DEBATTE UM KOLLABORATION: Dekonstruktion eines Mythos?

Auch wenn der Premier noch immer keine Schlüsse ziehen mag, so ist die Debatte um Kollaboration in Luxemburg doch in Gang gekommen. Eine von Forum organisierte Table Ronde bewies dies, brachte allerdings wenig Kontroverses.

Wurden die Luxemburger überrannt? Einmarsch der deutschen Wehrmacht 1940. (©Photothèque de la Ville de Luxembourg)

70 Jahre nach Zweitem Weltkrieg und Besatzung ist es in Luxemburg endlich zu einer Debatte über die Mär der allumfassenden Resistenz gekommen. Der Artuso-Bericht markiert hier eine wichtige Etappe, benennt er doch klar das Ausmaß der Luxemburger Kollaboration. So lässt sich nachvollziehen, wie es dazu kam, dass Luxemburger den Nationalsozialisten zuarbeiteten.

Auch wenn sich jetzt Schreihälse zu Wort melden, wie Gaston Vogel in einem offenen Brief, in dem er Vincent Artuso unter anderem das Aussparen der antisemitischen Agitation im Luxemburger Wort der 1930er Jahre vorgehalten hatte – eine jüngere Generation von Historikern wird sich in ihrem Entschluss zu einer ernsthaften Aufarbeitung nicht beirren lassen. Die durch das LW in den 1930ern propagierte Judenfeindlichkeit ist im Übrigen bereits von Lucien Blau beleuchtet worden. Im Gegensatz zu anderen müht sich zudem das Wort seit einigen Monaten um eine kritischere Berichterstattung über die Besatzungszeit. So fragte Dani Schumacher in einem Leitartikel vor wenigen Tagen, „weshalb der reine Opfermythos nicht schon früher Risse bekam“. Allerdings zeigt sich auch bei ihr die noch existierende Hemmung, die nationale Identifikation und ihre „große Erzählung“ aufzubrechen, wenn sie rechtfertigend konstatiert, dass „eine kritische Auseinandersetzung mit den traumatischen Ereignissen zu einem frühen Zeitpunkt kaum möglich war“. Eine geeinte Nation sei schließlich nötig gewesen für den Wiederaufbau.

Es geht jedoch um die Debatte, die nun angestoßen worden ist – und die mit einer von Forum organisierten Table Ronde einen weiteren Schub erhalten hat. Unter dem Titel „Mythos vom Mythos – Geschichte im Spannungsfeld von Historikern und Zeitzeugen“ diskutierten vergangene Woche unter der Moderation von Pol Schock der DP-Politiker Jean Hamilius, die Filmemacherin Loretta Walz, die Geschichtslehrerin Simone Beck sowie der Historiker Michel Pauly, der auch die Federführung bei der Artuso-Kommission innehatte. Und obwohl die Auswahl der Referenten, wie auch die etwas verschwurbelt elitär anmutende Bezeichnung der Diskussionspunkte (Zeitzeugen; (Be)deutung vom Weltkrieg in Luxemburg; Vom Nutzen und Nachteil der Historie) durchaus Kontroverses erhoffen ließen, mündete die Diskussion doch tendenziell in selbstbestätigendes Schulterklopfen. So bestand allseitige Einigkeit, dass die Vorstellung einer „einig widerständigen“ Luxemburger Bevölkerung unzutreffend ist.

Kein einig widerständiges Luxemburg

Dabei ließen einige Aussagen des Zeitzeugen Hamilius zumindest erahnen, wie es zur Meistererzählung der Resistenz kam. Für ihn war die Zeit der deutschen Besatzung ein „böser Spuk“. Geschichte so erzählt, hat natürlich mehr Nachteil als Nutzen.

