AMERICAN DREAM: Zeit des Erwachens

Der Journalist George Packer hat mit „Die Abwicklung“ ein beeindruckendes und mitreißendes Kaleidoskop der amerikanischen Gesellschaft geschrieben. Es ist ein Portrait des Niedergangs.

Als George Packers Buch „Die Abwicklung. Eine innere Geschichte des neuen Amerika“ vor einigen Monaten auf Deutsch erschien, war Skepsis angebracht. Ein Buch über die Identitätskrise und den Niedergang der Vereinigten Staaten anhand einiger Portraits zu schildern – ein gewagtes Unterfangen. Eine Ansammlung von Biopics, dazu auch noch von berühmten Persönlichkeiten wie Ex-General und Ex-Außenminister Colin Powell, dem Rapper Jay-Z und der Fernseh-ikone Oprah Winfrey, also vom Einzelnen auf das Gesamte zu schließen, konnte kaum gelingen. Der Hype um das mit dem National Book Award ausgezeichnete Buch war verdächtig groß, das Versprechen gewaltig.

Aber es sollten schließlich nicht nur Prominente sein, die Packer portraitiert hat. Mehrfach wurde das rund fünfhundertseitige Sachbuch mit John Dos Passos‘ USA-Trilogie von Anfang der 1930er Jahre verglichen. In den drei Romanen, allesamt Meisterwerke der amerikanischen Literatur, hatte Dos Passos damals ein Panorama der amerikanischen Geschichte von der Jahrhundertwende bis zur Weltwirtschaftskrise entworfen.

Schon nach wenigen Seiten Lektüre findet man sich inmitten einer „Great American Novel“ wieder. Dieses seit dem 19. Jahrhundert existierende, einst von der linken US-amerikanischen Zeitschrift „The Nation“ geprägte Schlagwort – Ausdruck einer Suche nach dem Roman schlechthin, der das Wesen der amerikanischen Nation manifestiert – kommt immer wieder dann auf, wenn ein US-Schriftsteller einen epochalen Wurf gelandet hat.

Packer erzählt zum Beispiel die Geschichte von Dean Price, dem Sohn einer strenggläubigen Familie im einst von Landwirtschaft und Tabakindustrie geprägten Bundesstaat North Carolina. Ein ums andere Mal wird Price schikaniert – vom tyrannischen Vater, vom Arbeitgeber – und desillusioniert. Doch hartnäckig versucht er sein Glück als Unternehmer, erlebt Pleiten und beginnt von neuem. Er ist ein spezifisch US-amerikanisches Stehaufmännchen. Eines Tages entdeckt er Biodiesel und sucht sein Heil darin.

Der Autor, Journalist beim Magazin „The New Yorker“, zeichnet sich durch einen bewundernswerten, einfühlsamen Zugang zu Menschen wie Price aus. Die Recherche ist seine größte Stärke. Er trifft Arbeiter und Angestellte, die sich abstrampeln und immer wieder auf die Schnauze fallen. Der heute 54-jährige Kalifornier, dessen Eltern beide Wissenschaftler an der Stanford University waren, blickt in seiner Langzeitbeobachtung weder auf sie herab noch idealisiert er sie. Er ist mit ihnen auf Augenhöhe. Doch er betreibt keine nüchterne Analyse. Er erscheint bisweilen sogar wütend; sein Zorn aber mündet nicht in einem polemischen Pamphlet. Einige seiner Schlussfolgerungen mögen banal erscheinen, manchmal verallgemeinert er, aber er trifft fast immer den Punkt.

Er beschreibt Orte wie Tampa in Florida, wo die geplatzte Immobilienblase aus gesichtslosen Siedlungen Geisterstädte machte und tausende Leute ihre Häuser verloren, die Wall Street als Ort der Gier, wo Trading-Algorithmen über Gedeih und Verderb entscheiden, oder das Silicon Valley als Hort des amerikanischen Mittelstandes. Seine Themen reichen von der Deindustrialisierung, der Wirtschafts- und Finanzkrise bis zur sozialen Krise als deren Folge. Libertäre Individualisten wie der Nerd und IT-Milliardär Peter Thiel, der mit Paypal ein Vermögen scheffelte und für den Demokratie eher ein Störfaktor ist, werden ebenso porträtiert wie Jeff Connaughton, ein Anwalt, desillusionierter einstiger Wahlkampfhelfer und Spendensammler des heutigen US-Vizepräsidenten Joe Biden.

