THEATER: Jeder stirbt für sich allein

Frank Hoffmann bringt mit George Taboris „Flucht nach Ägypten“ im TNL ein Stück Casablanca auf die Bühne. Das Stück um Emigration ist zeitloser Bühnenstoff, und Hoffmanns Inszenierung überzeugt mit einem starken Ensemble.

(© Bohumil Kosthoryz)

Es wirkt, als wäre man um siebzig Jahre zurückgeworfen irgendwo in den Orient. Der Ruf des Muezzin erklingt und ein surrender Ventilator über einer kreisrunden, verdunkelten Bühne suggeriert ein Zimmer in einem kleinen Hotel. Dann lässt Frank Hoffmann seine Figuren der Reihe nach auftreten. Die Zuschauer lernen das nach dem zweiten Weltkrieg aus Wien nach Kairo emigrierte Ehepaar Engel kennen, das in dem abgeranzten Hotel gestrandet ist, in dem der kauzige Hotelbesitzer Glubb (Marco Lorenzini), ein ausgemachter Pfennigfuchser, waltet. Die Beklemmung durch die finanzielle Not der Familie Engel ist förmlich greifbar. Seit zwei Monaten sind sie Glubb die Miete schuldig, und die Visa für das verheißungsvolle Amerika sind noch immer nicht bewilligt. Es ist der Tag der Entscheidung, und Lili Engel wird alles tun, um ihre Familie zu retten.

In einem Drahtseilakt klappert sie ihre Bekanntschaften ab und wirbt mit allen Mitteln der Verführungskunst um Unterstützung. Ihr Mann Franz, gespielt vom deutschen Abendserienstar Heikko Deutschmann, liegt derweil im Bett, windet sich vor Schmerzen und ist unfähig, ein Bein vors andere zu setzen. Ist er gesund genug, um ein Visum nach Amerika zu bekommen? Und wie stark ist das Band, das die Engels zusammenhält? „Wo Schmerzen sind, ist keine Liebe“, meint Franz Engel lakonisch, während Lili sich herrichtet, um Geld zu beschaffen, und überall auf verschlossene Türen stößt. Wo Not und Verzweiflung herrschen, gehen Würde und Souveränität flöten, so scheint es, und es regieren Habgier und Niedertracht. Lilis Kundin Miss Foster zerreisst das von ihr umgenähte Kleid vor ihren Augen, der geile Hauptmann, „Capitain“ Fleure, hat es ähnlich wie der bucklige Arzt Ghoulos nur auf ein amouröses Abenteuer mit ihr abgesehen. Andere Emigranten wie das alte Ehepaar Kuglhof fristen ein ähnlich bedrängtes Dasein, wenngleich sie die Fassade besser wahren.

In seiner gut zweistündigen Inszenierung von Taboris erstem Bühnenstück, das 1952 unter der Regie von Elia Kazan am New Yorker Broadway uraufgeführt wurde und floppte, vermag Hoffmann es, zahlreiche Reminiszensen an Casablanca bis hin zu „Liebling, what watch?“ aufleben zu lassen und dem Bühnenstoff neues Leben einzuhauchen. Sein 13-köpfiges Ensemble spielt ohne Ausnahme stark und setzt den Stoff mit der für Tabori charakteristischen Ironie überzeugend um. Etwa, wenn Marco Lorenzini als Glubb mit blasierter Miene verkündet: „Das Hotel, das ich führe ist wie ein Tiger, der gefüttert werden will“, oder wenn Marc Limpach als amerikanischer Vize-Konsul Lili einem peniblen Verhör unterzieht. „Wir wollen hart arbeiten“ versichert ihm Lili, während der Vizekonsul ihrem Sohn Bubi gönnerisch ein Kaugummi anbietet. „Ich hoffe sie finden ihr Glück, Miss Engel“ ist die Antwort, nachdem auch die Frage, ob sich Kommunisten in der Familie befinden, geklärt ist und Lili nur noch um das Visum ihres Mannes bangt. Der muss noch eine ärztliche Untersuchung bestehen, denn „einem Krüppel“ kann der Vizekonsul nunmal kein Visum geben, „er wäre eine Belastung für unser Land“, stellt er klar. Gerade in den Dialogen über das als Chiffre für eine glückliche Zukunft geltende Amerika wird Taboris Ironie deutlich. Er treibt die Kritik an dem „Land der Glückseligkeit“, in dem er selbst knapp zwanzig Jahre lebte und unter anderem für Alfred Hitchcock schrieb, zynisch auf die Spitze. „Warum wollen Sie in einem Land leben, in dem man schön und erfolgreich sein muss?“, fragt der Arzt Ghoulos Lili Engel. Die Zerrissenheit der Engels und die Grausamkeit westlicher Wohlstands-Systeme, die die Einreise an knallharte Bedingungen knüpfen, zeugen einmal mehr von der Gültigkeit von Taboris Stoff. Dass man sie auf die Situation der Migranten vor den Grenzen Europas übertragen kann, liegt auf der Hand. Da bedürfte es nicht einmal des lapidaren Hinweises „Flüchtlinge gibt es mehr denn je“ auf dem etwas wirren Begleitblatt zum Stück. Gänzlich überzogen ist allerdings die Performace der Araber im Stück, die als Hotel-Bedienstete den Herrschaften ständig unterwürfig die Fliegen von den Kleidern klatschen. Hätte es dieser verächtlichen Darstellung wirklich bedurft?

Die Lichttechnik des „Tracking“ tut hingegen ihre Wirkung. Dadurch, dass jeder Schauspieler mit einem elektronischen Chip ausgestattet ist, ergibt sich eine Belichtung der einzelnen Figuren, die wie von Geisterhand gesteuert wirken. Meist verharren die Figuren in dem Lichtkegel jedoch im Dunkeln, was den beklemmenden Charakter des Stücks nur noch verstärkt.

Die schmerzhafte Erkenntnis, dass am Ende jeder für sich allein stirbt, wird in Hoffmanns Inszenierung nur allzu deutlich. Dass Taboris Werk in diesen Tagen in Luxemburg wiederentdeckt wird (am 26. Februar im Grand Theâtre mit „Requiem für einen Spion“) hängt damit zusammen, dass man über seine (vermeintlich) politisch inkorrekten Witze heute mehr lachen will denn je. Er ist ein Autor, den man gerade in Tagen von Anschlägen auf die Meinungsfreiheit hochhalten und dessen Werk man zelebrieren sollte. Frank Hoffmann ist sich dessen zweifellos bewußt.

Am 24., 25. und 27. Februar um 20h im TNL und vom 11. bis 14. Juni im Rahmen der Ruhrfestspiele Recklinghausen.


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