INSTALLATION: Menschenwerk

Wie ein Ufo wirkt das „Bernsteinzimmer“ des Installationskünstlers István Csákány, eine aus Holz gefertigte Heimwerkstatt, die eindrucksvoll den menschlichen Schaffensprozess widerspiegelt.

Back to the wood! Csákánys begehbare Heimwerkstatt aus Holz will nicht blenden, sondern aufs Wesentliche verweisen.

In fast allen Arbeiten Csákánys steht der Mensch im Mittelpunkt eines ein Werk erzeugenden Prozesses und ist dennoch meist abwesend. Dass der-ungarisch-rumänische Installationskünstler auch mit seinem „Bernsteinzimmer“ auf die Bedeutung des sich im Kollektiv vollziehenden handwerklichen Kunstprozesses abstellt, wird allerdings erst deutlich, wenn man sein Bernsteinzimmer im Kontext anderer von ihm geschaffener Installationen betrachtet. Seine ebenfalls ganz aus Holz geschnitzte Näherei „The Sewing Room“, die er vor zwei Jahren im Kulturbahnhof in Kassel im Rahmen der 13. documenta präsentierte, verdeutlicht diesen Fokus auf den kollektiven Schaffensprozess noch stärker. Die verwaist wirkende Nähwerkstatt gleicht einem Blick hinter die Fassaden der Modewelt. Die Anordnung der sorgsam geschnitzten Gegenstände erscheint eingefroren, als wäre die Zeit irgendwann stehengeblieben. Alles ist noch immer so, wie es war, als der Betrieb eingestellt wurde. So wirken die Spuren wie eine lautlose Anspielung auf das Industriezeitalter und stehen zugleich für Näherei-Werkstätten überall auf der Welt.

Csákánys im Mudam zurzeit aufgebautes, aus Holz gefertigtes „Bernsteinzimmer“ wirkt in dem tiefblauen Raum des Museums dagegen wie eine Zeitkapsel. Losgelöst von seinem eigenen Raum und seiner Zeit hat der Besucher Einblick in eine fremde Welt. Beim Betreten der hölzernen Installation, eines Raums, in dem sich detailgetreu geschnitzte Werkzeuge wie in einer Heimwerkstatt unordentlich stapeln, stellt sich ein ähnlicher Eindruck ein wie beim Blick auf Csákánys Näherei: es wirkt, als wäre die Zeit stehengeblieben. Der Künstler bezieht sich mit seiner hölzernen Rekonstitution explizit auf die Werkstatt seines Vaters – der Innenraum spiegelt denn auch die Werktätigkeit seines Vaters wider. Der natürliche Werkstoff Holz, aus dem der Raum gefertigt ist, verstärkt noch zusätzlich den Werkstattbezug, wie auch die Aura des Erlebten durch den Naturbezug des Werkstoffes intensiviert wird. Zugleich bezieht sich Csákány mit seiner hölzernen Werkstatt auf das mythenumwobene Bernsteinzimmer, eine im Auftrag des ersten Preußenkönigs Friedrich I. geschaffene Sammlung von Wandverkleidungen aus Bernsteinelementen, die ursprünglich im Berliner Stadtschloss installiert war. 1716 machte der preußische König Friedrich Wilhelm I. sie dem russischen Zaren Peter dem Großen zum Geschenk. Fast zwei Jahrhunderte lang befand sich das Bernsteinzimmer im Katharinenpalast in Zarskoje Selo bei Sankt Petersburg, ab 1942 war es im Königsberger Schloss ausgestellt und ist seit Ende des Zweiten Weltkrieges verschollen. Über seinen Verbleib kursiert eine unüberschaubare Fülle an Spekulationen. So werden in Literatur und Film hunderte Orte benannt, wo es verborgen sein soll; andere Gerüchte besagen, es sei längst verbrannt.

Für Csákány ist das Bernsteinzimmer vor allem das perfekte Ergebnis einer fruchtbaren Zusammenarbeit von heute in Vergessenheit geratenen Bernsteinschnitzern mit dem Architekten Andreas Schlüter. Das Bernsteinzimmer des Installations-Künstlers kann so als archaische Chiffre für die Suche nach dem Verlorenen gelten. Zugleich gelingt es dem Künstler mit seiner ständigen (Selbst-)Reflexion über Kunst und Kunstproduktion in seinen Werken den Betrachter zum Nachdenken darüber zu bringen, wer hinter einem Kunstwerk, das wie das Bernsteinzimmer ein Eigenleben entwickelt, steht; und er weist immer leise darauf hin, dass selbst prunkvolle Kunstwerke wie das sagenumwobene Bernsteinzimmer von Menschenhand geschaffen sind.

Bis zum 8. Februar 2015 im Mudam.


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