Der Autor, Journalist beim Magazin „The New Yorker“, zeichnet sich durch einen einfühlsamen Zugang zu seinen Protagonisten aus.

Packers Blick auf die Demokratische Partei ist ernüchternd. Barack Obama stellt er ein schlechtes Zeugnis aus. Unter Bill Clinton verdreifachte das wohlhabendste Prozent der Gesellschaft seinen Anteil am nationalen Einkommen, es war eine Phase der Umverteilung hin zu „einer vererbbaren Ungleichheit, die das Land seit dem 19. Jahrhundert nicht mehr gesehen hatte“, während die Mehrheit bei Walmart billigen Ramsch aus Bangladesch kauft. „Das ganze Land war wie eine Art Walmart geworden.“

Nach Worten des Autors verliert die US-Gesellschaft das, was sie immer zusammengehalten hat: den Glauben an eine gemeinsame Zukunft. Packer beobachtet ein „Unwinding“ der Gesellschaft, eine Abwicklung wie die eines Seils von der Spule. So schreibt er beispielsweise: „Das Schuhgeschäft hatte zugemacht, die Rollläden vor der Apotheke waren heruntergelassen, die Restaurants waren geschlossen. Nur ein paar Leute waren überhaupt auf den Bürgersteigen. Die Männer, denen diese Geschäfte gehörten, waren die Stützen dieser Gesellschaft. Sie trainierten Jungen und Mädchen in Baseball-Mannschaften, sie saßen im Stadtrat. Jetzt sind sie fort, mit schweren Folgen für das Gemeinwesen.“

Die Mittelschicht, einst Wachstumsmotor der Wirtschaft und Rückgrat der Gesellschaft, verliert zunehmend an Boden. Die sozialen, politischen und ökonomischen Strukturen verfallen. „Niemand kann mit Sicherheit sagen, wann die Abwicklung begann“, schreibt Packer. Sicher ist, dass der gesellschaftliche Zerfall nicht erst mit dem Finanzcrash 2008 begonnen hat, sondern Ende der Siebzigerjahre, als die Zentren der Städte verödeten, die Wirtschaft stagnierte und die Inflation die Amerikaner verunsicherte. Es war die Zeit der Ölkrise und der Anfang der Deindustrialisierung.

Damals wurde Newt Gingrich erstmals ins Repräsentantenhaus gewählt. Der republikanische Politiker war nicht nur streitfreudig, sondern veränderte und zerstörte den politischen Debattenstil in Washington: „Er gab ihnen Senfgas und sie setzten es gegen jeden denkbaren Feind ein, auch gegen ihn selbst“, nennt es Packer, der in einem Kurzportrait Gingrich als einen Vorläufer der Tea Party darstellt. Ebenso wenig schmeichelhaft werden der ehemalige Citigroup-Chef und demokratische Finanzminister Robert Rubin, die Selfmade-Woman und Talkshowkönigin Oprah Winfrey, die es zur reichsten Frau der USA brachte, und der Unternehmer und Walmart-Gründer Sam Walton, der für den Niedergang zahlloser mittelständischer Handwerksbetriebe verantwortlich gemacht wird, gezeichnet. Sie stehen für das Establishment, eine Elite, die umstandslos von der Politik in die Wirtschaft und wieder zurück wechselt.

Viel sympathischer sind dagegen eine demokratische Senatorin, die sich für strenge Regulierungen des Finanzmarktes einsetzt, oder eine Restaurantbesitzerin. Ausführlich schildert Packer das Schicksal einer Fabrikarbeiterin, Tochter einer Drogenabhängigen und allein erziehende Mutter von drei Kindern. Tammy Thomas aus Ohio hat ihren Job in der Autobranche durch den Niedergang der Stahlindustrie im sogenannten Rust Belt, dem Rostgürtel, verloren. Dennoch gelingt es ihr, zu studieren und sich für die Community in der von Einwohnerschwund befallenen und zur Crime City heruntergekommenen Stadt Youngstown als Sozialarbeiterin zu engagieren. „Block für Block verfiel die Innenstadt, die Zerstörung beschleunigte sich“, heißt es an einer Stelle. Von Thomas` altem Viertel war nichts mehr übrig geblieben. „Die Geschäfte und Schulen, die Kirchen, Spielplätze, Obstbäume – es war alles weg.“

