mich weder mit diesen Organisationen noch mit ihrer Ideologie und ihren Aktivitäten identifizieren und zog mich deshalb zurück.

„Unheimliche Koinzidenz von Vergangenheit und Gegenwart”: Dieter Kunzelmann, hier rauchend, war Mitbegründer der Kommune 1. (Foto : Ludwig Binder, Haus der Geschichte, Studentenrevolte 1968)

„Das was die ‚Subversive Aktion‘ auszeichnete, war ihr Verständnis des Spätkapitalismus.“

Die Kritik der „Subversiven Aktion“ richtete sich gegen die aufkommende Konsumgesellschaft. Ihr wurde unterstellt jegliche lebensbejahende Regung im Kern ersticken zu wollen. 


Ja, in der Tat, was die „Subversive Aktion“ ausgezeichnete, war ihr Verständnis des Spätkapitalismus. Ihr zufolge ist es nicht mehr der Klassenkampf, der in diesem Stadium des Kapitalismus im Zentrum der Konflikte steht, sondern ein Kampf um Bedürfnisse und Erwartungen, die sowohl die Ausgebeuteten als auch die Ausbeutenden betrifft. Die dem Spätkapitalismus eigene Reformmöglichkeit, nicht nur Klassenunterschiede mittels einer Universalisierung des Konsums zu neutralisieren, sondern alle nur denkbaren Bedürfnisse für seine Erhaltung und Förderung zu kapitalisieren, war der Ausgangspunkt für eine Neubewertung der marxistischen Entfremdungstheorie, für die ein durch Freud korrigierter Marx maßgebend wurde. Im gleichen Zuge war damit auch ein neues Menschenbild geschaffen: Während für Marx die Arbeitskraft das den Menschen definierende Vermögen darstellte, brachte die Möglichkeit des Kapitalismus, alle nur denkbaren Bedürfnisse und Frustrationen zum Zweck der Erhaltung und Expansion seiner selbst umzusetzen, die systematische Entfremdung des menschlichen Triebpotenzials durch ihre Scheinbefriedigung und damit die Hinhaltung und Verzögerung sogenannter realer Bedürfnisse in den Blick. Diese Idee verdankte die „Subversive Aktion“ nicht nur der Internationale situationniste und ihrer Analyse der société du spectacle, sondern vor allem der Frankfurter Schule.

Auch ihrem Meister Adorno warf die „Subversive Aktion“ in einem Flugblatt vor, ein unerträgliches „Mißverhältnis zwischen Analyse und Aktion“ zu bedienen, also sozusagen nicht über die Bestandsaufnahme hinauszudenken und stattdessen in einer Sackgasse zu münden. War es aus dieser Not heraus, dass das Bedürfnis entstand, z.B. akademisches Wissen zu kondensieren und mit propagandistischer Schlagwortqualität an den Mann zu bringen? 


Was die Subversive Aktion von den Analysen der Frankfurter Schule unterschied, war ihre explizite Umsetzung dieser Einsichten in ein anthropologisches Modell. Das Menschenbild, das sich mit dem Spätkapitalismus der Analyse eröffnete, gründete auf der Einsicht, dass die repressive Gesellschaft sich nicht mehr allein auf die Ausbeutung der Arbeitskraft des Menschen beschränkte, sondern den ganzen Menschen beeinträchtigte, d.h. anthropologisch gesprochen, die den Menschen als Menschen definierenden Bedürfnisse oder Triebe. Das Wesen des Menschen wurde folglich durch das bestimmt, was in den Unverbindlichen Richtlinien „die Ur-Erwartungen der Menschheit“ genannt wurde. Weil diese Erwartungen als unveränderliches Substrat der Menschheit postuliert wurden, glaubte die „Subversive Aktion“, davon ausgehen zu können, dass diese Bedürfnisse jederzeit reaktualisiert werden könnten, ganz besonders aber in einer Situation, wie der im Spätkapitalismus, in der ihre Ersatzbefriedigung durch Konsum und Zurschaustellung einer angeblich allgemeinen, wenn auch latenten Frustration gewichen war. Diese Annahme eines unter der Oberfläche brodelnden Unbehagens war die Voraussetzung, um von einem Missverhältnis von Analyse und Aktion sprechen zu können, denn wo allgemeines Unbefriedigtsein herrscht oder mindestens latent vorhanden ist, kann und muss offensichtlich etwas unternommen werden. Kunzelmanns Genie für die Kondensierung „akademischer Einsichten“ in schlagkräftige Formeln setzte ebenfalls eine solch allgemeines, aber latentes Unbefriedigtsein mit der Ersatzbefriedigung dieser das Menschsein bestimmenden Wesenheit oder Natur voraus.

