DAGMAR WEITZE: Im Herzen des Theaters

Ein Beruf für die Sendung „Was bin ich“: Dagmar Weitze ist Bühnen- und Kostümbildnerin. Kein leichter Job in der wenig publikumsumworbenen Luxemburger Theaterszene.

„Das Schneider-Atelier ist ein Ort, wo die Schauspieler sich wohl fühlen, wo sozusagen an ihnen gearbeitet wird. Sie können sich selbst in ihrem Kostüm begutachten, und auch ihre eigenen Bedürfnisse äußern.“ Foto: Christian Mosar

(rw) – Ein heller Raum, möbliert mit Nähmaschinen und Garnsortimenten: Die Kostüm-Schneiderei des „Théâtre national du Luxembourg“ ist zurzeit Hauptarbeitsplatz von Dagmar Weitze. Dass sie etwas Künstlerisches zu ihrem Beruf machen wollte, stand für sie immer schon fest, zum Bühnenbild fand sie trotzdem erst nach einer Lehre als klassische Herrenschneiderin. Bei den Münchner Kammerspielen gewährte man ihr Einsicht ins Metier. Sehr schnell fing sie an, als Kostümbildnerin zu arbeiten, und begann danach in Salzburg ein Studium in Bühnen- und Kostümbild. Das schloss sie erst nach ihrer Ankunft in Luxemburg ab, wo sie seit 1992 mit ihrem luxemburgischen Mann und ihren Kindern lebt.

War das nicht ein kleiner Kulturschock, sich in Luxemburg wieder zu finden? „Doch,“ antwortet sie spontan und lacht. „Vor allem weil ich da gerade aus Österreich kam, wo dem Theater noch stärker als in Deutschland gehuldigt wird.“ Neben dem geringen gesellschaftlichen Stellenwert des Theaters ist Dagmar Weitze in Luxemburg auch mit der Tatsache konfrontiert, dass ihr Beruf kaum Wertschätzung findet. Das liegt nicht nur an der Luxemburger Provinzialität. „In Frankreich trägt man beim normalen Durchschnittstheater den Titel ‚Dekorateur‘. So würde ich mich nicht unbedingt bezeichnen wollen.“ In Deutschland oder Österreich wird der Beruf dagegen meist an Kunsthochschulen gelehrt und beinhaltet eine sehr breite künstlerische Grundausbildung. „Das ist auch gut so, denn du musst von allem etwas wissen, ob das jetzt Bildhauerei, Malerei, Architektur, Literatur oder Lichteinsatz ist.“ Pluspunkt in Luxemburg ist allerdings: „Man hat viel Kontakt mit den Schriftstellern, was im Ausland fast nie der Fall ist. Ich hab schon unzählige Uraufführungen hinter mir“, sagt sie schmunzelnd.

Den Schauspieler unterstützen
Die Arbeit an einem Theaterstück beginnt mit dem Lesen. „Ich lese das Stück zum gleichen Zeitpunkt wie der Regisseur. Ich finde das immer wieder schön, so einen Text ein paar Monate mit mir herumzuschleppen. Ich überlege mir Formen, baue Bühnenmodelle in Miniatur und mache Zeichnungen, in Zusammenarbeit mit Regisseur und Dramaturg. Das Konzept wird dann auch bei einer ersten Leseprobe den Schauspielern vorgestellt, und bei den gemeinsamen Gesprächen kommen neue Ideen auf. Wenn ein Regisseur ein bestimmtes Konzept umgesetzt haben will, halte ich mich stärker zurück.“

Dagmar Weitze ist bei den Proben so oft wie möglich anwesend, um ihre Modelle zu prüfen und anzupassen. „Ich sehe meine Rolle darin, den Schauspieler zu unterstützen, besonders, wenn ich Kostümbild mache.“ Auch das Zusammenspiel mit dem Regisseur ist von entscheidender Bedeutung. Wenn Dagmar Weitze mit einem Regisseur gut klar kommt, kann daraus auch eine längere Zusammenarbeit entstehen: „Ich bin darauf auch angewiesen. Es ist immer der Regisseur, der sein Team zusammenstellt. Der Idealfall ist, wenn Regisseur und Bühnenbildner ihre Phantasie teilen können und sich bei einer gemeinsamen Ästhetik finden.“ Dagmar Weitze gefällt neben der luxemburgischen Theatervielfalt auch die Stimmung an kleinen Bühnen wie dem T.O.L.: „Ich liebe es, dass dort noch so ein ursprüngliches Theater vermittelt wird.“

Bei dem permanenten Austausch mit Autor, Regisseur, Schauspielern und auch Technikern steht die Bühnenbildnerin häufig auf einsamem Posten: „Ich bin die Einzige, die da ist, um das Visuelle zu verteidigen. Oft besteht die Gefahr, dass das Konzept des Bühnenbilds über Bord geworfen wird, zum Beispiel wenn der Rhythmus des Stücks nicht mehr funktioniert, weil der Umbau zu lange dauert“, meint sie.

