ZEITGENÖSSISCHER TANZ: „Ich glaube, dass Tanz Brücken bauen kann.“

Im Gespräch mit der woxx erzählt der künstlerische Leiter der Contemporary Kibbutz Dance Company, Rami Be’er, warum er mit seinem Stück Raum für Interpretationen schafft und warum Moderner Tanz Hürden überwindet …

Virtuos: Die Kibbutz Contemporary Dance Company. (Foto: Uri Nevo)

woxx: Ist es das erste Mal, dass die Kibbutz Contemporary Dance Company in Luxemburg auftritt?

Rami Be’er: Ja, es ist das erste Mal, dass ich mit der Kompanie hier bin, und ich bin froh, die Möglichkeit zu haben, hier das Stück „If at All“ zu zeigen.

Worauf spielt der Titel „If at All“ an? Worum geht es in dem Stück?

„If at All“ ist ein offener Titel. Der zeitgenössische Tanz, den wir auf der Bühne mit unserem Stück zeigen, hat unsere ganze Existenz zum Thema – als Individuen, als Paare in Beziehungen, in einer Gruppe und als Individuum in der Gesellschaft. Diese verschiedenen Kreise und Überschneidungen machen eigentlich das Stück aus. Ich erzähle keine lineare Geschichte wie im Ballett, wo du eine Broschüre öffnest und dann die Figuren und die Handlung erkennst. Ich gebe eine Option, wie jeder einzelne Besucher sich darin selbst erkennen und seine Geschichte darin sehen kann – mit seinen eigenen Erinnerungen und Assoziationen. Natürlich habe ich meine Gründe, wieso ich das eine oder andere Motiv auswähle, aber was ich mir wünsche, ist, diesen starren Rahmen zu verlassen, um den Zuschauern die Möglichkeit einer individuellen Interpretation zu geben. Und dann werden zwei Menschen, die nebeneinander sitzen, vielleicht ganz unterschiedliche Dinge sehen. Das finde ich absolut legitim, weil ich den Zuschauer auf eine Reise einlade. Er kommt ins Theater, sieht, wie das Licht ausgeht und der Vorhang sich öffnet, und ab einem gewissen Moment lasse ich ihn mit sich selbst. Vielleicht wird er sich, wenn das Licht wieder angeht, Fragen stellen. Es geht also nicht um richtig oder falsch. Es geht um die Freiheit, die du als Zuschauer hast, in Deine eigene Welt einzutauchen.

Nimmt das Stück Bezug auf den Holocaust, spielt es auf Politik an?

Ich nehme Bezug auf die Vergangenheit und auf die Gegenwart. Es ist ein Stück, das durch seinen Soundtrack und das Geschehen auf der Bühne Bezüge herstellt zu sozialen und politischen Geschehnissen. Nochmal: nicht als Meinung, sondern als Möglichkeit, Assoziationen zu wecken.

Ist die Choreografie „If at All“ also hoffnungsvoll?

Ja. Ich glaube, dass selbst mit all der Gewalt, die es in der Welt gibt, Menschen die Wahl haben, zwischen richtig und falsch zu unterscheiden, dass sie die Wahl zwischen vielen Möglichkeiten haben. Und dass Menschen die Möglichkeit haben, das Gute zu wählen und nicht das Schlechte, einen positiven Weg gehen können.

Wie viel TänzerInnen performen auf der Bühne?

Es ist bei jedem Stück anders, aber meistens sind es zwischen 16 und 18. Es hängt von der Performance ab.

Inwiefern stehst du in der Tradition der Gründerin der Kompanie Yehudit Arnon, die ja den Holocaust in Europa überlebt hat und im Kibbutz Ga’aton seinerzeit eure Tanzkompanie aufgebaut hat?

Sie war meine erste Lehrerin und sie hat mein Talent und meine Fähigkeit anerkannt und mir beigebracht, wie man eine Gruppe leitet, und natürlich hat sie mich sehr stark beeinflusst; ich hab sie sehr geschätzt und geliebt. Natürlich hat mich auch ihre Wahrnehmung beeinflusst. Ich habe jedoch in den letzten Jahren meinen Tanzstil, meine Sprache weiterentwickelt. Aber ihr Einfluss wird immer in meiner „DNA“ bleiben – wenn ich das so sagen darf.

Hat die Tanzkompanie angesichts des zunehmenden Antisemitismus in Europa keine Sorge, in diesen Tagen in Luxemburg und Deutschland aufzutreten?

Das ist etwas, was es gibt, und es ist nicht Neues: Rassismus und Antisemitismus. Ich glaube aber daran, dass wir durch die Kunst einen Dialog und Kommunikation schaffen können. Ohne viele Worte lässt sich im Tanz Kommunikation aufbauen. Tanz ist eine Art Kommunikation zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen, unterschiedlichen Religionen und unterschiedlichen Kulturen zu schaffen. Ich glaube, dass Tanz Brücken bauen kann.

An diesem Sonntag, dem 5. Oktober, um 17h im Kulturzentrum Kinneksbond, Mamer.


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