FAMILIENBANDE: Wille zur Versöhnung

Opa war ein Nazi: Eine Enkelgeneration in Deutschland bekundet mit TV-Serien wie „Unsere Mütter, unsere Väter“, dass diese Feststellung überaus schillernde Seiten hat. Auch Per Leos Roman „Flut und Boden“ dokumentiert, wie kokett die neueste Wendung des deutschen Geschichts- und Selbstbewusstseins mit dem Erbe der Volksgemeinschaft spielt.

Im Frühjahr war Per Leos Debütroman „Flut und Boden“ für den Leipziger Buchpreis nominiert, obwohl das Werk mit einem von der Kritik längst als „Running Gag“ verspotteten Topos der deutschen Gegenwartsliteratur beginnt: Beim Ausräumen der Familienvilla findet der Enkel im Bücherregal des verstorbenen Großvaters einen Stapel nationalsozialistischer Weltanschauungsliteratur. Doch was Leo aus dieser „Standardsituation“ mache, lobte Ijoma Mangold, Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit“, sei „klug, temperamentvoll und vor allem: erkenntnisstiftend“.

Tatsächlich liefert Leo die neueste Variante der Aufarbeitung der Vergangenheit im Familienroman. Nicht nur dem Zeit-Kritiker gefiel, wie der 1972 geborene Autor an der „Zeremonialkruste“ kratzt, die „geschichtspolitischen Routinen“ verspottet und einen neuen Blick auf den ganzen „Vergangenheitsbewältigungskomplex“ wirft. In der Berliner Tageszeitung hob Stephan Wackwitz, selbst Autor eines Familienromans, hervor, dass es Leo gelinge „eine gewisse Fixiertheit auf den Abscheu“ vor den Naziverwandten zu überwinden. Und Gustav Seibt freute sich in der „Süddeutschen Zeitung“, dass der Erzähler zeige, „unter welchen Bedingungen die guten Gefühle, die den Eltern, der Herkunft, der Heimat, dem Fußballklub und sogar der Nation gelten, noch funktionieren können.“ Diese allgemeine Begeisterung lässt erahnen, dass in Leos „Roman einer Familie“ die neueste Wendung des deutschen Geschichts- und Selbstbewusstseins zum Ausdruck kommt.

Warum der Trend zum Familienroman im deutschen Literaturbetrieb seit nunmehr über einem Jahrzehnt anhält, erkundet der gleichfalls im vergangenen Frühjahr erschienene Sammelband „Familiengefühle. Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien“. Die literarturkritischen Texte beziehen sich auf verschiedene Publikationen der letzten Jahre, erweisen sich aber auch als sehr aufschlussreich im Hinblick auf den Erfolg des jüngsten Bestsellers aus der Gattung der Familienromane. Leos „Flut und Boden“ erscheint mittlerweile in der 4. Auflage. Jan Süselbeck, der Herausgeber der Textsammlung, vermutet, dass das ungebrochene Interesse an Generationengeschichten mit den „soziologisch, psychologisch und historisch beschreibbaren Erwartungshaltungen und Bedürfnissen“ des Lesepublikums zusammenhängt, auffallend sei jedenfalls die große „Emotionalisierungskraft“, die die literarischen Familienkonstruktionen entfalteten. „Familiengefühle“ wäre denn auch ein passender Untertitel für Leos Roman gewesen.

Die meisten Rezensenten hielten die Gattungsbezeichnung „Roman“ ohnehin für zweifelhaft, sie waren sich einig, das Buch sei eher ein „weit ausholender autobiographischer Essay“ (Die Zeit) oder ein „mentalitätsgeschichtlicher Essay“ (NZZ), der sich bisweilen in „eine Ansammlung von Abhandlungen“ (FAZ) zu kulturpolitischen Themen verwandle. Fraglos kann das Werk als Emotionalisierung der von Leo 2013 vorgelegten Dissertation über die geistesgeschichtlichen Grundlagen der Judenfeindschaft in Deutschland vom Kaiserreich bis zum Nationalsozialismus betrachtet werden. Besteht das Anliegen in der wissenschaftlichen Studie „Der Wille zum Wesen“ darin, die charakterologischen Schriften eines Ludwig Klages als „weltanschauliche Brücke“ zwischen den Nationalsozialisten und dem deutschen Bildungsbürgertum vorzustellen, geht es in „Flut und Boden“ darum, diese Verbindung innerhalb der eigenen Familie nachzuvollziehen.

Der misogyne Grundton von Leos Roman trifft vor allem die Mutter – womöglich, weil sie es gewagt hat, die Familie zu verlassen.