„Die revolutionäre Ungeduld und ihr Programm“: 
Rudi Dutschke (links im Bild). (Foto : Ludwig Binder, Haus der Geschichte, Studentenrevolte 1968)

„Das Konzept bestand anfänglich in einer unerhörten Befreiung von allen Fesseln.“

Sie haben ihre Jugend in Luxemburg verbracht. Wie kam es überhaupt dazu, dass Sie diese Jahre des Umbruchs hautnah miterleben und -denken wollten?


Mein Großvater mütterlicherseits – Albert de Roover, er war ein Kunstmaler und lebte in Antwerpen – war für mich als Kind und Jugendlicher eine Inspiration. Obgleich er ein bürgerlicher Mensch wie irgendein anderer war, hat er es irgendwie vermocht, in mir Interesse für eine nicht-konventionelle Denkart und Existenz zu wecken. Nur ein Beispiel: Obgleich nur flüsternd, damit niemand uns hören konnte, hat er mich mit den Ideen der Sozialistischen Internationale bekannt gemacht, was dazu führte, dass ich mir bei der Expo 58 in Brüssel im Sowjetischen Pavillon alle dort erhältlichen Bücher und Pamphlete von Marx, Engels und Lenin besorgte. Genauso entscheidend waren die drei Jahre, die ich am Lycée de Garçons auf dem Limpertsberg verbrachte. Diese drei Jahre in der Stadt Luxemburg, so provinziell sie damals auch war, haben aus mir einen Stadtmenschen gemacht. Danach wollte ich nicht mehr auf Cafés, Restaurants, Bücherläden, Galerien, Museen, Kinos und was weiß ich noch, verzichten. Und das erklärt auch, warum ich danach in München, Berlin und Paris studieren und leben wollte, ohne auch nur die Möglichkeit einer Rückkehr in Betracht zu ziehen. Auf dem Limpertsberg lernte ich auch durch Freunde die Weltliteratur und vor allem die Philosophie kennen. Kurz, diese Jahre in der Stadt haben in mir nicht nur den Wunsch nach einem anderen Lebensstil, sondern auch nach einem anderen, erweiterten Denkstil erweckt. Ein Denkstil, der vom Ungewohnten, von dem, was anders ist, im Gegensatz zu allem, was einem bekannt ist, seinen Ausgang nimmt.

Und wie haben Sie persönlich die Bresche erlebt, die sich in den 1960er-Jahren auftat?


Ich sagte vorhin, dass das, wonach ich strebte, ein unkonventioneller Lebensstil und eine ebenfalls unkonventionelle Denkweise war. Deshalb war ich schon während der letzten Jahre am Lycée de Garçons in Luxemburg von einem Leben als Bohémien angezogen oder zumindest von dem, was ich mir damals darunter vorstellte. Als sich mir dann in München die Gelegenheit dazu bot, dieses Milieu der Gammler oder Penner, wie sie damals hießen, kennenzulernen, war die Enttäuschung groß. So gut wie alle, die ich dort traf, waren Alkoholiker, und das war alles, was sie interessierte. Kunzelmann jedoch war von einem anderen Schlag. Er war wie ich ein Intellektueller und die Fragen, denen er nachging, waren spannend und, wie es uns damals schien, dringend. Die Aktion der „Subversiven Aktion“ bestand anfänglich darin, das Konzept einer unerhörten Befreiung von allen Fesseln, nicht nur von den ökonomischen, zu entwickeln und durch die Veröffentlichung dieser Ideen Interessierte zu gewinnen. So verstanden war diese Aktion für mich die Verwirklichung meiner geistigen Anliegen. Aber das nahm bald ein Ende, als „Aktion“ einen anderen Sinn annahm, nämlich als Kunzelmann dekretierte, dass nun genug analysiert, kritisiert und philosophiert worden sei und es endlich an der Zeit sei, unsere subversiven Einsichten in die Realität umzusetzen.

