DER PREIS DES HANDYS: iSlave oder Fairphone?

Berichte über die Umstände der Gewinnung von speziellen Metallen und Herstellung von elektronischen Geräten sind erschreckend, doch wer möchte schon auf sein Handy verzichten? Die Entwicklung eines authentischen Fairphones kommt nur langsam voran.

Logo-Vielfalt, vom kongolesichen Okapi bis zum Made-in-China-Siegel. Das erste Fairphone-Modell: umweltschonend verpackt.
(Foto: FAIRPHONE/CC BY-NC-SA)

Kaffee, Tee, Bananen, Schokolade – diese Lebensmittel gibt es als fair gehandelte Produkte zu kaufen. Ein Smartphone mit Fair-Trade-Siegel ist dagegen noch nicht auf dem Markt erschienen. Kein Wunder: Die etwa 30 Metalle, die in einem Smartphone stecken, werden häufig unter katastrophalen Bedingungen abgebaut. In Kobaltminen des Ostkongos etwa sind Arbeiter giftigen Dämpfen ausgesetzt. Auch Kinder arbeiten in den Schächten. Für die Schinderei wird nur ein Hungerlohn gezahlt. Zudem stehen die Minen zum Teil unter der Kontrolle von Milizen. An den Geräten, mit denen wir im Internet surfen und telefonieren, soll Blut kleben.

Auch beim Zusammenfügen der Einzelteile gibt es schwere Missstände. Für die Arbeiter in asiatischen Fabriken gilt: hoher Druck, niedriger Lohn, viele Überstunden, wenige Rechte. Berüchtigt ist der Apple-Zulieferer Foxconn. Hier nahmen sich eine ganze Reihe von Angestellten das Leben. Vom iSlave ist die Rede – in Anspielung an die Produktpalette des Apple-Konzerns. Das Unternehmen trat zwar der Fair Labor Association bei, die sich für bessere Arbeitsbedingungen einsetzt doch kann von einem fairen iPhone nicht die Rede sein. Die Fabrikarbeiter von Jabil Green Point müssen pro Monat über 100 zum Teil unbezahlte Überstunden leisten, berichtete China Labor Watch im September.

Zwei von sieben sind sauber

Auch Samsung ist alles andere als ein Vorbild. Die brasilianische Regierung verklagte den Konzern im August wegen der Zustände in einer Fertigungsfabrik in Manaus. Die Arbeiter müssen dort 15 Stunden lang arbeiten, 10 davon stehend, lautet der Vorwurf. Auch die Zeitvorgaben sind gnadenlos: Das Handy soll mitsamt Ladegerät, Gebrauchsanweisung und Kopfhörer in nur sechs Sekunden verpackt sein. Immer die gleiche Tätigkeit, 6800 Mal am Tag.

Es geht hier nicht um irgendeine Branche. Das Smartphone steht im Zentrum von digitalisierten Gesellschaften. Mehr als eine Milliarde Stück wurden 2013 verkauft. Ob sich die Branchengrößen von einer kleinen Firma aus Amsterdam zum Umdenken bewegen lassen?

Ihr Name: Fairphone – sie brachte im Herbst ein gleichnamiges Smartphone heraus. Die erste Auflage von 25.000 Stück ist bereits ausverkauft. Das 325 Euro teure Mittelklassemodell läuft auf Android oder alternativ auf Firefox OS. Dabei sollen 22 Euro an Mehrkosten für die faire Produktion anfallen.

Wirklich fair ist das Handy darum aber noch nicht. Nur zwei der verwendeten Metalle – das Tantal in der Lötpaste und das Zinn in den Kondensatoren – sind nachweislich keine Konflikt-Rohstoffe. Regionale Organisationen haben die Rohstoffe aus dem unruhigen Ostkongo zertifiziert. Damit ist sichergestellt, dass sie aus legalen Minen stammen. Der Abbau der restlichen Metalle – Wolfram, Kobalt, Indium, Platin, Chrom – wird nicht kontrolliert, was sich aber nach der zweiten, für 2014 anvisierten Produktionsrunde ändern kann. Fairphone arbeitet mit Max Havelaar Netherlands zusammen. Die Stiftung vergibt in den Niederlanden das Fairtrade-Siegel für Gold.

Cornelia Heydenreich, bei der Entwicklungs- und Umweltorganisation Germanwatch zuständig für Unternehmensverantwortung, schätzt die Initiative von Fairphone so ein: „Bei Tantal und Zinn geht es erst einmal nur darum, konfliktfreie Metalle zu beschaffen. Aber es gibt noch viele andere Probleme beim Rohstoffabbau: schlechte Arbeitsbedingungen in den Minen, Kinderarbeit beim Kobalt-Abbau, erzwungene Umsiedlungen, starke Umweltbelastungen.“ Auch für eine faire Endfertigung ist noch nicht gesorgt. Zwar gehen knapp drei Euro pro verkauftem Handy in einen Fonds, der Gehaltsaufbesserungen für Arbeiter finanzieren soll. Aber es fehlen konkrete Aussagen zu Arbeitsstunden und Gesundheitsbedingungen, räumt Heydenreich ein. Die IT-Produktion hantiere zum Teil mit sehr starken chemischen Substanzen.