Zur Bedeutung der Zeitzeugenberichte lieferte Simone Beck die nicht neue Erkenntnis, das diese die historische Distanz aufheben. Es gebe die Guido-Knopp-Methode und die der Zeitzeugen, die sich als relativ pädagogisch erwiesen habe. Recht unpädagogisch wirkte allerdings ihr Ansatz, „Erinnerung“ zu definieren, wozu sie ausgerechnet Martin Walser und Günther Grass zitierte. Beck erläuterte, dass der straffe Lehrplan es ihr kaum erlaube, über Luxemburger Geschichte „hinreichend“ zu informieren. Loretta Walz hob die Subjektivität und zugleich Vielfältigkeit von Zeitzeugenberichten hervor. Diese hätten die Funktion, die Arbeit der Historiker zu ergänzen. Auf die Frage, wieso es in Luxemburg so lange mit der Aufarbeitung gedauert habe, sei die Antwort vieler der von ihr Befragten gewesen: „Man habe noch ganz andere Bereiche nicht aufgearbeitet“. Walz führte das lange Schweigen auch auf das Fehlen einer Universität in Luxemburg und eines historischen Forschungszweiges zurück.

Versöhnlich gab sich Michel Pauly. „Der Historiker ist froh für alle Zeugenberichte, die er kriegt“. Seine Arbeit sei es, die Informationen, die er bekommt, in einen Kontext zu setzen. Geschichtswissenschaftler seien sich dessen bewusst, dass sie Geschichte nicht vorfinden, sondern konstruieren. Wissenschaftliche Objektivität gebe es nicht. So bilde sich stets eine kollektive Erzählung heraus. Das Neue an dem Artuso-Bericht sei, dass er erklärt, wie es zum Verhalten der Verwaltungskommission gekommen ist. Ähnlich wie Artuso anlässlich der Vorstellung des Berichts betonte auch Pauly, dass es zwei verschiedene Regierungen gab: die Verwaltungskommission und die Exilregierung.

Erstaunlich war, dass keiner der Diskutanten klarmachte, dass nur durch die – freilich subjektiven – Berichte von Zeitzeugen und ihre unmittelbare Betroffenheit das Gesamtausmaß des Geschehenen überliefert wird. Wenn es keine Holocaust-Überlebenden mehr gibt, wird das Überlieferte abstrakt. „Warum fällt es uns eigentlich nach 70 Jahren immer noch so schwer, zuzugeben, dass es eine Kollaboration gegeben hat?“, brach es aus einem Mann aus dem Publikum im bis zum letzten Stuhl gefüllten Saal heraus. Ein mutiger Einwand, angesichts dessen, dass sich neben Hamilius noch weitere zu Wort meldeten, die der Meinung waren, dass Artusos Bericht zwar wertvoll sei, aber keinesfalls zu irgendwelchen Schlüssen berechtige.

Frage der Entschuldigung

Kein Wunder also, dass sich auch der Premier noch immer schwer mit der Angelegenheit tut, weiß er doch um den Nationalstolz seiner Wählerschaft. Viel mehr als ein zerknirschtes „Wir waren nicht alle Helden“ kam ihm anlässlich der Pressekonferenz der Vorstellung des Artuso-Berichts nicht über die Lippen. Immerhin kündigte er an, sich über die Ergebnisse des Abschlussberichts mit den Kollegen in der Chamber in einer öffentlichen Debatte austauschen zu wollen. Was genau soll dort aber diskutiert werden? Bedarf es für eine Entschuldigung wirklich noch eines Plazets seiner Kollegen?

Klare Worte fand am Abend der Veranstaltung Renée Wagener. Sie hob die rechtliche Kontinuität des Luxemburger Staates, die sich in Institutionen wie auch in beiden Regierungen – sowohl der Exilregierung als auch der Verwaltungskommission – manifestierte, hervor. Manche mögen vielleicht in Entschuldigungen eine politische Mode sehen, doch sei eine solche dennoch wichtig, um symbolisch zu verdeutlichen, dass Unrecht geschehen ist, wie auch, um jüngere Generationen zu sensibilisieren, so Wagener.

Eine Entschuldigung würde bedeuten, Verantwortung zu übernehmen für Verbrechen, die eine Regierung und zahlreiche Luxemburger im Namen Luxemburgs mitbegangen haben. Angesichts der längst erfolgten Gesten Jacques Chiracs oder Elio Di Rupos ein überfälliger Schritt.

Die Aufnahme des Abends ist über die Webseite von Forum (www.forum.lu) als Podcast nachzuhören.


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