KEN LOACH: Ode an das Proletariat

Der letzte Loach-Film? Hoffentlich nicht! Jimmy’s Hall ist ein wenig politisches, doch bewegendes Porträt des irischen Kommunisten Jimmy Gralton und ein klassisches Sozialdrama à la Loach.

Planen nicht die Revolution, sondern wollen nur ihre Tanzhalle verteidigen.

Ein erzkatholischer Pfaffe und Reaktionäre, die die Moralkeule schwingen, um eine Tanzhalle zu verbieten und im Mittelpunkt ein herzensguter Kommunist, der mit Jazztanz- und Musikstunden Lebensfreude in ein einfaches irisches Arbeiterdorf bringt – das dürfte unter Linken funktionieren und die Herzen höher schlagen lassen, gerade in Luxemburg. Und man darf getrost sagen: zu Recht! Denn Ken Loach, bekannt für seine britischen Sozialdramen hat mit „Jimmy’s Hall“ einmal mehr einen empathischen Film gedreht, in dem er die Zeit zurückdreht und mit dem Kommunisten James Gralton, dem einzigen Iren, der je aus seinem Land ausgewiesen wurde, einen Helden wiederaufleben lässt, dessen einziger Fehler es war, eine Tanzhalle zu bauen. Zumindest nach Aussage des Films, in dem der politische Aktivismus seines Helden zwar angerissen wird, aber keine große Rolle spielt. James Gralton, emigrierte 1909 in die USA, kehrte zweimal nach Irland zurück, einmal um im irischen Unabhängigkeitskrieg (1919-1921) zu kämpfen, und danach 1932 in sein Dorf in der Grafschaft Leitrim, um sich um seine Mutter zu kümmern und wirkte in der Arbeiterpartei Leitrims, einer Vorgänger-Organisation der Kommunistischen Arbeiterpartei Irlands. In der örtlichen Tanzhalle in Effrinagh soll Gralton neben Tanz- und Musikstunden auch politische Veranstaltungen organisiert haben, auf denen er Vorträge hielt. Freilich ist seine Einrichtung auf erbitterten Widerstand der katholischen Kirche gestoßen. Im Februar 1933 wurde Gralton festgenommen und unter Protesten irischer Republikaner als „Ausländer“ in die USA abgeschoben.

In Loachs Filmadaptation ist Jimmy Gralton (Barry Ward) vor allem ein charismatischer Mensch, der in Frieden leben will. Wäre da nicht der erzkatholische Pater Sheridan (Jim Norton), der von seiner Kanzel vor den „unzivilisierten Rhythmen aus dem schwärzesten Afrika“ warnt, Jimmy als ketzerischen Kommunisten diffamiert und sogar die Namen derjenigen DorfbewohnerInnen verliest, die dessen Tanzhalle besuchen; dem Filmhelden selbst haftet kaum etwas Subversives an. Doch ein friedliches Leben im Dorf wird ihm durch den Einfluss der katholischen Kirche und die rechten Kräfte im Land verwehrt. Das alte Gut-Böse-Schema der Linken funktioniert hier nur bedingt, zwar sind die Katholiken die „Bösen“, doch kommt die subversive Jazz-Musik aus „den bösen“ Vereinigten Staaten von Amerika, das Land, das als Zufluchtsort für Jimmy letztlich doch als Chiffre für Freiheit steht.

Trotzig wehrt sich Loach gegen die Verdrängung des Autorenfilms durch Blockbuster und setzt der glamourösen Filmwelt seine neue Produktion in schon fast altmodisch anmutender Machart entgegen. Auf technischen Fortschritt, den Trend immer modernerer digitaler Produktionsmethoden und Klimm-Bim-Effekten wie etwa 3D, verzichtet Loach bewusst, indem er „Jimmy’s Hall“ nach alter Manier in 35mm gedreht hat. Einstiegs- und Endeinstellung sind in Schwarz-Weiß gehalten; die letzte Szene friert er einfach ein und lässt sie als Postkartentableau stehen.

So bleibt sich der 77-jährige Loach ganz und gar treu, auch insofern, als dass „Jimmy’s Hall“ ein für ihn geradezu archetypisches Sozialdrama ist, in dem er seine Figuren empathisch, witzig und herzlich zeichnet. Jimmy ist ein tragischer Held, ein echter Loach-Held der Arbeiterklasse: warmherzig und voller Lebensfreude und Gerechtigkeitsempfinden. Damit hat Loach seinem Filmgenre, ob gewollt oder nicht, ein Denkmal gesetzt.

Im Utopia


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