FOTOGRAFIE: Übrig bleiben Ruinen

Eingeschlagene Fensterscheiben, rostiges Metall, beschmierte Wände … „De Cadence“ heißt Patrick Galbats neueste Ausstellung. Thema: Die „Terres Rouges“ im Süden des Landes.

Von vergangenen Tagen und dem Umgang mit unserer Vergangenheit …

Als 1997 der letzte Hochofen außer Betrieb genommen wurde, war das wie die Unterschrift unter ein längst fertiggestelltes Dokument. Es war der Moment, in dem Jahrzehnte Luxemburger Geschichte begraben wurden. Das „Land der roten Erde“, Land der Minen und der Stahlindustrie, hatte seinen Dienst geleistet. Die Stelle der Industriegesellschaft nahm, zumindest in Luxemburg, die Dienstleistungsgesellschaft ein. An die Stelle der Fabrikhallen traten Glaspaläste, Kirchberg an die der „Terres Rouges“.

Patrick Galbats, Jahrgang 1978, ist mit Leib und Seele Fotograf. Nach seinem Abschluss am hauptstädtischen „Arts et Métiers“ absolvierte er die „Ecole supérieure de l’image“ in Brüssel. Auf seine erste Ausstellung mit Fotos aus dem Gefängnis in Schrassig im Jahr 2002 folgte fast im Jahrestakt eine neue. Hervorzuheben ist hier vor allem die Ausstellung „Peuple européen, peuple étranger ? Le Luxembourg et les Roms“ im „Musée national de la Résistance“ im Jahr 2012. Galbats arbeitet zur Zeit hauptberuflich für die Wochenzeitung „Lëtzebuerger Land“ und ist nebenbei als selbstständiger Fotoreporter tätig.

Ein hoch aufragendes Fabrikgebäude, die Mauern rot wie die Erde, ein Klotz in der Landschaft, irgendwie fehl am Platz. Ein rostiger Schornstein, eingeschlagene Fensterscheiben bis hoch zum Dach. Graffiti an den Mauern.

Rostige Stahlträger, die eine Art Galerie tragen. Dachfenster, durch die Tageslicht in den Raum dringt. Zwischen den Stahlträgern ein Becken, voll mit altem Gerümpel, mit Kabeln und Bierdosen und verdreckter Erde. Dahinter eingeschlagene Milchglasscheiben. Überall Rost, Ruß und Schmutz.

Bilder, die vom Ende eines Zeitalters berichten und die aufzeigen, wie der Übergang von der industriellen zur post-industriellen Gesellschaft stattgefunden hat – nämlich gar nicht. Die Mehrheit der Industriegebäude der „Terres Rouges“ verfallen. Vergessen die harte Arbeit, die hier geleistet wurde, vergessen der Schweiß, der hier geflossen ist, vergessen die Kämpfe, die hier ihren Austragungsort hatten. Das „No man’s land“ im Dreiländereck zwischen Frankreich, Belgien und Luxemburg ist heute nur noch Abenteuerspielplatz für Kinder, die den Tag nicht vor der Konsole verbringen, oder für Jugendliche, die an ihren Graffiti- und Steinwurfkünsten arbeiten wollen. Davon zeugen eingeschlagene Fensterscheiben, Tags und leere Bierflaschen. Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass an diesen Orten Tausende Menschen Tag für Tag hart für ihr Brot arbeiteten. Und doch: Steht man vor Galbats Fotos, kann man all das sehen. In seinen Bildern liegen die vergangenen Tage, werden in gewisser Weise wieder lebendig. Man kann sich vorstellen, wie hier gebrüllt und gehämmert wurde und vermeint, den ohrenbetäubenden Lärm des Gießereigeschehens zu hören. Doch schon kurz darauf holt einen die Realität in Form eines lieblos an die Wand gesprayten Tags ein: Übrig bleiben Ruinen, für die sich niemand so recht interessieren will.

„De Cadence“ berichtet von vergangenen Tagen und vom Umgang mit unserer eigenen Vergangenheit. Sehenswert!

Bis zum 21. Juni im Centre d’art Dominique Lang in Düdelingen.


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