IMRE KERTESZ: Der Holocaust als Welterfahrung

Der ungarische Literaturnobelpreisträger Imre Kertész denkt in seinem jüngsten Buch über „Die exilierte Sprache“ nach.

Am Anfang war das Verstummen der Gegenwart, das Schweigen der Erinnerung und die ungeheure Überwältigung durch das Nichts. Das war bei seinem ersten Besuch in Weimar 1962, als Kertész das in unmittelbarer Nähe von Goethes Wirkungsstätte gelegene Konzentrationslager Buchenwald besuchte. Zwar fand er den geografischen Ort seiner Leidenserfahrung, nicht aber den Ort seiner Erinnerung. In seinem 1998 erschienenen Buch „Der Spurensucher“ hat er diesen für sein späteres Lebenswerk wegweisenden Einbruch ausdrücklich beschrieben. Die Reise nach Buchenwald stand unter dem Vorzeichen des „Fehlers, zu glauben, die Vergangenheit sei wieder belebbar (…). Ich bin als Fremder über fremde Schauplätze geirrt, habe weder draußen etwas gefunden noch innen etwas gefühlt. Da begriff ich, was man gemeinhin als Vergangenheit bezeichnet und wie teuer mir das war, was mir durch sie verlorenzugehen drohte. Ich verstand, wenn ich gegen mein vergängliches Ich und die ständige Wandelbarkeit der Schauplätze ankämpfen wollte, mußte ich mir, mich auf mein schöpferisches Gedächtnis verlassend, alles von neuem erschaffen“.

Der Entschluss, Schriftsteller zu werden, seine Erfahrungen als Fünfzehnjähriger in Auschwitz und Buchenwald literarisch aufzuarbeiten, zwang Imre Kertész im volksdemokratischen Ungarn zu einer Außenseiterexistenz. Er hält sich mit Übersetzungsarbeiten frei von den Verpflichtungen des offiziellen Kulturbetriebs, der von Auschwitz nichts wissen will. Und er arbeitet zwölf Jahre lang an seinem „Roman eines Schicksallosen“, zurückgezogen in einer wenige Quadratmeter kleinen Wohnung, in der „inneren Emigration“, wie Kertész sein Dasein benennt. In diesem Buch ertastet sich ein Knabe mit dem erstaunten Blick eines Fünfzehnjährigen pointiert, aber klaglos diese neue, unheile Welt der Konzentrationslager, in die er nun geworfen ist. Mit einem aschentrockenen, schwarzen Humor, der den ungarischen Kulturbeauftragten sauer aufstieg.

„Künstlerische Gestaltung nicht gelungen“

Nach der Schilderung seiner Leidensstationen in Auschwitz und Buchenwald lässt Kertész seine autobiografisch ausgeformte Figur Köves den Blick über das Arbeitslager Zeitz schweifen: „Im übrigen habe ich gleich gesehen, dass ich dieses Mal nur in ein so kleines armseliges, abgelegenes, sozusagen in ein Provinz-Konzentrationslager gekommen war. Ein Bad oder gar ein Krematorium – offenbar nur Bestandteile von wichtigeren Konzentrationslagern – hätte ich hier vergeblich gesucht.“ Die Verlagslektoren, die Kertész 1973 sein Manuskript zurückschickten, das seinen späteren Weltruhm mitbegründen sollte, stießen sich wahrscheinlich an eben solchen Passagen. Kertész hat den Ablehnungsbescheid – das Buch erschien dann doch zwei Jahre später in Budapest – in seinem zweiten Buch „Fiasko“ genussvoll zitiert. „Wir meinen“, heißt es dort, „dass die künstlerische Gestaltung ihres Erlebnismaterials nicht gelungen ist, das Thema aber grauenhaft und erschütternd ist. Dass der Rahmen für den Leser dennoch nicht zu einem erschütternden Erlebnis wird, liegt an erster Linie an den, milde ausgedrückt, merkwürdigen Reaktionen Ihres Helden.“

