GROSSBRITANNIEN: Sexistisches System

Im britischen Rotherham wurden 16 Jahre lang etwa 1.400 junge Mädchen von organisierten Banden systematisch sexuell missbraucht. Wie eine neue Untersuchung zeigt, waren sowohl die Polizei als auch der Stadtrat darin verwickelt.

Nutzen Fälle systematischen Missbrauchs als Gelegenheit zur rassistischen Hetze: AnhängerInnen der „English Defence League“ im September bei einem Marsch durch Rotherham.

Rotherham ist eine mittelgroße, von der Labour-Partei regierte und bis vor einigen Jahren unscheinbare Stadt im Süden von Yorkshire, dem Norden Englands. Vor wenigen Tagen gab die britische Regierung jedoch bekannt, dass sie die Kontrolle über den Rat der Stadt Rotherham übernehmen werde. Eine unabhängige Untersuchung über den Umgang des Stadtrats mit dem 2010 bekannt gewordenen organisierten sexuellen Missbrauch von Minderjährigen kam zu dem Ergebnis, dass der Rat nicht arbeitsfähig und zudem mehr an seinem eigenen Ruf als am Schutz von Kindern interessiert sei. Der gesamte Stadtrat trat nach der Veröffentlichung des Berichts zurück. Neuwahlen sind für 2016 angesetzt.

Die Frage ist nun, wie es dazu kam, da Rotherham nicht die einzige britische Stadt ist, in der es systematischen Kindesmissbrauch und Verhaftungen und Verurteilungen von organisierten Banden gab. Die Fakten, die in den vergangenen Jahren über die Arbeit der Polizei und des Rates ans Tageslicht gekommen sind, lassen erahnen, dass das Problem mit tiefsitzenden Verfilzungen der lokalen Regierung in Rotherham zusammenhängen muss, von der Missbrauchsfälle nicht nur ignoriert und unter den Teppich gekehrt wurden, sondern deren Ratsmitglieder und Polizisten selbst in die Fälle verwickelt waren.

In elf Städten im Norden und der Mitte Englands wurden seit 2010 Männer meist pakistanischer Herkunft verhaftet und verurteilt, da sie in organisierten Gruppen systematisch junge Mädchen missbraucht hatten. Die Mädchen im Teenageralter, viele von ihnen Heimkinder, wurden von den Männern zunächst mit Geschenken wie Zigaretten und Alkohol „verführt“, danach jedoch bedroht und geschlagen, um sie gefügig zu halten. Einige von ihnen wurden jahrelang regelmäßig, teilweise von Gruppen von Männern, vergewaltigt und im Rahmen der Netzwerke der pakistanischen Männer in andere Städte gehandelt. Obwohl einige der Opfer die Polizei mehrmals informiert hatten, wurde ihnen nicht geholfen. Erst in den vergangenen Jahren wurden diese Fälle bekannt und vor Gericht gebracht.

In Rotherham begann der Skandal im November 2010, als fünf Männer pakistanischer Herkunft wegen Sexualdelikten gegen minderjährige Mädchen verurteilt wurden. Im Gegensatz zu anderen Städten, wo nach und nach weitere Täter festgenommen, systematischer Missbrauch festgestellt und Netzwerke aufgedeckt wurden, blieb es in Rotherham jedoch bei diesem einen Fall.

Die Vorfälle, die nun ans Licht gekommen sind, zeigen jedoch, dass in Rotherham der Missbrauch nicht nur ebenfalls systematisch organisiert, sondern zudem von den Behörden systematisch verdeckt und begünstigt wurde. 2012 entdeckte ein investigativer Journalist, dass die Polizei einen Bericht der Sozialbehörden in Rotherham geheim gehalten hatte, in dem von einem Jahrzehnte währenden Missbrauch minderjähriger Mädchen durch Gruppen pakistanisch-asiatischer Männer die Rede war. Das zuständige Komitee des britischen Innenministeriums untersuchte daraufhin, warum es in Rotherham nicht zu weiteren Festnahmen und Anklagen gekommen war. So wurden beispielsweise drei Mitglieder einer Familie, die 61 Mädchen missbraucht hatten, nicht verurteilt.

Die Untätigkeit der Behörden entspringt nicht der vorgeschobenen Absicht, rassistische Diskriminierung zu verhindern, sondern ist durch Sexismus und Chauvinismus motiviert.

Im November 2013 gab der Stadtrat eine Studie zu dem Problem unter der Leitung von Professor Alexis Jay in Auftrag. Jay fand heraus, dass zwischen 1997 und 2013 etwa 1.400 Mädchen Opfer der Männergruppen wurden. Obwohl es drei von den lokalen Behörden selbst in Auftrag gegebene Berichte zu den Zuständen in Rotherham gab, waren diese nicht veröffentlicht worden, da die Daten angezweifelt wurden.