„Die Gräuel der Vergangenheit vor dem Vergessen zu retten, das ist das weiterhin wirkende Erbe der deutschen Studentenbewegung.“

War Ihnen eigentlich zu dem Zeitpunkt, als sie Kunzelmann kennenlernten, bewusst, dass er ein Problem mit Juden hatte? Fast ist man versucht, in seinem ohnehin symbolträchtigen Tod eine weitere Anspielung zu suchen, nämlich an den Staat Israel, der an seinem Todestag 75 Jahre Bestehen feierte …


Die Studentenbewegung war die erste Form in der Nachkriegszeit, in der eine ganze akademische Generation in der Bundesrepublik sich gegen ihre Väter auflehnte. Mit den Achtundsechzigern kam eine Bewegung zur Reife, in der die moralische Empörung dieser jungen Generation über die Beteiligung der älteren Generation an den Verbrechen der Nazizeit, die nach Ende des Krieges kaum zur Sprache kamen, in der Forderung einer radikalen Veränderung der stark konservativen Gesellschaftsordnung der Bundesrepublik Gestalt annahm. Aus politischer und gesellschaftlicher Perspektive hatte diese Anstrengung nicht die geringsten Nachwirkungen, aber kulturell gesehen ist die in Deutschland, vor allem in Berlin, beeindruckende Bemühung, die Gräuel der Vergangenheit vor dem Vergessen zu retten, nicht ohne das deutsche 68er-Unruhejahr zu denken. Dies ist das weiterhin wirkende Erbe der deutschen Studentenbewegung. Gewiss, die antiautoritäre Bewegung hatte eine Dynamik, in der die Forderung eine Umwälzung der gesellschaftlichen Verhältnisse um jeden Preis herbeizuführen, extremistische Radikalisierungen in ihren Randgruppen hervorbrachte. Als ich in Berlin politisch aktiv war, d.h. bis Ende 1965, habe ich aber unter den Aktivisten von damals nicht die geringste Spur von Antisemitismus bemerkt. Und als nach dem Sechstagekrieg 1967 die Linke in Berlin die Seite der Palästinenser gegen Israel ergriff, geschah das, soweit ich sehen konnte, nicht im Namen eines Antisemitismus, sondern aus der damals promulgierten Solidarität mit allen durch einen Staat unterdrückten Völkern. Ja, in diesem Fall wandte man sich gegen die Unterdrückung durch den Staat Israel, aber nicht weil es ein jüdischer Staat war, sondern weil es ein Staat wie ein anderer war. Das schließt natürlich nicht aus, dass Einzelpersonen, oder marginale Gruppen der Linken, diesen Protest als Vorwand benutzt haben könnten, um ein rechtextremes Element – wie den Antisemitismus – in die antiautoritäre Bewegung einzufädeln. Keine Institution ist gegen eine solche Usurpation gefeit, d.h. aber nicht, dass man die Linke selbst mit solch entsetzlichen Verirrungen verwechseln darf. In den vier oder fünf Jahren, während denen ich Kunzelmann regelmäßig traf und, wenn ich nicht in München war, in brieflichen Kontakt mit ihm stand – unsere Korrespondenz war umfangreich – hat er sich mir gegenüber nie in einer Weise geäußert, die eine antisemitische Haltung belegt hätte. Doch muss ich eine Bemerkung erwähnen, die er mir gegenüber in den ersten Jahren unserer Bekanntschaft gemacht hat und die mich damals sehr unangenehm berührt hat. Ich habe ein schlechtes Gedächtnis. Dass aber diese Äußerung mir in Erinnerung geblieben ist, zeugt davon, dass in ihr etwas anklang, das ich mit ihm, wie ich ihn kannte, nicht zu vereinen wusste. Ich entsinne mich nicht mehr, in welchem Kontext sie geäußert wurde, aber Kunzelmann meinte, dass es an der Zeit sei, die Judenvernichtung zu den Akten zu legen. Man habe darüber nun schon ausreichend geredet und es sei an der Zeit, sich anderen drückenden Problemen zuzuwenden. Allerdings, wie Sie wissen, wenn überhaupt, dann redete man zu der Zeit in der Bundesrepublik kaum über den Holocaust. Die Bemerkung zeugte daher von einem erstaunlichen Mangel an historischer Sensibilität; wenn sie auch nicht von vornherein als ein Indiz von Antisemitismus verstanden werden konnte, war sie doch nicht ohne Zweideutigkeit. In den fraglichen vier oder fünf Jahren war dies die einzige die Juden betreffende Bemerkung, eine empörende Bemerkung, die zudem auch unbegreiflich war, weil Kunzelmanns intellektuelle Natur fast ausschließlich von jüdischen Denkern geformt war: Marx, Benjamin, Adorno, Horkheimer, Marcuse, Anders und so weiter.

„Im Kleinen wie im Großen gibt es mehr denn je, Dinge gegen die oder für die gekämpft werden muss.“

Wie haben Sie reagiert, als man ihn später mit dem Bombenanschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin und schließlich mit dem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in Verbindung brachte, bei dem sieben Menschen starben? 


