KULTURHAUPTSTADT GRAZ: Zwischen Provinz und Metropole

Graz war immer schon rebellisch. Graz ist verschlafen. Graz ist eine Studentenstadt. Graz ist voller Senioren, ein Pensionopolis. Also was jetzt? Die europäische Kulturhauptstadt ist im Moment vor allem eines: eine sehr lebendige Baustelle.

Der Uhrturm mit seinen vertauschten Stunden- und Minutenzeigern: ein Markenzeichen der Stadt Graz.

Sie stehen für idyllische und anregende Spaziergänge: Der Schlossberg und der Uhrturm oben drauf, mit seinen vertauschten Stunden- und Minutenzeigern. Nun steht hinter dem Uhrturm ein Doppelgänger, metallen und schweigend. Der Grazer Künstler Markus Wilfling hat den Schattenturm dort hingestellt, und damit fing er etwas für die Stadt Zentrales ein: ihre Ambivalenz.

Die eine Seite …

„Kaum eine andere Stadt hat ein so ambivalentes Image wie Graz“, so ORF-Journalist Martin Traxl. Auf der einen Seite hat sie den Ruf provinziell und konservativ zu sein. Gleichzeitig gibt es auch die Mär von der rebellischen und unkonventionellen Stadt. Die „heimliche Hauptstadt“ der Literatur und der Architektur soll Graz zumindest mal gewesen sein. „Graz ist immer gependelt zwischen Aufbruch und Erstarrung“, meint Gerfried Sperl, ehemaliger Grazer und nunmehr Chefredakteur der Tageszeitung „Der Standard“.

Eine der unerfreulichsten Assoziationen, die Graz hervorruft, geht auf die NS-Zeit zurück. Hitler wurde hier von so vielen Menschen jubelnd empfangen, dass dieser Graz den Titel „Stadt der Volkserhebung“ verlieh. Nach dem bösen Erwachen ging Graz erst mal ausgiebig auf Tauchstation.

Der Beiname „Pensionopolis“, der noch auf die Zeit der Monarchie zurückgeht, tauchte wieder auf als rund um den Schlossberg ein hoher Anteil an Älteren lebte. Es folgten einige heftige Aus- und Aufbrüche, die einander mit Phasen abwechselten, in denen sich – vor allem politisch – nicht allzuviel bewegte.

Das Image der Verschlafenheit verstärkt freilich auch die Größe: In der Hauptstadt der „grünen Steiermark“ wohnen rund 250.000 Einwohner. Eine Provinzstadt, wenn man so will: grün, fußgehtauglich, die Mur fließt mitten durch die Stadt. Graz ist unbestreitbar gemütlich.

… und die andere

Das andere, das progressive Bild von Graz ist kulturellen Hochs zwischen den späten Fünfzigern und den späten Siebzigern zu verdanken. Das „forum Stadtpark“ wurde gegründet, Autoren wie Wolfgang Bauer, Peter Handke und Gerhard Roth mischten das biedere Nachkriegsösterreich ordentlich auf. Später kam der „steirische herbst“ dazu, ein Festival, mit dem Graz sich einen Namen als Wiege der Avantgarde machte: Skandale hierher!

Anderes wirkte durchaus beständig: Die ansässigen Architekten etwa ließen sich in all den Jahren nicht lumpen. Bezogen auf ihre Größe kann die Stadt durchaus eine ansehnliche Menge an architektonischen Attraktionen ihr Eigen nennen. Manches davon groß und prestigeträchtig, wie etwa das Resowi-Zentrum der Karl-Franzens-Uni oder die Palmenhäuser. Anderes weniger spektakulär, wie Wohnbauten und Lokale, die aber trotzdem lohnenswert anzuschauen sind.

Zu diesem progressiven Bild haben schon immer die Studierenden beigetragen. Auch heute prägen sie die Stadt. Es sind immerhin 40.000. Die Beislszene ist entsprechend nicht zu knapp bemessen, die kulturelle Szene hat gerade in jüngster Zeit viel an alternativer und Off-Kultur zu bieten. Da ist etwa das „Theater im Bahnhof“, das durch sein Tun und Reden harmlose Passanten auf offener Straße verwirrt. Es gibt eine lebhafte Popszene, und es ist wieder viel Live-Musik zu hören.