Jays Ergebnisse zeigen auch, warum es in Rotherham selten zu Verurteilungen kam. So wird das Beispiel einer Zeugin genannt, die ihre Aussage zurückzog, da sie kurz vorher eine Textnachricht erhalten hatte, in der das Leben ihrer Schwester bedroht worden war. Andere potenzielle Zeuginnen wurden bedroht und eingeschüchtert. Die Studie zeigt außerdem, dass Angestellte der lokalen Behörden als Grund für ihre Tatenlosigkeit die Befürchtung angaben, als rassistisch angesehen zu werden, wenn sie auf kriminelle Netzwerke bestimmter ethnischer Gruppen hinweisen. Angeblich aus Angst vor „Rassenunruhen“ wiesen leitende Angestellte der lokalen Behörden ihre Mitarbeiter an, auf gar keinen Fall über die Herkunft der Täter zu sprechen.

Die Veröffentlichung der Studie schlug hohe Wellen und zwang Shaun Wright, den damaligen Präsidenten der Polizei von South Yorkshire, zum Rücktritt. Nachdem durch die Studie deutlich geworden war, dass Stadtrat und Behörden nachlässig gehandelt hatten, wurde 2014 eine weitere Untersuchung unter Leitung von Louise Casey, der Direktorin des „Troubled Families“-Programms der Regierung, in Auftrag gegeben. Die nun am 4. Februar veröffentlichten Ergebnisse der Untersuchung zeigen nicht nur, dass die eigens für die Missbrauchsfälle gebildete Einheit in Rotherham völlig ineffektiv war, sondern dass auch mindestens ein derzeitiges und ein ehemaliges Ratsmitglied in die Fälle verwickelt sind.

Diese Ergebnisse überraschen nicht. Bereits 2013 war der stellvertretende Ratsvorsitzende, Jahangir Akhtar, zurückgetreten, da er beschuldigt worden war, von einem Verhältnis zwischen einem der Mädchen und einem der beschuldigten Männer gewusst zu haben. Ein Jahr später trat Bürgermeister Barry Dodson zurück, nachdem ihm vorgeworfen worden war, 1987 ein 13jähriges Mädchen missbraucht zu haben.

In der Untersuchung heißt es zusammenfassend: „Die Kultur des Rates ist ungesund: Mobbing, Sexismus, Vertuschung und unangebrachte ‚political correctness` haben sein Versagen zementiert.“ Die Ergebnisse der Untersuchung zeigen, dass Stadtrat und Behörden den Missbrauch nicht nur ignorierten, sondern sich sogar über die Anschuldigungen gegen sie empörten und der „Murdoch-Presse“ vorwarfen, eine „politisch motivierte“ Lügenkampagne gegen sie zu betreiben. Zudem wird aus Aussagen von weiblichen Ratsmitgliedern klar, dass der Stadtrat von einer Macho-Kultur geprägt war. Ein Bürgermeister beispielsweise sprach nach Angaben einer Rätin davon, dass in seiner Amtszeit alle hübschen Frauen im Büro geküsst werden konnten.

Die Fakten sprechen also dafür, dass das Nichthandeln der Behörden nicht etwa von der Absicht motiviert war, etwaige rassistische Diskriminierung zu verhindern, sondern vielmehr von Sexismus und Chauvinismus. Die jungen, oft marginalisierten Mädchen wurden nicht als Opfer, sondern als schwierige Jugendliche gesehen, die „auf die schiefe Bahn“ geraten seien und sich ganz bewusst in den falschen Kreisen bewegten. Nicht nur wurde auf Hilfegesuche der Missbrauchsopfer nicht reagiert, sondern, wie aus Aussagen der Opfer klar wird, der Missbrauch teilweise, wenn nicht aktiv, so doch zumindest wissentlich unterstützt. Anhand der Aussagen der Opfer wird deutlich, dass die Polizei in vielen Fällen von den Aktivitäten der Beschuldigten wusste, diese aber nicht störte. Ein Beispiel zeigt, wie lapidar die Polizei mit den Hilfegesuchen der Opfer umging. So beruhigte ein Kommissar ein Mädchen mit dem Satz: „Keine Sorge, du bist nicht die erste, die von X vergewaltigt wurde, und du wirst auch nicht die letzte sein.“

Die Independent Police Complaints Commission (IPCC), die Unabhängige Kommission für Beschwerden gegen die Polizei, ermittelt im Rahmen des Skandals gegen zehn Polizisten der Polizei von South Yorkshire und untersucht derzeit 20 weitere Beschwerden.

Doerte Letzmann arbeitet als Wissenschaftlerin und freie Autorin in Cambridge.


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