Es gibt wenig Zweifel, dass Kunzelmann 1968 für die Bombe auf das jüdische Gemeindezentrum in Berlin mitverantwortlich war – und das war ein antisemitisches Attentat. Von dem, was in Kunzelmann zwischen 1965, als ich ihn das letzte Mal traf, und dem Jahr, in dem das Attentat verübt wurde, vorgegangen ist, habe ich keine Ahnung. Ich weiß auch nicht, mit welchen Leuten er damals verkehrte. Wie schon angedeutet, kam der Bruch mit ihm zustande wegen seines sinnlosen Bestehens auf Aktion um jeden Preis. Ich kann mir dieses abscheuliche Attentat nur aufgrund einer Eskalation dieser irrsinnigen Forderung erklären. Mag sein, dass sich in ihr ein latenter Antisemitismus manifestierte, aber aus meiner Bekanntschaft mit Kunzelmann würde ich eher schließen, dass sie einen ‚verzweifelten‘ Ausdruck darstellte, um jeden Preis ein „soft target“ für eine Aktion zu finden. Eine solch krankhafte Motivation macht die Untat darum keineswegs weniger entsetzlich.

Vieles von dem, was die „Subversive Aktion“ damals entwarf, hat die Erscheinungsformen der Studentenrevolte maßgeblich geprägt. Andererseits hat die Werbeindustrie diese Formen längst für sich vereinnahmt. Dermaßen ungezwungen erscheinen uns die westlichen Gesellschaften heute, dass wir eher uns selbst die Schuld geben für Frustration, Zwang oder Leiden, als darin einen äußeren Ursprung zu vermuten. Was sind die Bedingungen für Freiheit heute? 


Schon in den 1960er-Jahren hatte die Werbeindustrie die meisten Formen von Widerstand oder Rebellion vereinnahmt. Ich denke an eine Reklame aus dieser Zeit, die ein neues Revlon-Produkt als „Revolution“ ankündigte. Dieser Trend dauert nicht nur bis heute fort, sondern alle Neuerungen sind von vornherein schon auf allgemeine Vermarktung angelegt. Das heißt aber nicht, dass alle Kritik und aller Widerstand vergeblich sind. Auch wenn es heute nicht mehr möglich scheint, aufgrund von anthropologischen Bestimmungen dessen, was angeblich den Menschen ausmacht, das Ganze einer Gesellschafts- oder der Weltordnung in Frage zu stellen – sogar der Begriff „Freiheit“ ist zu einem leeren Schlagwort geworden – so gibt es im Kleinen wie im Großen mehr denn je, gegen das oder für das gekämpft werden muss. Im Kleinen für die Gleichberechtigung der Frauen, die Rechte von Minderheiten aller Art, die Verbesserung sozialer Verhältnisse und den wiederaufkeimenden Antisemitismus, Xenophobie, Fundamentalismus, Nationalismus, Rassismus, kurz der allgemeinen Versippschaftung oder tribalization gesellschaftlichen Lebens. Im Großen für eine allgemeine Vernetzung aller Teile der Welt mittels der Schaffung internationaler Bündnisse, der Stärkung und Erweiterung internationaler Gremien und Institutionen, und gegen die gegenwärtig unternommenen Versuche (vor allem in den USA) einer Re-Parzellierung der Welt, der Auflösung aller Handelsabkommen und Pakte zugunsten einiger weniger Weltmächte, die keinen Gegenpart mehr in der ihnen eigenen Einflusszone haben. Einige dieser Änderungsversuche hätte man früher sicherlich als bloße Reformen diskreditiert, aber heute sind das die pluralen Formen, die eine nicht länger einheitliche und geschlossene Widerstandsbewegung gegen die Missverhältnisse des Status quo annimmt, ohne dabei sofort von den Medien oder der Werbeindustrie vereinnahmt zu werden. Meines Erachtens sind die Formen solch pluralen Widerstands nicht nur Ausdruck genuiner Freiheit, die einem Leben zusammen mit anderen entspricht, sondern auch solche, die in einer zunehmend globalen Welt am angemessensten sind.


Rodolphe Gasché, 1938 in Luxemburg geboren und aufgewachsen, studierte Philosophie und Vergleichende Literaturwissenschaft in München, Berlin und Paris und wurde 1976 an der Freien Universität Berlin in Philosophie promoviert. Ehe er an die SUNY in Buffalo berufen wurde, unterrichtete er an der FU Berlin und der Johns Hopkins University in Baltimore. Gasché ist der Übersetzer wichtiger Werke von Derrida (zu dessen persönlichen Freunden er gehörte) und Lacan ins Deutsche.


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