THEATER: Schattenexistenz im China-Imbiss

Stefan Maurers Inszenierung von Roland Schimmelpfennigs „Der goldene Drache“ überzeugt durch leidenschaftliches Schauspiel und rüttelt wach.

Großstadtfeeling: Kraftvolles Schauspiel vor einer unprätentiösen Kulisse.

Linker Hand türmt sich ein Berg überdimensionaler Plastik-Taschen, in der Mitte steht eine schlichte schwarze Theke, rechter Hand baumeln rote Lampions von der Decke und schaffen eine schummrige Atmosphäre. Wir befinden uns im Thai-China-Vietnam-Schnellrestaurant „Der goldene Drache“ – einem x-beliebigen asiatischen Schnellrestaurant, zugeschnitten auf die Erwartungen von Westeuropäern. Die fünf Schauspieler tragen weiße T-Shirts und hämmern kraftvoll auf die Theke. Doch es riecht nicht nach Fett, sondern nach Zedernholz und wenig später nach verlorenen Träumen, meint man.

In rasendem Tempo geht’s los, wird der Zuschauer in die Handlung hineingezogen wie in einen Strudel. Tempo ist hier die Devise, denn die Bestellungen mit den klingenden Namen Doppelgebackenes Rindfleisch Thai-Art – mit Morcheln, Bambus, Zitronengras und Kokosmilch werden heruntergerattert und müssen in Windeseile erledigt werden. In dem Stück des in Deutschland meistgespielten Gegenwartsdramatikers Roland Schimmelpfennig werden die exotischen Speisen zu Wortmusik, die das Stück tragen. Sein Sprechtheater irritiert, denn die Schauspieler schleudern dem Publikum immer wieder Textbrocken an den Kopf, beziehen es ein, provozieren – ein bisschen wie in Brechts epischem Theater. Scharf sind damit nicht nur die Gerichte, die im Akkord in der Küche zubereitet werden, scharf sind auch die Worte, die den Zuschauern um die Ohren fliegen. Vielleicht liegt es daran, dass Schimmelpfennig mit seinen Dramen die Fragen anspricht, die unsere westlichen Gesellschaften alle unmittelbar betreffen und Unbehagen auslösen, dass er uns den Spiegel vorhält. Es geht um Ausbeutung und um die Schatten-Existenz von Einwanderern ohne Aufenthaltsrecht, die sich zu Niedriglöhnen in den Küchen West-Europas verdingen. Wie der Chinese, Protagonist in „Der goldene Drache“, den alle nur „den Kleinen“ nennen. Er wird von Zahnschmerzen geplagt und brüllt wie am Spieß, also muss die Rohrzange her. Sein brachial gezogener, blutiger, halb verfaulter Zahn fliegt durch die Luft und landet im gebratenen Reis Nummer 82, wenig später dann in einer Thai-Suppe, die gleich darauf eine Stewardess, die im „Goldenen Drachen“ eingekehrt ist, löffelt. Irgendwann wird der Zahn seinen Weg durch die Welt antreten und der Chinese auf ungewöhnlichem Weg zurück in sein Herkunftsland finden.

Poetisch hat Schimmelpfennig viel Stoff zu einer allgemeinen Kapitalismus- und Systemkritik zusammengesponnen. Dazu passt auch die Parabel von der Ameise und der Grille, eine Sage von Äsop, die Jean de la Fontaine einst abwandelte und die Schimmelpfennig kunstvoll als parallelen Handlungsstrang in das Stück eingebettet hat. „Wer etwas haben will, muss auch arbeiten!“, belehrt die Ameise die Grille, bevor sie zum Zuhälter der Grille wird. Zwangsprostitution wird so als weiteres Thema angeschnitten. Was artifiziell und elitär wirken könnte, tut jedoch seine Wirkung. Zum einen, weil Regisseur Stefan Maurer offenbar verstanden hat, was den Stoff des Dramatikers ausmacht, zum anderen, weil er auf fünf starke Schauspieler setzen kann, die durch ihr kraftvolles Schauspiel überzeugen und speziell in ihren radikalen Gegenbesetzungen glänzen: Männer werden von Frauen gespielt, Alte von Jungen und jede(r) spielt mehrere Rollen zugleich. So brilliert Catherine Janke in der Rolle des kleinen Chinesen, und Germain Wagner und Raoul Schlechter sorgen als lächelnde Stewardessen Inga und Eva in blauen Röckchen und mit Trollies an der Hand für echte Komik. Daneben spielen sich im Haus des „Goldenen Drachen“ Alltagsdramen ab, die mitunter in prolligem Saufgelage enden. Blanker Realismus schlägt einem entgegen, während im Hintergrund beruhigend die Bossa-Nova-Klänge von Chico Buarque dudeln oder neue deutsche Schlager dröhnen.

Das Ergebnis der Verquickungen von Einzelschicksalen und Handlungssträngen ist mitunter verwirrend, doch hält es den Zuschauer wach. Gespannt wirbelt man seinen Kopf hin und her und versucht den Schauspielern zu folgen – vergeblich! Jedes Mal, wenn man meint, Nähe zu einer Figur zu empfinden, wird sie durch einen Szenenwechsel abrupt gebrochen. So schnelllebig wie die Welt, in der wir leben, ist auch Schimmelpfennigs Stück. Maurers schlichte Inszenierung im Kasemattentheater schafft es hervorragend, diese Schnelllebigkeit zu transportieren.

Weitere Vorstellungen am 14., 17., 19., 20., 21. und 25. November um 20 Uhr im Kasemattentheater.


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