Bis in die vom Autor zurückverfolgte Vergangenheit der Urahnen gehörte es zur Tradition der Leo’schen Familienväter, ihren Nachkommen schriftliche (Selbst-)Zeugnisse zu hinterlassen: ein Skizzenbuch zur Vielvölkerschlacht, protestantische und NS-ideologische Bekenntnis- und Tugendbücher bis hin zu einfachen, autobiographischen Entwürfen der Nachkriegsväter. Per Leo setzt diese Tradition der Selbstthematisierung fort und vermarktet sie zeitgemäß als „Roman einer Familie“. Wie Sabrina Wagner in ihrem Beitrag für „Familiengefühle“ analysiert, geht es den Enkelinnen und Enkeln in ihren Generationenromanen weniger um eine kritische Distanzierung oder einen Versuch des Neuanfangs, sondern um die Wahrung von Kontinuität, „Generation“ werde als „genealogisches Verpflichtungskollektiv“ verstanden. Auch Leo preist die Weitergabe von Familientraditionen: „Weihnachten ist wunderbar, man muss es nur können. Und mein Vater konnte es. Von wem aber lernt man Weihnachten? Von seinen Eltern natürlich.“

Bevor der junge Leo den ihm zugedachten Platz in der Generationenfolge einnehmen kann, muss er sich jedoch erst einmal selbst finden. Im Kapitel „The making of a Nazi Enkel“ beschreibt der Autor die sinnstiftende Wirkung des Funds der großväterlichen NS-Bibliothek. Die Möglichkeit, die SS-Vergangenheit des Opas zu erforschen, sei ihm wie „ein Ast am Ufer eines bedrohlich schneller werdenden Flusses vorgekommen“. Die Identität als Nazienkel gibt dem bis dahin orientierungslosen Studenten einen Halt. Erst recht, als sich die Recherche zu seinem Großvater mit dem zufällig geweckten Interesse für seinen Großonkel verbindet. Das Schreiben über die beiden ungleichen Brüder, den großväterlichen SS-Offizier Friedrich und den Großonkel Martin, der aufgrund einer Erbkrankheit zwangssterilisiert wurde, also ein Opfer der nationalsozialistischen Rassepolitik war, dient Leo dazu, sich innerhalb der Ahnenfolge zu verorten.

Fortan hat die Familiengeschichte „zwei Gesichter und zwei Köpfe“, die für den Autor zusammengehören „wie zwei Hälften eines zerrissenen Bildes“. Aus der Zusammensetzung beider Hälften entsteht das heile Bild einer Familie, innerhalb derer sich Leo mittels seiner Sympathie für den Großonkel auf der moralisch guten Seite weiß, ohne die böse ablehnen zu müssen: „Man wird begriffen haben, dass ich meinen Großvater im Großen und Ganzen nicht verachte“. Der Hass, den er gelegentlich bei der Lektüre überlieferter Aufzeichnungen des Altnazis meint bezeugen zu müssen, kann die von ihm liebevoll rekonstruierten Familienbande nicht mehr trennen.

Dass die narrativen Techniken der Emotionalisierung, wie von Süselbeck hervorgehoben, „im Sinne einer letztendlich harmonisierenden NS-Erinnerung unterschwellig auf eine Pathologisierung der Thematisierung deutscher Schuld zielen“, lässt sich auf vielen Seiten des Romans nachweisen. Leo zollt seinem Freiburger Geschichtsprofessor Ulrich Herbert größten Respekt für seinen Anspruch, Faktenwissen über die nationalsozialistische Vernichtungspolitik zu vermitteln. Selbst aber bleibt er diesem Anspruch nicht treu. Über die Verbrechen des Großvaters erfährt man wenig und nichts Genaues: Ab 1938 tat dieser seinen Dienst im SS-Rasse- und Siedlungshauptamt. „Es waren diese unmittelbar tödlichen Nichteindeutschungsfähigkeitsbescheide, die Friedrich näher als je an Taten brachten, die man getrost als Mord bezeichnen darf.“

Im Weiteren münzt Leo seine Faszination für den akademischen Lehrer um in die Denunziation derer, die ihre Familienangehörigen ohne historische Grundkenntnisse mit Nachfragen konfrontierten: „Uns wurde schlagartig klar, wie selbstgerecht und billig unsere Lieblingsanklage an die Nazigeneration war.“ Unverhofft wechselt Leo aus der Ich- in eine nicht näher bestimmte Wir-Perspektive. Dass er nicht für alle Studierenden spricht, wird rasch klar, er imaginiert eine Gemeinschaft junger Männer: „Und dabei lernten wir am eigenen Leib, wie erfrischend männliche Strenge wirken kann. Wir meinten zu verstehen, dass es dieses Ethos des Endlich-Machen-statt-Laberns gewesen sein musste, das die Konservativen Revolutionäre und die intellektuellen Nazis für viele Söhne des gebildeten Bürgertums so anziehend gemacht hatte.“

