LITHOGRAFIE: Picassos Metamorphosen

Eine Ausstellung im Viandener Schloss zeigt 110 Grafiken und Lithografien Pablo Picassos und gibt damit einem weniger beachteten Teil seines Werks Raum. Eine kleine, aber kostbare Schau.

Schon um die Geburt des berühmten Künstlers ranken sich Legenden: Kaum geboren hielt man ihn für tot, bis sein Onkel dem Kind Zigarettenrauch ins Gesicht blies und der kleine Pablo sich wutenbrannt ins Leben schrie. „Es ist so, als ob schon zu Beginn seines Lebens der legendäre Picasso in einer Legende stärker ist als der Tod“, heißt es in der Einleitung zur Viandener Ausstellung „Es lebe Picasso“. Dabei hat kaum ein bildender Künstler ein so vielseitiges Oeuvre hinterlassen wie er: Rund 50.000 Gemälde, Zeichnungen, Grafiken, Skulpturen und Keramiken schuf Picasso bis zu seinem Tod.

Mythen eignen sich zur Bewerbung von Kunst. Hier bedürfte es ihrer aber gar nicht, denn die Schau in Vianden lohnt den Weg in den Norden des Landes in jedem Fall. Sie setzt auf die Kraft eines weniger bekannten Teil seines Werks, seine Lithografien.

Erst im Alter von 64 Jahren, im November 1945, nahm Picasso das Steindruckverfahren wieder auf, nach einzelnen, spärlichen Versuchen Jahre zuvor. Durch Vermittlung von Georges Braque hatte Picasso in jenem Jahr den Drucker Fernand Mourlot kennengelernt. Nach 15 Jahren Pause arbeite er daraufhin vier Monate hindurch von morgens bis abends in dessen Imprimerie, wo er die Arbeit der Drucker beobachtete, selbst experimentierte und sich eigenwillig über Regeln hinwegsetzte. Er verwendete neben Stein- auch Zinkplatten und benutzte zum Zeichnen dickes Umdruckpapier. Mit Kreide, Pinsel und Schaber veränderte er die Zeichnungen, erkundete das Flexible der Steinschicht, um das Schwarz-Weiß-Verhältnis beständig neu auszuloten. So ergab sich schließlich der Eindruck präzise gezogener Linien. Überwiegend in dieser Zeit sind die in Vianden gezeigten Exponate entstanden, die Einblick in sein grafisches Werk nach 1945 geben. Eingangs werden zwölf seiner Handzeichnungen ohne Titel gezeigt, zu denen der Lyriker Jean Tardieu zwölf surrealistische Gedichte verfasste. Auch die berühmte Zeichnung „Don Quichotte“ von 1955 ist gleich beim Betreten der Schau zu sehen. Sie wurde noch im gleichen Jahr in der Wochenzeitung „Les Lettres Françaises“ veröffentlicht und später in der Friedensbewegung so populär, dass sie auf Stein übertragen und vervielfältigt wurde. Fast schemenhaft zeigt das Bild einen gealterten, müden Don Quichotte auf seinem ausgemergelten Klepper Rosinante und seinen treuen Begleiter Sancho Panza, die in Picassos Zeichnung dennoch beide eine adelige Anmut ausstrahlen.

Die Schau in Vianden lohnt den Weg in den Norden des Landes in jedem Fall. Sie setzt auf die Kraft eines weniger bekannten Teil seines Werks, seine Lithografien.

Das Bild „Das Leichenhaus“ (1945), mit einer Ansammlung von Leibern, zeugt ähnlich wie das berühmte „Guernica“-Gemälde, auf dem Picasso das Grauen bei der totalen Zerstörung der baskischen Stadt 1937 darzustellen suchte, von der politischen Intention eines Malers, der während des Zweiten Weltkriegs Stellung bezog und zur Zeit der Besatzung nicht gut gelitten war. Die Schlachtrufe „Matisse in den Müllkasten; Picasso ins Irrenhaus!“, sind in Erinnerung geblieben. Unmittelbar nach der Befreiung war Picasso, der während der deutschen Besatzung in Paris geblieben war, der KP beigetreten. „Bis zu dem Tage, an dem ich endlich nach Spanien heimkehren kann, hat mir die kommunistische Partei ihre Arme geöffnet“, begründete er seine umstrittene Entscheidung später.

Die Schau in Vianden zeigt diese berühmten Gemälde nicht, hingegen das nicht minder bekannte Plakat mit der Friedenstaube, die Zeit seines Lebens ein zentrales Motiv Picassos war. Louis Aragon soll, als er in Picassos Atelier die Lithografie einer Taube entdeckte, vorgeschlagen haben, diese als Motiv für Plakate zum Weltfriedenskongress 1949 in Paris zu verwenden. Doch das eindrucksvollste Beispiel für das von ihm genutzte aufwendige Verfahren sind die elf Drucke seiner Lithografie „Der Stier“ (1945/1946). Die Illustrationen zu dem Buch „Toros y Toreros“ (Stiere und Stierkämpfer) sind die kraftvollsten Lithografien Picassos zum Thema Stierkampf. In dieser Serie sieht man, wie Picasso die Zeichnungen entmaterialisiert, immer wieder reduziert und mehrfach durch den Steindruck präzisiert hat.

Einen weiteren Schatz der Viandener Schau stellen die Illustrationen dar, die Picasso für einen Gedichtband von Tristan Tzara, einem Mitbegründer der Dada-Bewegung, erstellt hat. Tzara hatte Picasso acht bestimmte Motive zur Illustration vorgeschlagen – das Deckblatt und die acht Kompositionen, im Aquatinta-Verfahren erstellte Radierungen, überarbeitete Picasso anschließend mit der Kaltnadel.

Eine letzte Serie von Illustrationen im Viandener Schloss spiegelt das ambivalente Verhältnis Picassos zu dem Schriftsteller und Maler Jean Cocteau wider, der nach anfänglicher Distanzierung um seine Gunst buhlte. Die in Vianden gezeigten 24 Kompositionen sind Illustrationen zu elf Texten, die Cocteau in der Zeit von 1916-1963 über Picasso verfasste.

Das lithografische Verfahren war für Picasso weit mehr als eine neue grafische Technik. In der Schau kann man nachvollziehen, wie er seine Werke ständig perfektionierte, Schicht um Schicht veränderte. So sind die in Vianden ausgestellten lithografischen Abzüge Zeugnisse einer Metamorphose. Und beim Gang durch die Ausstellung wird klar: Dass man Picasso heute als politischen Maler wahrnimmt, liegt nicht zuletzt auch an seinen eindrucksvollen Lithografien.

Bis zum 31. März im Schloss Vianden.


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