Vieles davon findet draußen statt. Seit ein paar Jahren reisen im Sommer Schausteller und Pantomimen zum Straßentheaterfestival „La Strada“ aus ganz Europa an, um Plätze, Telefonhäuschen oder was auch immer zu bespielen. Das meiste davon ist kostenlos. Auch die vielen Konzerte des „Jazzsommer“ sind allesamt gratis. „Das ist ein völlig anderes kulturelles Konzept als in unserer Stadt“, bemerkte eine Salzburgerin angesichts der bunten Besuchermischung: „In Salzburg können es sich viele gar nicht leisten, sich die Veranstaltungen in ihrer eigenen Stadt anzuschauen“ – dominieren doch dort die „Salzburger Festspiele“ und Hochkultur für ein Publikum, das nicht zu sparen braucht.

All dies verleiht der Stadt ein südländisches Flair. Daran sind freilich auch das gnädige Klima sowie die italienisch beeinflusste Altstadt mit ihren roten Dachlandschaften – mittlerweile als Unesco-Weltkulturerbe geadelt – nicht unschuldig. Aber es sind eben auch diese Dinge: Dass gleich ums Eck vom Hauptplatz Kajakfahrer auf der Mur Eskimorollen üben, dass im Sommer ein Straßencafé neben dem nächsten seine Tische und Stühle rausstellt.

Die Gastronomie zählt ohnehin zu den Stärken der Stadt: Die Speisekarten lassen slawische, ungarische und italienische Einflüsse erkennen, der Salat geht meist nicht ohne das Kürbiskernöl. Es sind wohl diese Aspekte, gemeinsam mit der Nähe zu den südsteirischen Weinstraßen und den boomenden Wellness-Thermen, die die Zahl der Übernachtungen in den letzten Jahren steigen ließ.

Baustelle Graz

Zur Zeit ist Graz eine große Baustelle. Lange hat die Stadt nicht so viele Kräne und Gerüste gesehen. Dank „Graz 2003“ geht auf einmal vieles ruck-zuck, was vorher jahrelang blockiert wurde: Im Herbst wird das spektakuläre Kunsthaus von Peter Cook und Colin Fournier eröffnet; eine neue Stadthalle, die Insel in und die Promenade an der Mur sind fertig. Seit die Grazer permanent über 03-Taxis, Logos und halbe Gebäude stolpern, ist auch ihr Interesse am Dasein als Kulturhauptstadt groß. „‚Graz 2003‘ ist ein Gefühlszustand, der sich langsam in der Stadt breit macht“, schrieb die Lokalmatadorin „Kleine Zeitung“. Es wird wieder über Graz geredet – was es denn eigentlich sei: „Stadt des Südens? Stadt des Ostens?“, fragt man sich dieser Tage in einer Veranstaltung.

„Gebaut“ wird derzeit nämlich auch an verstärkten Beziehungen zu Osteuropa. Zwischen Graz und der slowenischen Grenze liegen nur rund vierzig Kilometer, nach Ungarn sind es siebzig. Wie nahe die Nachbarn wirklich sind, rückt auch den Grazern selbst erst langsam wieder ins Bewusstsein. Doch nach und nach entstehen Städtepartnerschaften, Unternehmen wie Theatermacher lassen sich auf grenzüberschreitende Projekte ein. Viele Österreicher arbeiten bereits jenseits der Grenze, und Menschen aus der Balkanregion sind ihrerseits in Graz präsent. Zum Teil sind sie vor dem Krieg geflohen, zum Teil kommen sie zum Studieren.

Die „schlechte Gegend“ wird hip

Ein Bezirk, in dem Um- und Neubau besonders sichtbar werden, ist das Griesviertel. Es galt lange als „schlechte“ Gegend; Mütter randalierten, wollten ihre Töchter dorthin ziehen. „Gries“ stand für Rotlichtmilieu und „grindige“ Substandardwohnungen. Dann jedoch floss zuerst Geld aus einem EU-Stadtentwicklungs-Projekt. Es folgte eine neue Synagoge, die die Stadt hier ansiedelte, und nun kommt auch noch das Kunsthaus hinzu. Heute gilt das Quartier mit seiner Mixtur aus internationalen Lokalen, aus Fünf-Sterne-Hotels, Männerasyl und Kulturprojekten als äußerst heterogen. Als ambivalent – ein Kind seiner Stadt eben.

Gerlinde Pölsler


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