Ein großer Vorteil beim Stück „Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran“ ist, dass durchgängig auf der richtigen Bühne geprobt werden kann. „Dadurch wächst das Bühnenbild heran.“ Wenn es sich wie hier um ein einteiliges Ein-Personen-Stück handelt, drängen sich manche bühnenbildnerischen Entscheidungen geradezu auf: Durch das Versetzen von Gegenständen verändert der Darsteller während dem Spielen selbst das Bühnenbild, der gezielte Einsatz von Licht ermöglicht es, jeweils verschiedene Teile der Bühne in Szene zu setzen. „In diesem Theater geht es gar nicht anders, wir haben ja noch nicht einmal einen Vorhang. Aber auch bei größeren Bühnen ist man mit Zwängen konfrontiert, etwa dem mangelnden Bühnenpersonal.“

Abseits vom Rampenlicht
Dagmar Weitzes Bühnenbilder zeichnen sich durch große Schlichtheit aus. „Alles, was auf der Bühne zu sehen ist, muss auch einen Sinn machen. Einfach nur einen Raum schön gestalten, das kann ich gar nicht, ich brauche die Geschichte und eine Dramaturgie dahinter.“ Außerdem: „Fürs Theater braucht man hauptsächlich Schauspieler.“ Und das Kostüm findet sie, wenn’s drauf ankommt, immer noch wichtiger als die Bühne: „Wenn die Bühne funktioniert, und nicht ablenkt, dann hat sie ihren Zweck erfüllt.“

Stichwort Kostüme: Zurzeit bereitet Dagmar Weitze die Kammeroper „Virus Alert“ vor, die Mitte Mai vom „Théâtre national du Luxembourg“ aufgeführt wird. Hier wird sie ausschließlich fürs Kostümbild verantwortlich sein. Im Nähatelier des Theaters hängt an der Kleiderpuppe schon ein Entwurf für die Uniform des Chors, und für die Hauptfiguren sind regelrechte Kostüme notwendig. „Das Kostüm-Atelier ist ein Ort, wo die Schauspieler sich wohl fühlen, wo sozusagen an ihnen gearbeitet wird. Sie können sich selbst in ihrem Kostüm begutachten, und auch ihre eigenen Bedürfnisse äußern. Das Atelier ist für mich ein Herzstück des Theaters.“

Was ist heute überhaupt noch der Stellenwert des Kostüms, wo doch die Kleidung sowohl auf der Bühne als auch in der Gesellschaft eine andere Rolle als früher spielt? „Die Kleidung ist immer noch wichtig“, widerspricht Dagmar Weitze. Auch wenn sie durchaus mal Kleidungsstücke von der Stange kauft: „Wenn jemand einfach im Hemd auf der Bühne steht, ist das kein Zufall. Kleidung ist etwas, was sehr nah am Menschen ist, es ist genauso wichtig wie seine Gestik Ù Wenn du dich als Regisseur nicht damit auseinandersetzt, kannst du kein Theater machen. Und Schauspieler, die sich gut vorbereiten, setzen sich mit der Kleidung auseinander. Man fühlt sich beispielsweise ganz anders, je nachdem welche Schuhe man auswählt.“

Dass sie ständig mit Leuten zu tun hat, die im Rampenlicht stehen, selbst aber im Hintergrund bleibt, stört Dagmar Weitze nicht. „Ich hab mal an einem Regie-Kurs teilgenommen: Jeweils eine Person inszenierte, während die anderen die Szene spielten. Spielen zu müssen, das war eine unangenehme, wenn auch interessante Erfahrung: Wenn man wie ich bei der Arbeit im Zuschauerraum sitzt, fühlt man sich so souverän, sieht alles, glaubt alles unter Kontrolle zu haben. Auf der Bühne hab ich mich ziemlich klein gefühlt, ich habe gemerkt, wie sehr man sich den anderen dort anvertrauen muss.“ Und die Regie? Sie winkt ab: „Mein Platz ist im Zuschauerraum, ich will zuschauen und nicht angeschaut werden. Von beidem braucht das Theater. Ich liebe gute Schauspieler und weiß, dass sie durch meine Arbeit noch besser werden können.“

Dagmar Weitze gestaltet in den nächsten Wochen für drei Aufführungen das Bühnen- bzw. das Kostümbild: „Monsieur Ibrahim et les fleurs du Coran“, „Virus Alert“ und „Am Eescht?“. Termine: siehe ‚Wat ass lass?‘ von dieser und den nächsten Wochen.


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