Gute Löhne für alle

Immerhin achtet Fairphone auf Ressourcenschonung. Der Akku im Handy kann ausgewechselt werden. Gibt er den Geist auf, muss sich der Nutzer nicht gleich ein neues Smartphone kaufen. Zudem sind zwei SIM-Kartensteckplätze vorgesehen, so dass die Anschaffung eines Zweitgeräts nicht nötig ist. Fairphone will zudem ein Recyclingwerk in Ghana aufbauen. Drei Euro vom Verkaufserlös gehen in dessen Finanzierung.

Wann wird es soweit sein, dass das Fairphone seinem Namen gerecht wird? Heydenreich spricht den komplexen Herstellungsprozess eines Handys an. Ein Smartphone besteht aus über einhundert Einzelteilen. Von denen hat jedes seine eigene Lieferkette. All dies werde nicht so schnell fair werden. Bei Kaffee oder Bananen konnte es schneller gehen. Da handelt es sich nur um einen Rohstoff.

Vielleicht beeinflusst der Ansatz von Fairphone die Hersteller. Diese müssten auch nicht ganz bei Null anfangen. Nokia, Motorola, Apple, Blackberry und andere lassen Zinn schon zertifizieren – von der gleichen Organisation wie Fairphone. Dennoch dürfte ein durch und durch faires Handy noch länger auf sich warten lassen. Wann es soweit ist, hängt nicht allein von den Herstellern ab. Es seien auch gesetzliche Regelungen erforderlich, sagt Heydenreich. Und Verbraucher, die nicht nur nach technischen Details und dem Preis fragen. Die Hersteller hätten dann zu wenig Anreiz, die Umwelt- und Sozialstandards grundlegend zu verbessern.

Eine spürbare Verteuerung durch fairen Handel müsse nicht befürchtet werden. Bei der Mehrheit der Hersteller sei die genaue Preiskalkulation für Außenstehende zwar schwierig nachzuvollziehen, aber für Apple gebe es Zahlen, nach denen die Arbeitskosten am iPhone 5s nur 1,2 Prozent des Verkaufspreises betragen. In diesem Fall würden selbst verdreifachte Löhne kaum ins Gewicht fallen.

Konsumenten können sich an den Nachhaltigkeits-Listen der Mobilfunkbetreiber orientieren. Vodafone gibt ein „Eco Rating“ heraus. 200 Kriterien fließen in die Bewertung ein, vom ökologischen Fußabdruck bis zu den Arbeitsbedingungen in der Fabrik. Vodafone selbst erhebt die Daten aber nicht. Sie stammen von den Geräte-Herstellern. Genauer: von denen, die mitmachen. Apple ist nicht dabei. Der Konzern verfasst lieber eigene Berichte.

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Fair oder unfair?

Relativ unabhängige Einschätzungen geben die Ranglisten von Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen.

Greenpeace bringt ein Umwelt-Ranking von IT-Firmen heraus. Der „Guide to Greener Electronics“ bewertet die Herstellung von Handys und Computern. Es geht um Treibhausgasemissionen, gefährliche Substanzen und das Recycling. Die Bewertungen reichen von 0 bis 10. Momentan (Stand: November 2012) liegt Wipro, ein Dienstleister aus Indien, mit 7,1 Punkten vorne. Der erste Smartphone-Hersteller folgt auf Rang drei: Nokia mit 5,4 Punkten. Apple erreicht 4,5 Punkte (Rang sechs) und Samsung 4.2 Punkte (Rang sieben).
www.greenpeace.org/international/en/campaigns/climate-change/cool-it/Campaign-analysis/Guide-to-Greener-Electronics/

Ethical Consumer aus Großbritannien nahm sich 2010 die ökologischen und sozialen Umstände der Handy-Herstellung vor. 14 Marken bewertete der „Ethical Shopping Guide“. 20 Punkte entsprachen dem Ideal. iPhones erhielten 6 Punkte, die Geräte von Samsung 5,5 Punkte. Die Verbraucherorganisation stellt eine Online-Eingabemaske bereit. Hier kann der Nutzer die Einzelkriterien stärker oder schwächer gewichten. Sind ihm etwa die Rechte der Arbeiter besonders wichtig, schiebt er den Regler bei „People“ weit nach rechts. Zuerst muss er sich aber registrieren.
www.ethicalconsumer.org/buyersguides/phonebroadband/mobilephones.aspx

Enough Project, eine US-Organisation, bewertete vor drei Jahren 21 Hersteller nach den aus dem Kongo stammenden Rohstoffen, die sie in ihren Geräten verwenden. Genauer: nach den erzielten Fortschritten im Zusammenhang mit der Konfliktfreiheit. Motorola und Nokia rangieren in dieser Rangliste weit vor Apple und Samsung.
www.enoughproject.org/publications/getting-conflict-free

 

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