MODERNE KUNST: Auf in die Moderne

Mit „Solides Fragiles“ zeigt das Mudam die Werke von 12 KünstlerInnen, die durch ihre (Rück-)Besinnung auf Formen die Raumwahrnehmung verändern, erst durch Raumeffekte wirken oder sogar mit der Umgebung verschmelzen.

Wie ein zerkratztes Quadrat von Malewitsch. Laurent Parientes Kaltnadelradierung provoziert durch ihre Oberflächenstruktur.

Kasimir Malewitsch sollte mit seinem „Weißes Quadrat auf weißem Grund“ im Jahr 1918 die Kunstwelt revolutionieren. Was von Kunstkennern seiner Zeit als Affront aufgenommen wurde, bildet im Rückblick den Höhepunkt des Suprematismus, der radikalen Reduktion der Malerei auf geometrische Figuren. Mit seinem weißen und seinem schwarzen Quadrat bereicherte der Russe die Geschichte der Kunst um zwei ihrer radikalsten Werke: Ein neuer Kunststil war(d) geschaffen.

Die Werke der Ausstellung „Solides Fragiles“ erinnern stark an Malewitsch und seinen Aufbruch in die Moderne. Indem sie die gesamte Aufmerksamkeit auf die physische und sinnliche Erfahrung des Betrachters lenken, betonen sie ihre Immaterialität. Die Ausstrahlung der Formen wird spürbar und ihre Fähigkeit, sich mit ihrer jeweiligen Umgebung in Einklang zu bringen.

Raum(aufteilung), Atmosphäre, Licht und Widerspiegelung sind hier nicht einfach nur äußere Faktoren, sondern grundlegend für das Werk und seine Wirkung. Als der Umgebung zugehörige, aktive Elemente offenbaren sie das Werk. „Solides Fragiles“ unterstreicht die inhärenten Charakteristika der Materialien, die in Interaktion mit ihrer Umgebung und den Betrachtern unerwartete, plötzliche Effekte entstehen lassen – wie es auf andere Weise auch die Licht-Skulpturen von Antony McCall tun. Die halbstündige Filmpräsentation des Künstlers, „Line Describing a Cone“ (1973) zeichnet eine Lichtskulptur in den nebelgefällten Raum ihrer Projektion und vereint damit Elemente des sogenannten strukturellen Films mit denen der Minimal Art. Reduziert auf den wesentlichen Bestandteil filmischer Projektion, den Lichtstrahl, werden so die formalen und technischen Rahmenbedingungen des Films und seiner Präsentation zum Inhalt. Oder die optische Vibration der Magnetbänder von Zilvinas Kempinas. Durch speziell für die Ausstellung erstellte, an der Decke hängende Magnet-Bänder, die „Catenaries“ (2014), verbindet der in Litauen geborene und in New York lebende Künstler zwei Säle miteinander, wobei er mit dem in der Mitte liegenden Flur auch einen normalerweise untergeordneten Zwischenraum aktiviert. Die tief in den Raum hängenden dünnen Streifen sind eine Herausforderung für die Wahrnehmung, denn es ergeben sich unerwartete visuelle Effekte, die ein intensiviertes Gewahrwerden des Raums ermöglichen.

Ganz anders wirken die Arbeiten von Berger&Berger, deren Licht-Struktur auf subtile Weise auf Variationen basiert. Sie stehen in einer formalen Beziehung zur Architektur der jeweiligen Orte, lassen die natürliche und künstliche Licht-Umgebung erkennen und verstärken diese. Längst haben sich die Berger-Brüder das Spiel mit dem Licht zu eigen gemacht. Für „Solides Fragiles“ produzierten sie das Werk „From the Sun to the Cloud“ (2014), ein Ensemble von zweihundert Neonröhren, das wie ein Ufo schwebend auf halber Höhe im Raum aufgehängt ist, die Form des Raums aufnimmt und mit den Lichtverhältnissen im großen Saal spielt. Karin Sander setzt hingegen auf Verschmelzung unmittelbar am Trägerort der Kunst – mit „Wall Piece“ hat sie für die Schau einen Teil der Wand solange abgeschliffen, bis er blitzblank war. In weiß-gedämpfter Spiegelung bildet ihr Werk so schemenhaft die Umgebung ab.

Und während Fred Sandback’s mit seinem „Broadway Boogie Woogie“ den Raum mit bunten Drähten und Schnüren neu strukturiert und regelrecht zu stimmen scheint, hat Hreinn Fridfinnsson für ihr Werk „Source“ lediglich einen schlichten Pappkarton mit silbern leuchtendem Innenpapier ausgeschlagen. Einen gelungenen Abschluss bilden die Werke von Laurent Parientes. Der Künstler hat dünne Platten aus Aluminium, Kupfer oder Messing mit einer farbigen Lackschicht bestrichen und dann mit einem üblicherweise für den Kupferstich verwendeten Grabstichel behandelt. Entstanden sind in diesem Prozess große, einfarbige Tableaus mit einem dichten Gewirr feiner geschwungener Kratzer.

Parientes Werk führt ähnlich wie das Sanders zurück zu den Ursprüngen des Suprematismus, und damit zu Malewitschs weißem und schwarzem Quadrat. Letzteres bezeichnete der russische Avantgardist selbst als „Symbol für eine geometrische Ökonomie“. Die soliden und zugleich zerbrechlichen Werke der Ausstellung, die durch ihre Schlichtheit wirken, können so als Hommage an den russischen Meister gelesen werden.

Bis zum 8. Februar 2015 im Mudam.


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