BELGIEN: Gieriger Löwe

Und noch eine Wahl: Am 25. Mai wird in Belgien über ein neues Parlament abgestimmt. Großer Favorit sind die flämischen Nationalisten, die das Land in eine Konföderation umbauen wollen. Und dann ist da noch die Sache mit der Unabhängigkeit.

Hält die Zeit für reif zur Regierungsübernahme: Bart De Wever, Parteivorsitzender der N-VA.

Am Schluss steht das Glaubensbekenntnis. Als alle Reden gehalten sind, erhebt sich das gesamte Auditorium, knapp 1.300 Menschen auf drei Etagen. Rücken werden durchgedrückt, rechte Hände legen sich, schwer von Pathos, auf Brustkörbe, und dann dröhnt es durch das Konzertgebäude, als gelte es das Leben. „Sie werden ihn nicht zähmen, den stolzen flämischen Löwen, solange er kratzen kann, solange er Zähne hat, solange ein Flame lebt.“ Eine Kampfansage, zweifellos: die „Neu- Flämische Allianz“ ist bereit.

Es ist ein Sonntag Ende April. In aller Frühe haben sich Mitglieder und Anhänger der größten Partei Flanderns auf den Weg gemacht, aus allen Ecken der Region, die sie so gern als unabhängigen Staat sähen. Im „wunderschönen Brügge“, hieß es auf der Einladung, läutet die N-VA die heiße Phase ein, die Kampagne für das, was in Belgien als „Mutter aller Wahlen“ bekannt ist. Zeitgleich mit dem europäischen wird auch das belgische Parlament gewählt, und die N-VA wäre nicht die N-VA, hätte sie nicht ein vollmundiges Ziel ausgegeben: Belgien soll eine Konföderation werden, bestehend aus starken Regionen mit maximalen Befugnissen.

Um dieses Ziel herum hat man ein Wahlprogramm namens „Plan V“ gebastelt, was sich auf niederländisch mit „Plan B“ reimt und natürlich für Vlaanderen steht, aber auch für das Victory-Zeichen, das die Kandidaten auf den Wahlplakaten formen. Schon früh am Morgen auf der Autobahn Richtung Brügge konnte man das Symbol auf zahlreichen PKW sehen. Ganz zu schweigen vom Konzertgebäude, wo das V allgegenwärtig ist.

Anlass zum Optimismus gibt es genug: Keine Umfrage, die der Partei nicht einen Erdrutschsieg vorhersagt, deutlicher noch als der von 2010. Nur auf dem offiziellen Plakat zeigt ein kleines Mädchen mit Zahnlücke das V. Seht her, sagt das Bild, wir sind nicht radikal wie der Vlaams Belang. Wir sind die freundlichen Nationalisten von nebenan, wir haben für jeden etwas im Angebot. „Die einzige Volkspartei Flanderns“, nannte der stellvertretende flämische Ministerpräsident Geert Bourgeois die N-VA zur Eröffnung.

Das Wahlprogramm präsentiert daher gefühligen Konservatismus: höhere Mindestrente und mehr Sozialhilfe für die, die wirklich nicht arbeiten können. Es bietet aber auch das Lob der freien Marktwirtschaft: weniger Lohnkosten und Entkoppelung von Lohnentwicklung und Preisniveau. Als Zugabe verspricht der Katalog die „beste Bildung der Welt“, und zwar für alle Kinder, egal ob in Flandern geboren oder nicht. Und natürlich muss auch eine Prise Vlaams
Belang noch sein: Nicht-flämische Gefängnisinsassen sollen abgeschoben werden.

Unter Bart De Wever wuchs die N-VA binnen zehn Jahren zur stärksten Partei des Landes.

Je näher der Inhalt dem Kerngeschäft kommt, dem latenten Zwist der belgischen Sprachgruppen, desto lauter wird geklatscht und gejohlt. Etwa, als Jan Jambon sagt: „Den Flamen ist nicht gedient mit einer weiteren Staatsreform!“ Der Fraktionsvorsitzende spielt auf einen Prozess an, der den früheren Zentralstaat Belgien seit einem halben Jahrhundert tiefgreifend verändert hat. Erst 2012 wurden erneut einige Befugnisse an die Regionen Wallonien, Flandern und Brüssel übertragen ? auf Druck aus dem wohlhabenden Flandern, von dessen Transferzahlungen das frankophone Belgien abhängig ist. Doch der Löwe hat noch immer Hunger: Nach sechs Runden Regionalisierung, findet die N-VA, ist die Zeit reif für eine Konföderation.