„Fiasko“ ist eine spiralenförmig angelegte Geschichte über einen Schriftsteller unter realsozialistischen Lebens- und Schreibbedingungen. Das Buch wurde vordergründig als kritische Darstellung eines Kulturbetriebs aufgefasst, der zwischen demütiger Unterwerfung unter die Erwartungen der Parteimächtigen und fruchtlosem Aufbegehren changiert. Die ruinösen Stadtlandschaften, die groteske Willkür von Beamten und anderen subalternen Mitläufern, die stete und atemschnürende Atmosphäre von Angst, die Kertész hier entfaltet, gemahnen an Kafkas hyperrealistische Beschreibungen des Absurden. Doch den meisten RezensentInnen entging die optimistische Note, die darin bestand, dass der Protagonist des Romans am Ende zu seinen Anfängen und damit zu sich selber findet. Im Sommer 1981, die Arbeiten am „Fiasko“ sollten sich noch sechs lange und einsame Jahre hinziehen, notierte Kertész in sein Galeerentagebuch: „Die individuelle Aufgabe lässt sich hier wie überall sonst erfüllen – das ist das Verfahren, die Romanwelt von ‚Fiasko'“.

„Regression in die Pubertät“

Kertész’s Literatur, die im Westen erst nach dem Zusammenbruch des Ostblocks bekannt wurde, behandelt die Gegensätze zwischen Kosmopolitismus und Nationalismus, Totalitarismus und offener Gesellschaft, Individuum und Masse, Gewalt und Kultur. Im vergangenen Herbst erhielt er den Nobelpreis für Literatur, und in seiner Begründung unterstreicht das Stockholmer Komitee: „Für Kertész stellt Auschwitz kein Ausnahmeereignis dar, das wie ein Fremdkörper außerhalb der normalen Geschichte Westeuropas existiert. Es ist die ultimative Wahrheit über die Erniedrigung des Menschen in der Moderne.“ Kertész’s jüngstes Buch „Die exilierte Sprache“ ist eine Essaysammlung, die Summe seiner bisherigen Themen und eine intellektuelle Bilanz des zwanzigsten Jahrhunderts. Der heimat- und wurzellose Einzelgänger ist nach der kurzen Euphorie, die die Selbstbestimmung Ungarns und Osteuropas begleitete, abgeklärter geworden, ein Kulturpessimist, der dennoch die Hoffnung nicht aufgeben will, dass es doch anders sein könnte, als es ist.

In dem Essay „Der überflüssige Intellektuelle“ stellt er ernüchtert ein Wiederaufleben fremdenfeindlicher und antisemitischer Ressentiments fest, die einhergehen mit dem Wunsch nach autoritären, mitunter sogar totalitären Regimen. Demgegenüber hält Kertész fest: „Zweifellos hat der Mensch im Bürgertum und in der Bürgerlichkeit sein Erwachsenenalter erreicht (…). Gegenüber der bürgerlichen ist jede diktatorische und autarke Form von Herrschaft sowie jede andere Form von Massenherrschaft eine Regression in die Pubertät, ins Urmenschentum.“ Aber politisch, so fügt er resigniert hinzu, sei die Welt „unfassbar und unformbar geworden, einfach weil die politischen Begriffe chaotisch geworden sind (….). Was man Kultur nennt, also die universale Kreativität einer größeren Gemeinschaft und des Menschen Streben, dass er ein besserer und vollkommener Mensch werde, dies alles scheint heute nicht mehr vorhanden zu sein.“ In diesen verdrießlichen bis gefährlichen Zeiten von Politik- und Geschichtslosigkeit könne es nicht schaden, so Kertész, zu verstehen, „dass Europa nicht nur gemeinsamer Markt und Zollunion, sondern auch gemeinsamer Geist und Mentalität bedeutet. Und die an diesem Geist teilhaben wollen, müssen neben vielem anderen auch durch die Feuerprobe der moralisch-existenziellen Auseinandersetzung mit dem Holocaust gehen.“


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