Leo ist elektrisiert vom elitär-konservativen Dünkel, er beflügelt seine „Männerphantasie“: „Ganze Batterien höherer Töchter hätte man mit der Edelnazimasche ins Bett kriegen können.“ Doch der Versuch des jungen Nazienkels, „seine Familiengeschichte so weit auszupolstern […], dass sich vielleicht doch einmal ein hübsches Mädchen auf ihr betten ließe“ scheitert, vielleicht erklärt sich daraus der misogyne Grundton seines Romans, der vor allem die Mutter trifft, die es gewagt hat, die Familie zu verlassen. Leo identifiziert sich mehr und mehr mit seinen deutschtümelnden Verwandten, die Sprache des Autors ist von der seiner porträtierten Vorfahren gelegentlich nicht mehr zu unterscheiden, er übernimmt ihre antisemitischen und homophoben Vorurteile. „Ob Uniformen einen Menschen kleiden oder nicht, ist keine Frage des Schneiders und auch nicht des Alters, sondern des Charakters.“ Deshalb macht für ihn beim Durchblättern des Familienalbums der spätere SS-Mann schon im Husarenkinderkostüm eine gute Figur, während der Großonkel „in seinem Wikingerfummel ähnlich lasch wirkt wie wenige Monate später Reichskanzler Theobald von Bethmann-Hollweg in der Generaluniform“.

In der Literaturrezeption gilt dieser Erzählton der Enkelgeneration als „frisch“ und „unverkrampft“, die Kritik stieß sich deshalb weder an dem kalauernden Buchtitel „Flut und Boden“, noch an Wortkreationen aus NS-Sprache und neoliberalem Jargon wie „Endsiegkompetenz“ und schon gar nicht an Leos geschmacklosen Anspielungen, wenn er beispielsweise nach seinem Umzug in ein kleines Berliner WG-Zimmer klagt, er habe „im Osten kaum Lebensraum hinzugewonnen“. Die Auseinandersetzung des Autors mit der Vergangenheit seiner Familie ist nicht kritisch, auch nicht ironisch, sondern einfach nur affirmativ. Das zeigt sich nirgends so deutlich, wie in seiner andachtsvollen Huldigung des im Familienkanon dargebotenen deutschen Liedguts: „Wie viel Vergessen lag in dieser gewaltigen Einstimmigkeit! Wie viel Nachsicht, wie viel Entgegenkommen, wie viel Vertrautheit in dieser sicheren Vielstimmigkeit. Welches Wissen um Verluste, deren Endgültigkeit nur in Momenten wie diesem überhaupt auszuhalten war, wenn mit dem Vergessen auch die Erinnerung kam – wie viel Wehmut lag im Refrain.“

Unklar bleibt, welche Scham ihn abhielt, in den Familienchor einzustimmen, ob es das „Gift der Romantik“ oder doch nur die Angst vor einem falschen Ton war. Umso befreiender ist es für Leo später doch noch eine Gelegenheit zum Mitgrölen zu bekommen: im Fußballstadion. Die Begeisterung für Werder Bremen fungiert für den Autor als erzählerische Klammer, die seine Familiengeschichte und seine Exkurse zum Protestantismus, zur Charakterologie und zum Schiffsbau zusammenhält. Die von den Vorfahren übernommene Familienliebe und Heimatverbundenheit drückt sich für die Nachkommen im Fußball aus. Im Fangesang kommt die Nation zu sich. Für Leo ist klar, „sich an diesen Gesängen nicht zu beteiligen, wäre schlicht fahrlässig gewesen“, sie als rassistisch zu entlarven, gilt inzwischen als Landesverrat.

Leos neuer Aufguss des alten Familienromans gefällt, weil er die Erwartung einer versöhnlichen Darstellung familiärer NS-Verstrickung erfüllt und gleichzeitig das Bedürfnis der akademisch Ausgebildeten nach einer neuen Bürgerlichkeit und einem unbefangenen Patriotismus legitimiert. „Ich studierte Geschichte, ich hielt mich für links“, betont der Autor zu Beginn seines Romans, um sich danach mit jeder Seite in die nationale Tradition einzuschreiben. Am Ende führt ihn sein persönlicher Bildungsroman nicht hinaus in die Welt, sondern zurück in die Heimat.

Per Leo – Flut und Boden. Roman einer Familie, Klett-Cotta Verlag, 350 Seiten.

Per Leo – Der Wille zum Wesen. Weltanschauungsliteratur, charakterologisches Denken und Judenfeindschaft in Deutschland 1890-1940, Matthes & Seitz Verlag, 734 Seiten.

Jan Süselbeck (Hg.): Familiengefühle. Generationengeschichte und NS-Erinnerung in den Medien, Verbrecher Verlag,
304 Seiten.


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