Und nach anderthalb Stunden Vorspiel betritt in Brügge endlich der flämische Messias die Bühne. Spitzenkandidat Bart De Wever, in blauem Hemd, dunklem Anzug und natürlich gelber Krawatte. Unter ihm wuchs die N-VA binnen zehn Jahren von einer Splitter- zur stärksten Partei des Landes. Ein Mann, dem so Einiges zuzutrauen ist: Einst schwer übergewichtig, nahm der 43-Jährige mehr als 50 Kilogramm ab. Entschlossen greift er mit beiden Händen das Pult, als sei es ein Steuer, und die Anhänger lassen sich nur zu gerne von ihm kutschieren. Mehr als 99 Prozent der Delegierten bestätigten ihn 2011 als Vorsitzenden.

De Wever, seit 2013 auch Bürgermeister von Antwerpen, weiß, welche Knöpfe er zu drücken hat. „Jetzt oder nie“, schärft er dem Publikum ein. „Die Wirtschaftsreformen werden schmerzhaft, doch: „die N-VA lässt niemanden im Stich“. Schließlich kündigt er an, man wolle den Flamen die Politik geben, für die sie gestimmt hätten. Eine klare Ansage: Die N-VA strebt an die Regierung, nachdem sie 2010 trotz eines Erdrutschsiegs in der Opposition landete. Der Applaus nach seiner Rede ? ist das nur euphorisch oder schon entrückt?

„Einer wie Bart De Wever wird nur alle 100 Jahre geboren“, sagt Rogier Bellemans. „Weil er ehrlich ist, die Dinge benennen kann, und sie auch für Nicht-Intellektuelle verständlich macht.“ Bellemans, seit Jahren ein regelmäßiger Besucher von Parteikongressen, hat fünf Stunden Fahrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich genommen, und allein schon für De Wevers Rede hat es sich gelohnt, findet der Rentner. Er und seine Frau Rita Peels tragen identische gelbe Jacken, die Farbe Flanderns und der N-VA. Zufall ist das wohl nicht? „Nein, heute ist das ein Statement“, versichern sie.

Es ist früher Nachmittag, als sich die Kongressteilnehmer in Bewegung setzen. Brauereibesichtigung, Fahrradtouren, Restaurantbesuche ? der soziale, familiäre Faktor spielt eine große Rolle, bei belgischen Parteien allgemein, bei der N-VA ganz besonders. Die Gruppe um Rogier Bellemans und Rita Peels lässt sich von einem ortskundigen Parteimitglied das Zentrum Brügges zeigen. Wie aber steht es nun eigentlich um das unabhängige Flandern? Hat die Partei diese Forderung inzwischen aufgegeben? „In unseren Statuten steht klar, dass dies das Ziel ist“, so Bellemans. „Doch weil das noch nicht mehrheitsfähig ist, ist der Konföderalismus ein Zwischenschritt.“

Mit dieser Meinung steht er nicht alleine. Unter den Spaziergängern befindet sich ein elegantes älteres Paar aus Halle im Brüsseler Umland. Der Mann heißt Remi Ots und trägt einen gelben Regenschirm, schließlich geht es hier um Identitätspolitik. Ist auch er für ein unabhängiges Flandern? „Absolut“, sagt er entschlossen. Seine Frau, Magda de Vogelier, ergänzt: „Jedes Volk hat dieses Recht. Wir wollen ein Europa der Völker.“ Und wie war das mit der flämischen Hymne am Morgen: singen sie auch die belgische mit derartigem Verve? „Nein“, sagt die Frau bestimmt. „Die wurde uns aufgezwungen, in französisch.“

Zur Gruppe gehört auch der große, rundliche Berner Sennenhund des Ausflugsleiters. Geduldig folgt er seinem Herrchen über das berühmte Kopfsteinpflaster, wo an diesem Sonntagmittag Tausende Touristen spazieren. Die streitbaren Flamen lauschen unterdessen Geschichten über Klöster, Kirchen und Krankenhäuser. Der Hund heißt tatsächlich „Fidel“ ? ist das nicht bemerkenswert für die Anhänger einer konservativen, nationalistischen Partei? Die Umstehenden finden den Namen durchaus passend. „Wir sind progressiv, wir wollen doch etwas Neues, Revolutionäres.?

Fidel selbst kann sich für diese Debatte vorerst wenig erwärmen, denn ihm kommen ganz andere Bedürfnisse. Dass just heute ein gelbes N-VA- T-Shirt um seinen massigen Leib spannt, kann daran auch nichts ändern. Der Hund hebt das Bein. Sein Herrchen sieht das Unheil kommen. „Nicht hier, Fidel“, ruft er aufgebracht, doch es ist zu spät. Ungerührt nässt Fidel das flämische Gelb ein. Doch niemand hier sieht darin mehr als einen Kollateralschaden auf dem Weg zur Unabhängigkeit.

Tobias Müller berichtet für die woxx aus Belgien und den Niederlanden.


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