BEN STILLER: Traumarchive

In „The Secret Life of Walter Mitty“ begibt sich Ben Stiller auf eine großangelegte Schnitzeljagd, kämpft gegen mächtige Medienhaie und findet, wie könnte es anders sein, die große Liebe.

Sich Träume verwirklichen, das kann auch mal zu gefrorenen Bärten führen…

Walter Mitty (Ben Stiller) steht auf der Verliererseite des amerikanischen Traums: zurückhaltend, schüchtern, verträumt, so gar nicht gemacht für die US-amerikanische Ellenbogengesellschaft. Seit über sechzehn Jahren schon arbeitet er im Fotoarchiv des renommierten Life!-Magazins, entwickelt und verwaltet die Fotos der verwegensten und berühmtesten Fotoreporter der Welt. Er ist ein ehrlicher und hart arbeitender Angestellter, dem große Ambitionen fehlen und der in seinem fensterlosen Keller-Archiv zunehmend in Vergessenheit gerät. Während das Magazin, für das er arbeitet, aufgekauft wird und sich massenhafte Entlassungen ankündigen, ist er hoffnungslos in seine neue Kollegin Cheryl (Kristen Wiig) verliebt, traut sich jedoch nicht, sie anzusprechen. Er flüchtet sich lieber in Traumwelten, in denen er heldenhafte Abenteuer erlebt und in Windeseile das Herz seiner Angebeteten erobert. Dass er mit seiner verträumten Art zum Gespött seines neuen Chefs und seiner Arbeitskollegen wird, scheint ihn eher weniger zu interessieren. Als die neue Führungsetage bekanntgibt, dass das Magazin künftig nur noch online erscheinen soll, wird schnell klar, dass Walters Job in Gefahr ist.

Die letzte Print-Ausgabe soll ein Bild des bekannten Fotografen Sean O`Connell (Sean Penn) schmücken, doch gerade dieses Bild scheint in Walters Archiv verloren gegangen zu sein und ist nicht aufzufinden. Um seinen Job doch noch zu retten und im gleichen Zug seine große Liebe für sich zu gewinnen, begibt sich Walter Mitty auf eine Abenteuerreise, die den Geschichten aus seinen Tagträumen in nichts nachsteht.

„The Secret Life of Walter Mitty“ basiert auf einer gleichnamigen Kurzgeschichte von James Thurber aus dem Jahre 1939. Regisseur und Hauptdarsteller Ben Stiller ist nicht der Erste, der sich an den Stoff herantraut; bereits 1947 verfilmte Norman Z. McLeod die Kurzgeschichte mit Danny Kaye in der Hauptrolle. Der Film hat durchaus seine positiven Seiten. Die Kameraführung beispielsweise, die mitunter herrlich mitreißend sein kann. Der Schnitt, der sich der Geschichte sehr geschickt anpasst und mal besinnlich-ruhig, mal aufregend-rasant ist. Vor allem die Übergänge aus der Realität in Walter Mittys Traumwelt kann man getrost als sehr gelungen bezeichnen, so gelungen, dass sich der Zuschauer teilweise fragt, was denn nun wahr und was Phantasie ist. Die Kulissen, können ein diffuses Gefühl von Fernweh beim Zuschauer hervorrufen und Lust auf mehr machen. Der Soundtrack, der vor allem mit Songs wie „Space Oddity“ von David Bowie punkten kann, schafft es die meiste Zeit, die Emotionen im Film wirkungsvoll zu unterlegen. Von einem technischen Standpunkt her ist der Film absolut gelungen, ein Schmaus für Auge und Ohr.

Wäre da nur nicht ein unlogisches und an den Haaren herbeigezogenes Drehbuch, das viel mehr Elemente enthält als ein guter Film verkraften kann. Eine belanglose und verkitschte Liebesgeschichte, wie man sie aus jeder zweiten Teenagerkomödie kennt, völlig deplatzierte, vermeintlich ironische Verweise auf andere Hollywood-Filme, die aus dem Nichts auftauchen und auch sogleich wieder dorthin abtauchen. Mittelmässige Schauspieler, die dem Film eine seichte Oberflächlichkeit verleihen. Wäre da nicht eine ausgesprochen oberflächliche und verflachte Medien- und Kapitalismuskritik, bei der jedem, der sich auch nur ansatzweise mit der Thematik auseinandergesetzt hat, die Haare zu Berge stehen müssen.

Wer sich für nordische Landschaften interessiert und David Bowie mag, kann sich diesen Film anschauen, muss allerdings damit leben, dass sich zwischen den grandiosen Landschaftsaufnahmen und einigen guten Szenen eine belanglose und hoffnungslos überfüllte Story ihren Weg bahnt.

In den Kinos.


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