WIEDERENTDECKT: Reichtum eines Lebens

Vierzig Jahre nach dem erstmaligen Erscheinen als literarische Sensation erkannt, ist „Stoner“ von John Williams nun auch auf Deutsch erschienen.

Lange Zeit vergessen: Der Autor John Williams. (Foto: Copyright University of Denver)

Es ist ein Rätsel, warum manche großen Bücher kaum Beachtung finden. So etwa der Roman „Stoner“ des amerikanischen Schriftstellers John Williams (1922-1994), der 1965 erschien, rasch in Vergessenheit geriet und lange Zeit eher als Geheimtipp kursierte. Erst die Neuauflage des Buches 2006 bei New York Review Books Classics löste bei Kritik und Leserschaft wahre Begeisterungsstürme aus. Innerhalb kurzer Zeit verkauften sich 40.000 Exemplare, mittlerweile ist der Roman in zahlreichen Übersetzungen erschienen, einige weitere sind geplant.

John Williams erzählt in „Stoner“ die Lebensgeschichte von William Stoner, dem Sohn bitterarmer Farmer aus Missouri, die ihm 1910 unter Entbehrungen ein Landwirtschaftsstudium ermöglichen. Die erste Schlüsselszene spielt in einem Einführungskurs für englische Literatur, als der Professor ein Sonett von Shakespeare vorträgt. Der scheue junge Mann wird vom Klang der Verse im Innersten ergriffen. Er kann nicht anders, als die Weichen seines Lebens neu zu stellen, bricht das Landwirtschaftsstudium ab und schreibt sich für Literaturwissenschaften ein.

Man könnte nun eine Entwicklungsgeschichte erwarten über einen Jungen vom Land, der sich durch die Widrigkeiten des universitären Betriebs kämpft. Und der, ob als Gewinner oder Verlierer, in jedem Fall Spuren hinterlässt. Doch diese Erwartung untergräbt John Williams gleich auf der ersten Seite. Dort heißt es, William Stoner, der bis zu seinem Tod an der Universität bleiben wird, habe es nicht weiter als bis zum Assistenzprofessor gebracht, kaum einer seiner Studenten erinnere sich heute an ihn, die Kollegen erwähnten ihn nur selten. Also keine Heldengeschichte, was sich in der weiteren Erzählung auch bestätigt.

Man muss in der Literatur wahrscheinlich lange suchen, bis man auf jemanden stößt, der zarter auf Liebende geblickt hat als John Williams.

Lange Zeit gelingt es Stoner nicht, seine Liebe zur Literatur und zur Sprache den Studenten zu vermitteln. „Was ihn zutiefst bewegte, wurde kalt und blass, sobald er es aussprach.“ Ein Debakel ist seine Ehe. Blind vor Verliebtsein hat er die empfindliche und launische Edith geheiratet, um einen Monat später zu wissen, dass diese Beziehung scheitern wird. „Er lernte, mit der Stille zu leben und nicht auf seiner Liebe zu beharren.“ Seiner Tochter Grace ist er über Jahre hinweg hingebungsvoll Vater und Mutter zugleich, bis Edith ihm sie systematisch entfremdet. Zu zaghaft wehrt er sich und verliert seine Tochter für immer. Er zieht sich zurück in die Welt der Literatur, erfüllt gewissenhaft, zuweilen mit Leidenschaft seine Pflichten und gerät gerade deshalb ins Straucheln. Völlig zu Recht lässt er einen Studenten durchs Examen fallen. Weil dieser aber körperbehindert ist, wird ihm von einem Kollegen Voreingenommenheit unterstellt. Ein Fall schräger Political Correctness mit fatalen Folgen, fast eine Vorwegnahme der Konstellation in „Der menschliche Makel“ von Philip Roth.

John Williams erzählt genau und in einer einfachen klaren Sprache, sodass die Figuren feine Konturen bekommen und dennoch ihr Geheimnis wahren. Aus der ruhigen Erzählweise entstehen fast kontemplative Momente, mitunter aber auch welche von emotionaler Wucht. Bestürzend etwa die Szene, als Stoner seinen Eltern bei der Abschlussfeier offenbart, dass er nicht mit ihnen zur Farm zurückkehren wird. Es fällt kein böses Wort. Doch hört man förmlich die Stille, sieht die stumme Trauer der Mutter angesichts der unwiderruflichen Entfremdung, die von niemandem gewollt war und so unvermittelt über alle hereingebrochen ist.

Trotz seines stoischen Gemüts hinterlassen die schmerzhaften Erfahrungen bei Stoner Spuren. Anfang vierzig fühlt er sich müde und leer: „Vor sich sah er nichts, auf das er sich zu freuen wünschte, und hinter sich nur wenig, woran er sich gern erinnerte.“ Aber dann begegnet er Kathrine, einer jungen Dozentin. Man muss in der Literatur wahrscheinlich lange suchen, bis man auf jemanden stößt, der zarter auf Liebende geblickt hat als John Williams. „Sie waren beide sehr scheu und lernten einander nur langsam kennen, behutsam; sie kamen sich nah und trennten sich, berührten sich und wichen zurück, wollten beide dem anderen nicht mehr zumuten, als er verkraften konnte.“ Die beiden erleben eine vollkommene Liebe. Doch ihr Glück wird angefochten.

Manchmal möchte man am liebsten in den Roman hineingehen und diesen Mann schütteln. Warum immer wieder diese Zurückhaltung, diese Genügsamkeit, wenn es um die Verteidigung der wichtigsten Dinge seines Lebens geht? Ist es Feigheit oder gar Verantwortungslosigkeit? Man könnte darüber streiten. Doch was über all dem steht und Stoner zu einer integren und besonderen Persönlichkeit macht, ist seine ausgeprägte emotionale und intellektuelle Empfindungsfähigkeit. Sie verleiht seinem nach außen hin gescheiterten Leben Reichtum, Intensität und nicht zuletzt eine unbestechliche Urteilskraft, die ihn entscheiden lässt, ob er aufbegehrt oder sich dem Unausweichlichen fügt.

Aus diesen Polen Zurückhaltung und Empfindungskraft entwickeln sich auch Reiz und Rhythmus dieses bis zur letzten Seite fesselnden Buches. Vielleicht waren die Sechzigerjahre einfach nicht die richtige Zeit für eine stille Romanfigur wie
William Stoner.

John Williams – Stoner. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. dtv, 351 Seiten.


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