Oder die Motelbsitzerin Usha Patel aus Tampa, die durch die Immobilienkrise in die Zwangsvollstreckung getrieben wird. Gerade die Benachteiligten lassen sich nicht unterkriegen. Packer attestiert ihnen den Willen zum Weitermachen. Sie geben nicht auf. Der Autor verwebt diese einzelnen Portraits von ganz unterschiedlichen Menschen aus allen sozialen Schichten, von bekannten und unbekannten Amerikanern, in seiner Collage zu einem großen Gesamtbild. Der Leser erfährt viel über die sozialen Schichten Amerikas, über Industrien und ganze Landstriche. Die Frage, warum es schließlich zur Erosion der Gesellschaft kam, bleibt dabei unbeantwortet. Warum kam es zur Gehälterstagnation? Warum zum Auseinanderdriften der sozialen Schichten?

Es lässt sich vermuten, dass der amerikanische Traum nie der Realität entsprach. Vielleicht war es nie besser als heute, und alles ist eine nostalgische Hinwendung der Amerikaner zu einer glorifizierten Vergangenheit. Aus einem Zukunftsversprechen ist eine rückwärtsgewandte Utopie geworden. Ungleichheit herrschte in den USA schon immer, Rassismus von der Sklaverei über die Rassentrennung in den Südstaaten noch vor einem halben Jahrhundert bis in das Ferguson und andere Orte der sozialen Ausgrenzung von ethnischen Gruppen in der Gegenwart. Packer preist die vielen Facetten der Freiheit, während die Überwachung des Einzelnen zu keiner Zeit so omnipräsent war wie heute.

„Das Auseinanderdriften bringt Freiheit, mehr als die Welt je zuvor gewährt hat“, schreibt Packer die Ära der Ungleichheit. „Es ist die Freiheit sich neu zu erfinden.“ Nach dem Scheitern kommt der Neuanfang. „Mit der Freiheit schafft die Abwicklung ihre eigenen Illusionen, denn all diese Versuche, diese Träume sind flüchtig wie Seifenblasen, sie zerplatzen, sobald sie die konkreten Umstände berühren.“ Das also ist das große amerikanische Spiel – mit einem immer größer werdenden Gewinn. „Die Gewinner entschweben wie riesige Luftschiffe“, schreibt Packer, ein gelungenes Bild, „und die Verlierer fallen tiefer und tiefer, und manche kommen niemals an.“

Packer erzählt brillant. Und sein Buch liest sich wie ein kaleidoskophafter Roman, geschrieben im subjektiven Stil des New Journalism. „Die Abwicklung“ ist ein multiperspektivisches Bild einer Nation, in der der gesellschaftliche Konsens verloren gegangen ist und die immer größer werdenden Einkommens- und Vermögensungleichheit das soziale Fundament untergraben hat.

Der Autor appelliert an das inzwischen hohl klingende „Yes, we can“, das aber seine Wiederkehr findet in den Biographien wie jener von Tammy Thomas. Diese Menschen sind ein Hoffnungsschimmer im Zeitalter der Ungleichheit. Sie sind noch vom American Dream beseelt. Doch ein Happy End gibt es selten. Eine verarmte Familie in Tampa verzweifelt, als bei der Tochter Knochenkrebs entdeckt wird. Ein Eisenbahnprojekt in Tampa wird von der Tea Party verhindert, weil die darin eine kommunistische Maßnahme sieht.

Und Dean Price sinniert nach einer Pleite, mit einem Glas Bourbon auf seiner Veranda sitzend, über den Niedergang und hört die vorbeifahrenden Lastwagen, die mit Hormonen vollgepumpte Hühner transportieren, „die so fett waren, dass sie unter ihrer eigenen Last zusammenbrachen“. So wie Leute, welche die Tiere essen, fett werden, an Diabetes oder Herzversagen erkranken und sich nicht mehr auf den eigenen Beinen halten können – „wie die hormonverseuchten Hühner“.

George Packer – Die Abwicklung.
Eine innere Geschichte des neuen Amerika. Aus dem Amerikanischen von Gregor Hens. S. Fischer Verlag, 510 Seiten.


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